Hart und konzentriert arbeiten die Bauarbeiter auf der Hochbrücke in Horb. Jetzt fragen sich viele: Haben die Planer und Bosse von Porr den Bau überhaupt im Griff? Foto: Jürgen Lück

So erklärt die Baufirma, warum sie den Fertigbau der Hochbrücke erst vier Jahre später schafft. Was Porr über die Mehrkosten sagt, wann die nächste Rauschbart-Vollsperrung kommt.

Die ganze Stadt ist entsetzt, dass sich die Hochbrücke Horb jetzt in die Reihen der Sankt-Nimmerleinstag-Baustellen mit dem Berliner Flughafen und Stuttgart 21 einreiht. Ein Leser schreibt: „Hat das Regierungspräsidium die komplizierteste Brücke der Welt in Auftrag gegeben?“

 

Gute Frage. Bisher ist nur Regierungspräsidentin Sylvia M. Felder in die Öffentlichkeit mit der schlechten Nachricht gegangen. Sie sagt, dass die Firma Porr mitgeteilt habe, dass sie die Hochbrücke erst 2030 fertig bauen kann.

Porr bestätigt das neu terminierte Bauende

Jetzt nimmt auch die Baufirma auf Anfrage unserer Redaktion Stellung. Ein Unternehmenssprecher erklärt: „Wir bestätigen, dass die Porr dem Regierungspräsidium Karlsruhe in einer Bauberatung vorgetragen hat, dass bei Fortführung des ursprünglichen Bauablaufs ein Bauende circa 2030 erwartet wird. Zur Vermeidung eines solchen Bauendes hat die Porr aus partnerschaftlichen Gründen ein Konzept zur Verkürzung der Bauzeit ausgearbeitet und dies in der genannten Bauberatung vorgestellt. Durch die Einführung von Parallelarbeiten, Doppelschichten sowie dem Einsatz zusätzlicher Kräne und Gerüste ist eine Fertigstellung bis 2027/28 möglich.“

So begründet Porr die Verzögerung

Doch wie kann das sein, dass bei bisheriger Planung eine Bauzeit bis 2030 angenommen wird? Der Unternehmenssprecher: „Zum Zeitpunkt der Auftragsvergabe lag lediglich eine vom Auftraggeber vorgelegte Entwurfsplanung vor, jedoch noch keine Ausführungsplanung. Aus der inzwischen vorliegenden Ausführungsplanung haben sich sukzessiv die Detailschärfe und die Komplexität ergeben.“ Das Regierungspräsidium hat laut eigener Aussage seit dieser Information versucht, mit Porr ein vertieftes Gespräch zu führen, um mehr über die Hintergründe zu erfahren. Das kam bisher nicht zustande. Regierungspräsidentin Felder: „Dass sich die Fertigstellung der Hochbrücke Horb um vier Jahre allein durch die angebliche Komplexität verzögert, das halten wir für eine schwierige Begründung von Porr.“

Warum muss Porr für diese Verzögerung keine Strafe zahlen? Es gibt einen Vertrag zwischen dem Regierungspräsidium als Vertreter des Bundes und als Bauaufsicht und der Firma Porr. Die konkreten Inhalte bleiben geheim. Regierungspräsidentin Felder nennt aber zwei Inhalte: Vertraglich ist die Fertigstellung zum Jahresende 2026 vereinbart. Es ist keine Pönale (Vertragsstrafe, d. Red.) für Verzögerungen vereinbart.

Warum nicht? Michael Lumpp, Referatsleiter Straßenbau Süd: „Solche Pönalen werden normalerweise nur bei Autobahn-Bauarbeiten oder Ähnlichem vereinbart. Damit soll der volkswirtschaftliche Schaden durch Staus bei beispielsweise längeren Vollsperrungen als geplant vermieden und kompensiert werden.“

Warum nicht nur Geld eine Rolle spielen wird Porr hat das Angebot gemacht, die Hochbrücke schneller fertig zu bauen. Für Regierungspräsidentin Felder klar: Dabei geht es natürlich auch ums Geld. Bisher lagen die Baukosten bei 167 Millionen Euro. Felder hatte bereits gesagt: „Da geht es um hohe Summen. Eine Verzögerung bedeutet Kosten für Porr, der Mehraufwand auch. Die wollen sie natürlich umlegen.“ Der Unternehmenssprecher von Porr: „Zu finanziellen Fragen werden grundsätzlich keine Auskünfte erteilt.“

OB: Dürfen uns nicht erpressbar machen

Horbs OB Peter Rosenberger hatte dazu gesagt: „Man könnte den Eindruck gewinnen, dass jetzt zwei Alternativen aufgebaut werden sollen: Hochbrücke erst 2030 fertig oder bis 2028 bei erheblichen Mehrkosten für die Allgemeinheit. Erpressbar werden darf man natürlich nicht.“

Welche Rolle spielt die Ausführungsplanung? Straßenbau-Referatsleiter Lumpp: „Wir haben durch ein renommiertes Ingenieurbüro die Entwurfsplanung gemacht, auf der die Ausschreibung basiert. Die Firma Porr selbst hat dazu eine Ausführungsplanung gemacht, die wir ebenfalls überprüft haben. Nach zwei Jahren Ausführungsplanung und 15 Monaten Bau kommt Porr zu der Meinung, dass der Überbau zu komplex und kompliziert zu bauen sei. Das ist überraschend.“

Porr sagt: „Aus der inzwischen vorliegenden Ausführungsplanung haben sich sukzessiv die Detailschärfe und die Komplexität ergeben.“

Nur wenige Firmen kamen damals in Frage

Horbs OB Peter Rosenberger: „Für die Ausschreibung dieses hochkomplexen Brückenbauwerks kommen nur wenige Firmen europaweit in Frage, die das können. Diese Komplexität der Hochbrücke hätte Porr klar sein können – das erkennt ein Laie.“

In der sogenannten Ausführungsplanung wird zeichnerisch und konstruktiv genau festgelegt, wie die Hochbrücke gebaut werden muss. Sie gilt als „Gebrauchsanweisung“ für die Bauarbeiter vor Ort. Aber das sind „nur“ Zeichnungen und Pläne.

Wie kompetent ist die Baufirma Porr? Allein an der Misere mit dem Querträger an einem Hochbrückenpfeiler – am Rosenmontag in Horb sind an einem Pfeiler die „Stahldübel“ der Konstruktion weggebrochen, auf denen 150 Tonnen Beton lastete – zeigt, dass solche theoretischen Konzepte in der Praxis durchaus Tücken haben können. Dennoch dürfe man von einem Bauprofi wie Porr erwarten, dass er solche Risiken schon vor Baubeginn allein schon aus seiner Erfahrung „einschätzen“ und „einpreisen“ und dem Auftraggeber zumindest signalisieren könne, sagt ein Kenner, der nicht namentlich genannt werden möchte, der Baubranche im Gespräch mit unserer Redaktion. Die Frage: Ist das geschehen?

Fakt ist: Regierungspräsidentin Felder hat angekündigt, mit einem Rechtsbeistand zum Gespräch mit Porr zu erscheinen. Sie sagt: „Wir bestehen auf der Einhaltung des geschlossenen Vertrags.“

Was bedeutet die neue Hochbrücken-Misere für die Rauschbart-Vollsperrung? Spätestens ab Samstag, 14. September, werden alle Anwohner der Bildechinger Steige, Bus- und Autofahrer aufatmen – dann ist die Rauschbart-Vollsperrung vorbei. Eigentlich drohte die nächste im Frühjahr 2026. Was ist damit?

Typisches Verkehrschaos während der Rauschbart-Vollsperrung im Januar 2024 am unteren Marktplatz in Horb. Archivfoto:  Jürgen Lück

Michael Lumpp vom Regierungspräsidium: „Die nächste Rauschbart-Vollsperrung dient dazu, die Straße ab Gutermannstraße zum Knotenpunkt der Hochbrücke am Rauschbart zu erneuern. Dieser Zeitpunkt hängt von der Fertigstellung der Hochbrücke ab.“ Wenigstens für die noch staugeplagten Autofahrer und die Rexinger, die durch die Umleitung des Schwerverkehrs leiden, könnte die neueste Entwicklung eine gute Nachricht sein.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version fehlte der Hinweis, dass es sich bei dem Foto im Text um ein Archivfoto von der ersten Rauschbart-Vollsperrung im Januar 2024 handelt. Damals gab es noch keine Einbahnstraßen-Lösung in der Altheimer Straße.