Bei den Jazztagen konnte man sich von unterschiedlichsten Spielarten des Genres mit Wolfgang Haffner, Amaro Freitas, Jakob Manz, Nesrine und vielen anderen verzücken lassen.
Wenn ein Publikum zwischen Stuhlreihen tanzt, johlt und klatscht, haben die Künstler auf der Bühne etwas richtig gemacht. Dem Drummer Wolfgang Haffner, bei den Jazztagen im Theaterhaus Dauergast mit Carte Blanche, gelingt das meistens – und diesmal besonders gut. Im ausverkauften Saal T1 lässt Haffner am Karsamstag die Stöcke laufen. Er variiert seine tanzbaren Grooves nach Gusto und ist sagenhaft eingespielt mit Simon Oslender an den Tasten und Thomas Stieger am E-Bass. Oslender setzt an der Hammond-Orgel wunderbare Akzente, Stieger erzeugt mit knurrigem Funk-Sound einen unwiderstehlichen rhythmischen Fluss. Zum Fusion-Sound reiht der schwedische Gitarrist Ulf Wakenius mit jubilierendem Ton wundervolle Miniatur an, während der ungarische Saxofonist Tony Lakatos in Modern Jazz-Vibes badet.
Session mit Tanzparty
Parallel dazu: Liederabend im Saal T2 mit Eisler, Weill und Brecht. Der Tenor Matthias Klink und die Sopranistin Natalie Karl, beide an der Staatsoper Stuttgart, Glanzstücke aus der Dreigroschenoper. „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral!“, schmettern sie im Duett, Klink imitiert bei „Mackie Messer“ den Tonfall der 20er und Karl gibt eine herrlich renitente „Seeräuber-Jenny“.
Das Magnus Mehl Quartett sorgt für fulminante Begleitung: In kleiner Besetzung macht es großen Varieté-Alarm. Der Bandleader am Saxofon sprüht vor Ideen und soliert in leuchtenden Farben.
Bei Haffner formiert sich nach der Pause mit Lakatos, dem Saxofon-Tausendsassa Jakob Manz und dem schwedischen Posaunisten Nils Landgren ein Bläsersatz. Manz spielt sich die Seele aus dem Leib, und Landgren, eine zeitlang lieber Sänger und Entertainer, hat sichtlich Freude daran, mit seiner roten Posaune ins Jazz-Abenteuer zu gehen.
Es entsteht eine Session unter Freunden, die nun in Richtung Soul tendiert. Am Ende greift Landgren doch zum Mikrofon und fordert alle auf, sich zu erheben – was immer funktioniert, wenn er „Same Old Story, Same Old Song“ intoniert.
Magische Pianistin, mondäne Cellistin
Jakob Manz hat den vollen Saal T1 bereits am Vorabend mit eigenem Programm zum Kochen gebracht, zunächst mit der mongolischen Münchner Piano-Virtuosin Shuteen Erdenebaatar, dem Kontrabassisten Nils Kugelmann und deren magisch anmutender Klangwelt. Sie erzeugt überbordende Harmoniefülle, er webt Bassmuster hinein, Manz setzt betörende Flötentöne.
Dann: Auftritt Nesrine. Die mondäne Französin bedient ihr E-Cello mit anmutiger Gestik wie einen Zauberstab. Mit lodernder Stimme singt sie auf Arabisch, Französisch und Englisch, auch tiefere Weisheiten des Poeten Khalil Ghibrans: Wenn der Fluss in den Ozean fließt, verschwindet er nicht – er wird der Ozean.
In Teil zwei erlebt das Publikum dann, wie das in Stuttgart gegründete Jakob Manz Project in 10 Jahren zur Weltklasse gereift ist. Mit funky Fusion bringen Manz, der Pianist Hannes Stollsteimer, der Bassist Frieder Klein und der Drummer Leo Asal Saal und Publikum zum Beben. Jakob Manz schüttet durchs Horn sein Herz aus. Und sagt: „Ich frage ich mich jedes Mal: Sind all diese Leute wirklich gekommen, nur um mich spielen zu hören?“ So kann das weitergehen.
Der Publikumszuspruch tut dem Theaterhaus gut, das hohe Einsparungen kompensieren muss. Neben Sponsoren soll eine Tombola helfen: Im oberen Foyer steht ein hell erleuchteter Stand, an dem es Lose für 5 Euro gibt – wie Theaterhaus-Chef Werner Schretzmeier mit unnachahmlichem Charme gebetsmühlenartig wiederholt.
Der Klang des Regenwaldes
Am Ostersonntag erschafft der gut gelaunte brasilianische Pianist Amaro Freitas im Saal T1 kleine Klangwunder, die eher an Neue Musik erinnern. Er arbeitet mit Ton-Clustern und Mustern statt mit Akkorden, seine Hände spielen Katz und Maus, und er lotet aus, was ein Flügel an Vibrationen hergibt. Freitas interpretiert auch Thelonius Monks „Round Midnight“ sehr frei. Und er inszeniert mit einem Aufnahme-Looper eine Amazonas-Sinfonie aus Piano-Motiven, Perkussion und Vogelstimmen – vielgestaltig wie der brasilianische Regenwald. Zauberhaft.
Die Freigeister von The Bad Plus lösen sich Ende 2026 auf – Stuttgart erlebt also einen Abschieds-Gig der US-Avantgardisten. Das schwindelerregende Spiel des Drummers Dave King wirkt wie ein andauerndes Solo, in das sich der Bassist Reid Anderson hineinwirft; der Pianist Craig Taborn geht nie den geraden Weg, sucht immer die harmonische Verkantung; und der Saxofonist Chris Potter entlockt seinem Instrument grandiose Melodien ebenso wie Passagen, in denen es nur noch fiept, quakt und grunzt.
Grüße vom Rand des Klanguniversums
Das Quartett führt an den Rand des Klanguniversums: Vier Forscher finden Unerhörtes und teilen dies mit. Dass in diesem Bewusstseinsstrom noch einer weiß, wo die anderen gerade sind, hat einen Namen: Jazz. Gegen Ende ihrer Darbietung spielen The Bad Plus „Silence“ von Charlie Haden – und lassen für die Dauer dieses Stücks perfekte Harmonie zu.
Viel Hörenswertes gab es am Osterwochenende 2026 im Theaterhaus. Darunter den Appell von The Bad Plus: Öffnet eure Ohren! Lasst euch entführen!