Sabine Kurtz, Staatssekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch und Landwirt Andreas Ott (von links).Foto: Stadler Foto: Schwarzwälder Bote

Strukturwandel: Staatssekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch besucht Bauern in Jettingen / Eigene Vermarktung als Chance

Die Landwirtschaft unterliegt einem stetigen Strukturwandel, erlebt schwierige Zeiten und zumeist auch mangelnde Wertschätzung. Dass es schon immer schwierig war, weiß Staatssekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch, selbst auf einem Bauernhof im Kraichgau aufgewachsen, nur zu gut. Sie besuchte Landwirte in Jettingen.

Jettingen. Auch hochmoderne Betriebe, wie der von Hans-Martin und Andreas Ott auf den Jettinger Höhenhöfen kämpfen mit den Problemen des heutigen Marktes. Die Staatssekretärin im Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz besuchte gemeinsam mit der CDU-Landtagsabgeordneten Sabine Kurtz den nach neuesten Erkenntnissen geführten Milchviehbetrieb auf den Höhenhöfen der Familie Ott und den "Lernort Bauernhof" von Heidi und Wilhelm Haag in Unterjettingen. Begleitet wurden sie vom Jettinger Bürgermeister Hans Michael Burkhardt und Vertretern der örtlichen CDU.

Der vor fünf Jahren errichtete Außenklimastall für 300 Rinder mit eigener Aufzucht wurde in einer offenen Konzeption auf Weideflächen gebaut. "Der Betrieb ist ein Bilderbuchbeispiel für das Tierwohl", äußerte sich Staatssekretärin Gurr-Hirsch, angetan und beeindruckt von dem hochmodernen Betrieb mit zwei Melk-Robotern, an denen die Kühe vollautomatisch und tierfreundlich ihre Milch geben und dort etwa alle acht Stunden alleine hinlaufen.

Gurr-Hirsch sprach bei ihrem Besuch über den stetigen Strukturwandel mit dem heutigen Markt als Problem der Landwirtschaft. "Seit 2004 reduzierte sich die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe in Baden-Württemberg um mehr als 20 000 und zählt aktuell noch 40 000", belegte sie das Thema mit Zahlen.

Als Treiber nennt die Staatssekretärin die schlechten Marktpreise aufgrund der Vorgaben von fünf großen Lebensmittelketten. "Bauern werden für ihre Arbeit zu wenig wertgeschätzt", bedauert die von Kindesbeinen mit der Landwirtschaft vertraute Staatssekretärin.

Aus ihrer Sicht ist die Landwirtschaft mehr als systemrelevant, da jeder Mensch täglich Nahrung brauche. Dabei nennt sie auch die momentane Krise als Chance. Ein Beispiel dafür seien Hofläden. Sie verzeichneten seit dem Corona-Ausbruch ein Umsatzplus von rund 40 Prozent gegenüber den Vorjahren. Die Versorgung mit regionalen Produkten hat deutlich an Bedeutung gewonnen und dafür, so Gurr-Hirsch, sollte auch ein höherer Preis gerechtfertigt sein und der Produzent sollte mehr für seine Leistung bekommen.

Trotzdem sieht sie diese Entwicklung nicht als Schlag gegen die Globalisierung. "Wir werden auch weiterhin und trotzdem Orangen aus Spanien oder einen Roquefort-Käse aus Frankreich importieren und genießen. Man müsse regional denken und beispielsweise Milch, aber auch Obst und Gemüse aus der Region nachfragen. Überdies sei, so Gurr-Hirsch, im Heckengäu die Wertschöpfungskette stark, müsse aber weiter gestärkt werden.

Kurt Ott, der Vater von Hans-Martin Ott hatte den Betrieb am höchsten Punkt des Landkreises Böblingen, auf den Höhenhöfen bei Jettingen, 1974 gekauft. Nach dem Agrar-Ingenieur-Studium von Andreas Ott, gründeten Hans-Martin und Sohn Andreas Ott eine Gesellschaft des bürgerlichen Rechts und bauten mit dem offenen Außenklimastall den Milchviehbetrieb mit diesem neuen "Herzstück" auf modernste Weise aus.

Beim Besuch von Staatssekretärin Gurr-Hirsch wurde auch das Flurneuordnungsverfahren thematisiert und die oft komplizierte Teilung der Feldwege zwischen Landwirten und Spaziergängern. Die Staatssekretärin ist der Auffassung, dass hierbei den Landwirten bei ihrer Arbeit Vorrang zu gewähren sei.

Ein gemeinsamer Rundgang durch den nach außen hin offenen Außenklimastall verdeutlichte die heute tiergerechtere Haltung von Rindern in sogenannten Tierwohl- und Liegeboxen auf Kalk-Stroh-Mischungen aus eigenem Rapsanbau.

Im Anschluss besuchte die Delegation den Hof von Heidi und Wilhelm Haag und informierte sich über die dort eingerichtete Milchtankstelle. Rund um die Uhr liefert sie frische Milch, die von 40 Milchkühen stammt und auch in eigene mitgebrachte Flaschen abgefüllt werden kann.

Das Projekt "Lernort Bauernhof", kam im Imental durch die Corona-Pandemie ins Stocken, berichtete Heidi Haag. Üblicherweise besuchen dreimal im Jahr zweite Klassen der Grundschule Unterjettingen den Hof der Familie Haag.

Geplant ist, ab April wieder mit diesem naturnahen Lernen vor Ort durchzustarten. Gurr-Hirsch bewertete diesen Ansatz als äußerst wichtig, da immer weniger Menschen einen konkreten oder unmittelbaren Bezug zur Landwirtschaft haben.

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