Generationen von Nagoldern kennen den Tunnel unter den Gleisen. Die einen lieben ihn, die anderen meiden ihn. Wofür das „Kuhloch“ gebaut wurde und was seine Faszination ausmacht.
Nagold hat eine der größten Burgruinen Baden-Württembergs, hat den Alten Turm, das mächtige Viadukt, und selbst einen keltischen Grabhügel kann man dort entdecken. Das Kuhloch aber gehört eigentlich nicht zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt. Oder etwa doch?
In den Augen mancher Betrachter ist der Fußgängertunnel ziemlich angesagt. Denn das Kuhloch gilt als Lost Place. Und kam so auch schon in Social-Media-Filmbeiträgen von Lost-Place-Spezialisten zu Ehren.
Das Kuhloch versprüht diesen ganz besonderen Gruselcharme
Wobei wirklich „lost“ ist das Kuhloch eigentlich nicht. Und das macht es so besonders. Das Kuhloch ist noch immer in Betrieb. Und es versprüht auch heute noch diesen ganz besonderen Gruselcharme.
Dass das Bauwerk eher zu den unwichtigeren in der Stadt gehört, ist auch daran zu merken, dass es in den Archiven kaum Informationen zu ihm gibt. Das Kuhloch kennt man einfach. Und gefühlt war es schon immer da.
War es natürlich nicht: Wir schreiben das Jahr 1872, als König Karl von Württemberg nach Nagold reiste, um ein für die Stadt besonders wichtiges Bauwerk einzuweihen. Nein, wir reden jetzt nur indirekt vom Kuhloch. 1872, da ging Nagold ans Netz, also an das Bahnnetz. Der Bahnhof wurde damals eingeweiht.
Eng mit der Bahnhofsgeschichte verbunden ist auch die Geschichte des Kuhlochs. Es entstand zusammen mit dem Bahnhof und diente dazu, das Wasser von den Hängen unter den Schienen hindurchzuleiten.
Im Prinzip ist das auch heute noch die Aufgabe, wobei mittlerweile die Hänge dicht bebaut sind, und durch den schmalen Tunnel auch das Abwasser aus dem Wohngebiet geleitet wird.
Doch die Besonderheit ist die Begehbarkeit dieser Abwasserunterführung. Für die Bewohner des Kernens und des Galgenbergs war das Kuhloch schon immer der direktere Weg in die Innenstadt, je nachdem halt, wohin es einem genau zog.
Der Tunnel erinnert an einen mittelalterlichen Geheimgang
Unzählige Schülergenerationen standen schon vor der allmorgendlichen Frage: Führt mich der Schulweg heute morgen durch das Kuhloch? Das spart ein paar Minuten Zeit. Oder verzichte ich auf diesen Grusel am Morgen und laufe den längeren Weg an den Bahnschienen entlang?
Der Gruselfaktor im Kuhloch ist nicht zu unterschätzen. Das liegt auch daran, dass die Bahn-Unterführung eben so ganz anders ist, als moderne Unterführungen. Der Weg ist schmal, die gemauerten, nach oben hin abgerundeten Wände erinnern eher an einen mittelalterlichen Geheimgang – jede Menge Spinnweben inklusive.
Dunkel, muffig, alt und gruslig – all das ist das Kuhloch
Auf der Seite verläuft das Abwasserrohr, daneben ist der schmale Fußweg, immer wieder von Stufen unterbrochen.
Dunkel, muffig, alt und gruslig – all das ist das Kuhloch. Und all das und so einiges mehr hat zum Kultstatus dieser Nagolder Unterführung beigetragen. Natürlich ist dieser Ort gefühlt schon immer prädestiniert für Vandalismus, Graffiti aller Art - und auch für die Gerüchteküche. Was soll sich nicht schon alles in dem Tunnelchen zugetragen haben.
Dabei ist das Kuhloch heute wirklich gut ausgeleuchtet – und dennoch wirkt die ganze Szenerie schummrig und dunkel.
Wie muss das erst damals gewesen sein? Als die Unterführung eröffnet wurde? Wir ahnen es: stockdunkel.
1950 wird im Nagolder Gemeinderat immer wieder über das Kuhloch diskutiert. Mehrfach geht die Anregung an die Stadt, die Bahnunterführung endlich zu beleuchten. Denn wie heißt es so schön im Zeitungsbericht vom 21. Oktober 1950: „Die häufige Verunreinigung dieses Durchgangs“ sei für Nagold keine Empfehlung. Mehr Licht sollte also helfen. Neun Tage später wird schon Vollzug gemeldet. Die Unterführung sei nun mit „ausreichend elektrischer Beleuchtung versehen“ worden.
Für die arbeitende Bevölkerung ein wichtiger Durchgang
Mit großen Worten wird das Licht im Tunnelchen wie ein Jahrhundertbauwerk gefeiert: „Damit hat dieser besonders für die arbeitende Bevölkerung so wichtige Durchgang unter dem Güterbahnhofsgelände seinen Schrecken verloren und ist für jedermann benützbar.“ Kleiner Fakt am Rande: Unterhalb des Kuhlochs im Tal gab es damals an der Calwer Straße noch einige größerer Fabriken.
Die Erwartung aber, dass nun „auch die zahlreichen, immer wieder beobachteten Verunreinigungen dort unterbleiben“ erfüllten sich nicht. Man wird den Vandalen einfach nicht Herr. Unter anderem ist 1969 von einer erneuten Zerstörung der Beleuchtung des Kuhlochs zu lesen. „Man kann allmählich den Mut dazu verlieren“, wird Bürgermeister Eugen Breitling zitiert. Den verlor er aber nicht wirklich, die Beleuchtung wurde ersetzt.
Während des Kriegs diente das Kuhloch auch als Bunker
Es gibt Nagolder, die meiden das Kuhloch seit jeher. Und es gibt Nagolder, die lieben ihr Kuhloch, auch wegen der vielen Erinnerungen, die mit dem direkten Weg ins Tal verbunden sind. Jeder Weg war da als Kind eine kleine Mutprobe.
Während des zweiten Weltkrieges diente das Kuhloch auch als Bunker. Dafür wurde es eigens ausgebaut. Und es gibt auch Zeitzeugenberichte von Familien, die sich beim Einmarsch der Franzosen im April 1945 im Kuhloch versteckt hielten.
Die Stadt Nagold betreibt heute einiges an Aufwand, damit dieser Nagolder Lost Place erhalten bleibt. Die Stadtreinigung geht ein- bis zweimal in der Woche durch den Tunnel und führt eine Handreinigung durch. Im Frühjahr und im Herbst steht eine größere Reinigung an.
Nach Angaben von Nagolds Pressesprecherin Julia Glanzmann ist auch die kleine Kehrmaschine der Stadt vier- bis sechsmal im Jahr im Einsatz, um das Laubmaterial vor den Eingängen zu entsorgen. Zuvor haben Mitarbeiter der Stadtreinigung das Laub und die alten Äste mit dem Laubbläser durch den Tunnel in Richtung Tageslicht geblasen.
Warum heißt die Unterführung Kuhloch?
Bleibt die Frage aller Fragen: Warum die Unterführung eigentlich Kuhloch heißt. Sogar Nagolds Oberbürgermeister Jürgen Großmann stellte vor etwa einem Jahr in einem Instagram-Post dazu eine Vermutung an: „Die Bezeichnung Kuhloch kommt vermutlich nicht von dem Tier, sondern Kuh (cue) bedeutet schwarz oder dunkel. Außerdem kann ein Kuhloch ein Loch mit einer finsteren Höhle sein.“
Die offizielle Info der Stadt auf einem Wanderschild ist griffiger: „Warum Kuhloch? Ganz einfach: Darin war es früher, bevor der Durchgang beleuchtet wurde, dunkel – so dunkel wie das Loch einer Kuh!“
Doch letztlich ist das noch immer zu feinsinnig ausgedrückt. Der Volksmund hatte bei seiner Namenswahl wohl eher das derbe Sprichwort im Visier: „Da ist es dunkel wie im Kuharsch“. Nur „Kuharsch“ – das sagt man halt nicht. Also eben „Kuhloch“ - klingt doch gleich viel netter.