Arturo Sandoval am Sonntagabend im Alten Schloss – Bilder von Branford Marsails waren zum Redaktionsschluss noch nicht freigegeben. Foto: Opus//einer Pfisterer

Der Saxofonist Branford Marsalis und der Trompeter Arturo Sandoval haben im Alten Schloss zwei sehr ähnliche und zugleich sehr unterschiedliche Definitionen dessen vorgeführt, was sie für Jazz halten. Am Ende haben sie die Bühne brüderlich geteilt – mit einem Klassiker.

Wären Musiker Wasserfahrzeuge, käme der Trompeter Arturo Sandoval (73) als schnittiges Motorschnellboot aus dem Kohlenstoffzeitalter daher mit blitzender Reling und schickem Spoiler – und der Saxofonist Branford Marsalis (62) als reifes, sorgsam gepflegtes Holzsegelboot. Beide haben dasselbe Anliegen, sie huldigen dem klassischen Jazz – aber sie nähern sich ihm aus unterschiedlichen Richtungen.

 

Sandoval rast derart feurig durch die Skalen, dass man sich fragt, wann sein Instrument zu glühen beginnt. Strahlend durchschneidet der Trompetensound den Stuttgarter Abend, und 1200 Besucher im Innenhof des Alten Schosses halten den Atem an. Hat Sandoval fertig soliert, kommen der Reihe nach seine Musiker dran. Er hat sie nach seinem Bilde ausgesucht: Alle sind Flitzefinger, auch die Gitarre, das Rhodes-E-Piano, das Saxofon und der Bass drohen Feuer zu fangen.

Diese Band lässt auf der Überholspur die Muskeln spielen, als befände sie sich in einem Wettrennen – und produziert dabei einen straffen Sound, der nur punktuell so wirkt, als würde eine Langspielplatte zu schnell abgespielt. Neben Salsa und Samba liebt der Trompeter den Bebop, die komplexe Jazzgattung auch derer, die gerne ihr Können ausstellen. Er speit Trompetenfeuer zu Standards wie „Donna Lee“ und „Joy Spring“ – Paganini lässt grüßen.

Sandoval fliegen die Herzen zu

Zugleich ist Sandoval derart leutselig und zugewandt, dass ihm alle Herzen zufliegen: Persiflierend scattet er den Bebop, er macht Body Percussion auf seinem ansehnlichen Bauch, auf den der Saxofonist ein Mikrofon richtet, er spielt Maultrommel und imitiert gestenreich Saiteninstrumente.

Der gebürtige Kubaner siedelte 1989 in die USA über, ist seit 1998 Amerikaner. Und er geißelt den Begriff „Latin Jazz“ wegen seiner kolonialistischen Konnotationen: „Wir spielen einfach Musik!“, ruft er. „Latein ist eine altertümliche Sprache, die im alten Rom gesprochen wurde und die nachher die katholische Kirche verwendet hat!“

Er träumt davon, ein großer Entertainer zu sein

Ganz alleine intoniert Sandoval das Intro zu Gustav Mahlers 5. Sinfonie, dann singt er Charlie Chaplins „Smile“. Dieser Jazzmeister träumt insgeheim davon, ein großer Entertainer zu sein, und damit ist er nicht allein: George Benson und anderen geht es ja ganz ähnlich.

Aus anderem Holz ist Branford Marsalis geschnitzt, aufgewachsen in New Orleans in einer Musikerfamilie und zum Weltklasse-Saxofonisten gereift in den Bands von Art Blakey, Herbie Hancock und Sting sowie im Fernsehen als Bandleader in der Tonight Show von Jay Leno. Bei Jazz Open spannt er einen großen jazzhistorischen Bogen, den er konzentriert und unprätentiös bespielt – wie der Wahrer einer großen und langen Tradition, eine Art Gralshüter.

Marsalis modelliert jede Note fein aus

Mal intoniert Marsalis mit seinem Quartett astreinen Swing, dann wieder spielt er latent vertrackten Modern Jazz. Immer schwingen dabei auch Soul und Blues als starke Komponenten mit. Marsalis’ Ton ist klar, er modelliert jede Note fein aus. Ein großer Stilist ist da am Werk, der genau weiß, welche Verantwortung er hier übernimmt.

Manchmal klingt seine Jazz-Geschichtsstunde konventionell, aber durchweg wie eine würdevolle Verbeugung. Wie auch immer es in einem schummrigen New Yorker Club vor 50 Jahren wirklich gewesen sein mag – man kann sich genau diesen Sound dort vorstellen.

Das klassische Figuren-Repertoire

Zwischen seinen Einlagen setzt Marsalis sich auf einen Stuhl im Hintergrund und überlässt seinen Musikern die Bühne. Völlig entspannt schichtet der Pianist Joey Calderazzo Akkorde auf, tupft verträumte Töne in den Raum und lässt elegante Hochgeschwindigkeitsskalen aufblitzen. Der Kontrabassist Eric Revis walkt ganz klassisch über sein Griffbrett, geradezu exemplarisch spielt er mit dem klassischen Figurenrepertoire. Der explosive Drummer Justin Faulkner rührt, wirbelt und donnert und sorgt dafür, dass niemand aussteigt.

Er beherrscht aber wie seine Mitstreiter auch die ganz leisen Töne, wie sich in der Ballade „Conversations Among the Ruins“ zeigt. Marsalis, den ganzen Abend über den Melodien auf der Spur, entlockt seinem Sopransaxofon hypnotische Notenfolgen wie ein Schlangenbeschwörer – derart einnehmend, dass es schwer wäre, wegzuhören. Nicht minder fesselnd ist die Avantgardenummer „Nilaste“ mit ihrer eigentümlichen Rhythmik und Harmonik, die die Band beharrlich steigert bis zum ekstatischen Schlusspunkt.

Am Ende kommt dann ein Gast auf die Bühne: Sandoval lässt noch einmal sein Horn sprechen. Im Dialog mit Marsalis’ Saxofon erklingt „It Don’t Mean A Thing (If It Ain’t Got That Swing)“, Duke Ellingtons über 90 Jahre alter Evergreen. Ganz innig wirken die beiden, als wüssten sie genau, dass sie für die selbe Sache streiten. Und das staunende Publikum ahnt, dass es einem historischen Moment beiwohnen durfte.

Jazz Open am Dienstag

Schlossplatz
 Die große Bühne eröffnen zwei große Rockbands: Deep Purple sind immerhin noch zu drei Fünfteln in Originalbesetzung mit dem Sänger Ian Gillan, dem Bassisten Roger Glover und dem Drummer Ian Paice. Der Keyboarder Don Airey ersetzt Jon Lord würdig, Simon McBride tut sein Bestes, die Fußstapfen der Gitarrengötter Ritchie Blackmore und Steve Morse auszufüllen. Davor spielen die Norweger Madrugada, deren Indie-Rock-Sound aus den 90ern mit den Rock-Dinos auf den ersten Blick wenig zu tun hat. Es wird interessant sein zu sehen, ob die beiden unterschiedlichen Publika im Laufe des Abends zueinander finden.

Bix
 Im Jazzclub ist die Stuttgarter Formation Salsafuerte zu Gast, ein Latin-Jazz-Projekt des Saxofonisten Klaus Graf und der Brüder Gregor und Veit Hübner – stillstehen und stillsitzen unmöglich.