Machen sich für Gemeinschaftsschulen stark:: Konrektor Philipp Lochmüller (von links), Rektor Dominic Brucker und die gymnasialen Lehrkräfte an der GMS Jettingen, Teresa Fay und Stella Müller. Foto: Zabota Foto: Schwarzwälder Bote

Umfrage-Ergebnis: Gemeinschaftsschule Jettingen stellt sich gegen die Kritik des Philologenverbands

Mobbing von Kollegen, lausige Lernatmosphäre, ein sehr tiefes Bildungsniveau – so sehen Gymnasiallehrer die Gemeinschaftsschulen (GMS). In Jettingen stellt man dem eine Umfrage entgegen. Das Ergebnis: Glückliche Lehrer und zufriedene Schüler.

Jettingen. Lehrer, die von Berufs wegen ja eher zur Coolness neigen, haben sich richtig aufgeregt: Die Kritik sei anmaßend, Gemeinschaftsschulen würden an den Pranger gestellt, ja, es sei ein Verbrechen an Kindern, die sich dort wohlfühlen. Grund der Aufregung war eine Pressemitteilung des Philologenverbandes (PhV) Baden-Württemberg, der nach eigenen Angaben 9000 Lehrkräfte an Gymnasien und Gemeinschaftsschulen vertritt. Darin heißt es unter anderem, GMS-Klassen bestünden hauptsächlich aus Schülern mit "Hauptschulempfehlung", darunter vielen "verhaltensauffälligen", so dass es kaum möglich sei, eine "Lernatmosphäre" herzustellen.

Die an GMS tätigen Gymnasiallehrer klagen, dass ihre "massive Arbeitsleistung" verpuffe, sie klagen über "massives Mobbing" von Seiten des Kollegiums und dass ihre Anträge auf Wegversetzung generell abgelehnt würden.

Dominic Brucker, Rektor an der GMS in Jettingen, wollte das nicht hinnehmen, hat sich Verbündete gesucht und gefunden – nämlich die Gemeinschaftsschulen der Umgebung: Die Ehninger Friedrich-Kammerer-GMS, die Rottenburger GMS im Gäu, die GMS Gäufelden, die GMS Weil im Schönbuch und die Vogt-Hess-GMS in Herrenberg. Zusammen haben die Verantwortlichen eine Umfrage unter Schülern und ihren gymnasialen Lehrkräften gestartet, deren Ergebnisse jetzt an der GMS Jettingen vorgestellt worden sind. Außer den Schulleitern waren zahlreiche gymnasiale Lehrkräfte und Elternvertreter dabei.

"Im Augenblick bin ich superglücklich hier"

Die Ergebnisse der Umfrage vermitteln ein ganz anderes Bild von der Lage an den GMS als der Philologenverband. Stella Müller, gymnasiale Lehrkraft an der GMS Jettingen hat das so auf den Punkt gebracht: "Im Augenblick bin ich superglücklich hier".

In der Tat sind die Standpunkte ziemlich konträr. Der PhV gibt an, die Gymnasiallehrer wollten weg von der GMS. Von den 16 Teilnehmern der Umfrage unter gymnasialen Lehrkräften wollen sich 15 gar nicht versetzen lassen, sie haben auch noch nie einen Versetzungsantrag gestellt. Nur drei von sechzehn wollen lieber am Gymnasium arbeiten, sieben wollen an der GMS bleiben, sechs sind sich nicht sicher.

Auch am Mobbingvorwurf scheint nicht viel dran zu sein. Nur einer von diesmal 17 Befragten ist schon mal gemobbt worden, 15 sprechen von gelungenem Teamwork unter Kolleginnen und Kollegen. Was das Bildungsniveau angeht, so wies Rektor Brucker auf die deutliche Orientierung "nach oben hin". Die Befragung von rund 250 Schülerinnen und Schülern habe ergeben, dass 46 Prozent eine "Hauptschulempfehlung" haben. Jedoch streben rund 69 Prozent mindestens die Mittlere Reife oder das Abitur an. Christoph Nau, Schulleiter in Ehningen, sagte, die Realschulabschlüsse an den GMS lägen absolut auf Augenhöhe mit denen anderer Schulen. Schließlich seien die rund 300 GMS in Baden-Württemberg keine Exoten mehr, sondern ein wichtiger Baustein des Bildungssystems mit einem ganz eigenen pädagogischen Konzept.

Zum Thema Lernatmosphäre (Philologen: "dauernde Störungen") erzählte Kerstin Wizemann, Elternvertreterin aus Ehningen, sie sei einmal an einem offen stehenden Klassenzimmer vorüber gegangen und dachte, das Zimmer sei leer. Tatsächlich aber haben die Schülerinnen und Schüler in dem Zimmer so konzentriert gearbeitet, dass es völlig still gewesen sei. Bettina von Schaper, gymnasiale Lehrkraft an der GMS in Ehningen, meinte über die Arbeitsbelastung: "Ja, die ist höher, aber die Arbeitszufriedenheit auch." Lukas Leger, gymnasiale Lehrkraft an der GMS Weil im Schönbuch, gab an, er sei wegen des Kollegiums sehr gerne an dieser Schule. "Man arbeitet näher am Menschen und reduziert die Schüler nicht auf Leistung".

Beistand erhielten die Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg auch von Ministerpräsident Winfried Kretschmann, dessen erstes Kabinett diese Schulart 2012 neu eingeführt hatte. Seiner Kenntnis nach hätten die Urteile des Philologenverbandes mit einer systematischen Untersuchung gar nichts zu tun, sagte er laut der Presseagentur dpa: "Das sind unzufriedene Gymnasiallehrer, die lieber am Gymnasium wären und jetzt da ein bisschen rumkritisieren."

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