Die norwegische Sängerin – hier bei einem früheren Auftritt – begeisterte wieder einmal das Stuttgarter Publikum. Foto: Ferdinando Iannone/Lg

Rebekka Bakken präsentiert im Theaterhaus alte Lieder aus ihrer Kindheit. Auf der Suche nach Wahrheit und Glück behandelt sie die ewigen Themen.

Das Nordische hat für uns Mitteleuropäer eine spezielle Faszination. Man verbindet damit Fjorde, Berge und weite, kalte Landschaften, in denen wenige Menschen zusammen mit Trollen und Elfen leben. Oder nicht? Für die Sängerin Rebekka Bakken bedeutet der Norden Heimat – und das klingende Echo ihrer Kindheit in Norwegen hat die 56-Jährige nun im ausverkauften T1 des Theaterhauses im Rahmen der Jazztage präsentiert.

 

Dafür hat sie alte Lieder, mit denen sie aufgewachsen ist, in neue Gewänder gepackt. „Die Stimme meiner Mutter, das Echo der Kirche“ seien es gewesen, die sie in diesen Liedern vernommen habe, und so sind Kirchenhymnen, Volksweisen und Schlaflieder darunter, in denen die ewigen Themen der Menschheit verhandelt werden: Kindheit, Leben und Tod, Spiritualität und Religion, Heimat und Mystik.

Einfachheit der traditionellen Hymnen

„Møt Meg“ ist das Eingangsstück ihres aktuellen Albums „North“, und damit beginnt auch das Konzert im Theaterhaus. Der Song ist wie eine Einladung, die als Motto für den Abend stehen kann: „Begegne mir dort, wo ich bin“, lautet der Text übersetzt, „in der Stille, ohne Worte, sieh mich so, wie ich bin“, und Rebekka Bakken singt das ganz zurückgenommen, verletzlich fast, wie ein Angebot an das Publikum, ihr wirklich nahe zu kommen. Musikalisch ist das Lied, wie die meisten an diesem Abend, einfach gestrickt. Ein paar Harmonien, eine simple Melodie, die ihre Begleitmusiker an Keyboard, Gitarre, Bass und Schlagzeug vor keinerlei Herausforderungen stellt. Aber um die Demonstration instrumentaler Fertigkeiten geht es ja gerade nicht – stattdessen werden Wahrheit und Glück in der Einfachheit der traditionellen Hymnen gesucht – und gefunden. In den meisten Fällen zumindest, denn grundsätzlich ist es eine heikle Sache, Wiegen- oder Kirchenlieder mit einer Band zu spielen, nicht zuletzt weil sich die Finessen einer Studioproduktion – das Album „North“ ist sehr stimmig und vielschichtig produziert – bei einem Liveauftritt nur beschränkt umsetzen lassen.

In „So ro til meg selv“ – einem norwegischen Wiegenlied – gelingt das freilich wunderbar. Stein Austrud an den Keyboards legt dezent einen Klangteppich aus, der von dem Drummer Rune Arnesen stoisch rhythmisiert wird und über dem die in weiten weißen Gewändern gekleidete Rebekka Bakken ihre glockenklare Sopranstimme leuchten lässt. Der Song beginnt kontemplativ mit den Zeilen „So, wiege mich zur Ruhe/damit ich schlafen kann“, gewinnt dann aber durch den monoton sich steigernden, repetitiven Beat etwas Archaisch-Hypnotisches – als würde ein Herzschlag immer lauter und stärker, bevor er am Ende schlagartig verebbt.

Leiser Beginn und Steigerung bis zur Klimax: eine angesichts der wenig komplexen Faktur der meisten Lieder nachvollziehbare Dramaturgie, die an diesem Abend häufig eingesetzt wird – und damit auch ein wenig vorhersehbar. So passt es gut, dass sich Rebekka Bakken in dem meditativen „Gjendines bådnlåt“, ebenfalls einem norwegischen Wiegenlied, auch mal allein auf die faszinierende Ausdruckskraft ihrer Stimme verlässt.

Stammgast im Theaterhaus

Das Publikum, das wird deutlich, liebt Rebekka Bakken, die ja fast schon ein Stammgast ist im Theaterhaus. Jeder Song wird bejubelt, auch als sie das Nordische mal außen vor lässt und mit Peter Gabriels „Here Comes The Flood“ einen Song ihres vorherigen Albums „Always On My Mind“ singt. Denn ihr stilistisches Spektrum, das hat sie ja längst bewiesen, ist enorm. Jazz, Pop, Singer-Songwriter – sie hat alle Genres drauf, und als Schlusspunkt singt sie „Calling All Angels“ aus ihrem Album „Winter Nights“, das in einem anderen Gewand ein Thema des Abends noch einmal aufnimmt: ein Lied darüber, wie es ist, nicht mehr weiterzuwissen und dennoch die Hoffnung nicht aufzugeben.

Damit könnte es gut sein und wäre es auch, doch das enthusiasmierte Publikum hat sich kollektiv erhoben, sodass die Band nach gefühlt minutenlangem Applaus noch mal auf die Bühne kommt. „Things You Leave Behind“ ist das allerletzte Stück. Am Ende, so sagt dieser Song, zählen nicht die Dinge, die du hattest. Sondern die Spuren, die du in anderen Menschen hinterlässt.