Benjamin Merkt überbringt Mordechai Ciechanower ein Album mit Glückwünschen aus Deutschland zu seinem 99. beziehungsweise 100. Geburtstag. Foto: Merkt

Zum 99. Geburtstag des einzigen noch lebenden ehemaligen KZ-Häftlings Mordechai Ciechanower im damaligen Arbeitslager Hailfingen/Tailfingen reiste Benjamin Merkt nach Israel und überbrachte ihm ein Album mit Glückwünschen.

„Das ist das schönste Geschenk für mich“, so die Worte des 99-jährigen Mordechai Ciechanower, der nicht mehr in der Lage ist nach Deutschland zu reisen. Auf die Idee, zu dessen Geburtstag nach Israel zu reisen, kam der geschichtlich interessierte 20-jährige Benjamin Merkt über die Bundeszentrale für politische Bildung. Er absolvierte eine Ausbildung als Jugend-Guide und führt seitdem Schulklassen durch die Erinnerungsstätte Hailfingen/Tailfingen.

Neben seiner Arbeit am Landgericht Stuttgart in der Geschäftsstelle der dortigen Zivilrichter recherchierte er über das Arbeitslager am einstigen Flugplatz und fand heraus, dass es noch zwei Überlebende aus dieser Zeit gab. Ein Besuch des in Amerika Lebenden konnte nicht mehr stattfinden, da dieser im Januar 2021 verstarb.

Jedoch mit Mordechai Ciechanower nahm Benjamin Merkt Kontakt auf, telefonierte mit ihm und besuchte ihn bereits vergangenes Jahr im Mai in Israel. Aus diesem ersten Treffen entwickelte sich eine freundschaftliche Verbindung zu dem einstigen Zwangsarbeiter, der drei Monate im Arbeitslager verbringen musste, einem Ort, der ihn an seinen Leidensweg zwischen 1939 und 1945 erinnert.

600 jüdische Zwangsarbeiter

600 jüdische Zwangsarbeiter waren in der Zeit von November 1944 bis Februar 1945 dort untergebracht. Mordechai erzählte Merkt, dass er im Hangar auf Stroh geschlafen hat, das während der gesamten drei Monate nicht ausgewechselt wurde. Nicht nur der äußerst kalte Winter setzte den Zwangsarbeitern zu, auch die Läuse machten den Menschen schwer zu schaffen. Ciechanower war beim Ausbau der Landebahn eingesetzt, musste hart schuften bei wenig Verpflegung. Leere Betonsäcke, die er sich um seinen Körper gebunden hatte, sollten ihn ein wenig wärmen. Seine Fingerspitzen hatte er sich vorher schon in Auschwitz abgefroren.

Von den 600 jüdischen Zwangsarbeitern starben 189 an Krankheiten, Unterernährung, Misshandlung oder durch Erschießungen. Mordechai Ciechanower hat überlebt.

Auf die Frage von Merkt, wie er diese Zeit überlebt hatte, sagte er: „Ich bin schon unzählige Male tot gewesen, mehr als 95 Prozent tot war ich schon. Und ich habe bis heute keine Antwort auf die Frage gefunden, warum ich noch am Leben bin.“

Er hält immer noch Vorträge

Trotz seines hohen Alters, Seh- und Hörvermögen haben sich verschlechtert, geht es ihm soweit gut und er hält noch immer Vorträge in Israel und empfängt Besuchergruppen aus Deutschland, denen er seine Geschichte erzählt. Veröffentlicht wurde sie auch in dem 2007 erschienenen Buch von Ciechanower „Der Dachdecker von Auschwitz-Birkenau“.

Dass ihn viele Menschen ins Herz geschlossen haben, macht das Album deutlich, das Merkt ihm zu seinem 99. Geburtstag überbrachte. Darin enthalten sind neben zahlreichen Briefen auch Bilder, beispielsweise vom Empfang beim letzten Bundespräsidenten Joachim Gauck.

Auch Fotos aus früheren Zeiten, zusammen mit der vor drei Jahren verstorbenen Ehefrau von Ciechanower sind darin zu finden.

Ein Jahr älter gemacht

Seinen 99. oder 100. Geburtstag beging Ciechanower am 27. Februar. Er war 18 als er nach Auschwitz kam, machte sich aber um ein Jahr älter, um nicht umgebracht zu werden. Als er 1945 nach Israel kam, wurde in seinen israelischen Pass als Geburtsjahr 1923 eingetragen, während in seinem polnischen Pass 1924 stand.

Sein 100. Geburtstag wurde in Israel groß gefeiert. Der israelische Staatspräsident Jitzchak Herzog hat zum staatlichen Empfang eingeladen.

Benjamin Merkt hat Mordechai Ciechanower versprochen, sich gegen das Vergessen der Geschichte einzusetzen, als Testament der Menschen, die nicht am Leben geblieben sind.