Jazzrausch bei den Jazz Open Foto: Jazz Open

Der Alltag wird tanzend abgeschüttelt, man strahlt und jubelt: Die Techno-Jazz-Mischung der Band Jazzrausch bei Jazz Open ist ausgelassen gefeiert worden.

Vor 112 Jahren bezeichnete ein Basketballer seine besondere Wurftechnik als „Jazzball“. Die swingende Improvisationsmusik eignete sich den Begriff an und nennt sich nach mehreren Häutungen und Metamorphosen „Jazz“. Was ein Rausch ist, weiß man: Störung des Gleichgewichts, Verlust der Kontrolle. In einen Rausch kann man auch ohne Alkohol geraten: durch die Wirkung der Musik. Jazzrausch, eine Bigband aus München, agierte lange Zeit als Hausband des legendären Techno-Clubs Harry Klein. Wie bitte? Bigband-Jazz im Techno-Club? Oder so gefragt: Techno bei Jazz Open?

 

In der Heimstätte der Sparda-Event-Welt hatte man in weiser Voraussicht die Stühle im Saal entfernt. Unterlegt vom minimalistischen, von der Bass-Drum-dominierten Rhythmus, den eine abgrundtiefe Tuba verdoppelt und ein E-Bass pumpend verstärkt, zerschneiden scharfkantige Bläsersätze wohlklingender Harmonien die Luft, gleiten Klangfiguren glissandierend durch den Raum. Jazz trifft auf Techno. Neonblaues Stroboskoplicht flackert rhythmisch im Saal. Die 15-köpfige Band, darunter vier junge Musikerinnen, bewegt sich tänzerisch beim Spielen. Eine Solistin setzt auf ihrer Jazztrompete zum Solo an, ein Saxofonist senkt sein Horn einem Tauchsieder gleich ins brodelnde Bigband-Gebräu. Eine Rhythmuswelle erfasst das Publikum, das sich von nun an bis zum Konzertende wie ein Organismus, wie ein Schwarm verhält.

Der Alltag wird abgeschüttelt

Jazzrausch ist international so erfolgreich, weil die Band heutige Sehnsüchte erfüllt. Viele mögen wieder Echtes, Frisches, Handgemachtes. In der jüngeren Jazz-Community wiederum stehen viele auf neue Sounds, schnelle Beats und fette Grooves. Jazzrausch macht es beiden recht. Das Tanzorchester aus München („einer Vorstadt Stuttgarts“, sagt der Bandleader) schafft es spielend, erwachsene Menschen in Hüpfburgkinder zu verwandeln. Der Alltag wird tanzend abgeschüttelt, man strahlt und jubelt. „Es schwinden jedes Kummers Falten, solang des Liedes „Zauber walten“, hätte der Schwabe Friedrich Schiller angesichts solch fröhlichen Treibens gereimt. Neurowissenschaftler dagegen stellen fest, dass hier der Dopamin-Spiegel steil geht und das allseits beliebte Liebeshormon Oxytocin aktiviert wird.

Jazzrausch ist nicht nur eine Bigband, sondern ein Zustand. „Eine Funktionsweise“, betont Mastermind Leonard Kuhn, der sich über den Synthesizer beugt. Kuhn hat nicht nur Musik studiert, sondern auch Mathematik. Er komponiert und arrangiert. Eine Bearbeitung von Mahlers Trauermarsch aus der 5. bringt er mit weichen Mollklängen ins Spiel, vertont ein Poem von Hugo Ball und mit „Cauchy Sequence“ sogar ein Phänomen der höheren Mathematik. Wassily Kandinskys „Punkt und Linie zur Fläche“ erscheint auf den Gesichtern der schwarz gekleideten Band als schwarzer Strich. Intellektueller Anspruch kontrastiert hübsch die fröhlichen Ansagen des Bandleaders und Posaunisten Roman Sladek. Das Stakkato des pulsierenden Techno-Rhythmus versetzt dabei alle – Publikum und Band – wie ein gemeinsamer Herzschlag in ausgelassene Stimmung. Ekstase, sagen manche. Wir sagen: Servus Jazzrausch, bis bald!