Spielzeug oder Fernsehstar: Janoschs Tigerente hatte seit ihrem ersten Auftritt im Kinderbuch „Oh, wie schön ist Panama“ viele große Momente. Foto: dpa/Wolfgang Thieme

Die Tigerente ist Janoschs berühmtestes Geschöpf. Doch der Bilderbuchkünstler, der am 11. März 90 Jahre alt wird, hat ein gespaltenes Verhältnis zum gestreiften Star. Ist sie „Kitsch“, wie Janosch einmal schimpfte?

Stuttgart - Wie kamen Janosch und die Tigerente zusammen? Die offizielle Version, die Janosch später notierte, lautet so: „Ich ging in den Münchner Zoo, Elefanten zeichnen. Nun stand dort neben den Elefanten eine Tigerente und befand sich beim Zeichnen des danebenstehenden Elefanten automatisch auf dem Blatt.“

Das ist allerdings ungefähr genau, um im Janosch-Jargon zu bleiben, nur die halbe Wahrheit. Lange Zeit hatte Janosch behauptet, er habe die Tigerente beim Zeichnerkollegen F. K. Waechter abgeschaut. Im Dialog mit seiner Biografin Angela Bajorek hat Janosch, der am 11. März seinen 90. Geburtstag feiert, dann in der ihn sichtlich nervenden Vaterschaftsfrage ein für alle Mal klargestellt: Die Idee einer Ente mit Rädern unten dran ist tatsächlich geklaut. „Ich habe auf die Ente vom Waechter Streifen gemalt, dadurch wurde sie zu einer Tigerente“ – und berühmt.

Da war noch Platz auf dem Bild!

Seinen ersten Auftritt hatte der gestreifte Star im Kinderbuch „Oh, wie schön ist Panama“, das im März 1978 erschienen ist. Weitere folgten in „Komm, wir finden einen Schatz“ und „Post für den Tiger“. Auch in Janoschs jüngster Zeichenserie um den tapferen Wondrak unterstützt sie den Helden tatkräftig bei der philosophischen Lösung von Alltagsproblemen: So steht sie kopf für die Antwort auf die Frage, wie man sich selbst heilen könne. „Das ist Yoga“, weiß Wondrak. „Alles wird umgekehrt, und oben wird unten, und kaputt wird voll gut.“

Voll gut ist im Verhältnis von Janosch zu seinem berühmtesten Geschöpf allerdings wenig. Dass ein stummes Geflügel quasi zu seiner Visitenkarte wurde, nervte den Zeichner. Und so platzte es einmal aus ihm heraus: „Scheiß-Tigerente! Ich halte die für Kitsch.“ Ursprünglich habe er sie nur gemalt, weil noch Platz auf dem Bild gewesen sei. Und heute? Nimmt Janosch das mit dem Kitsch zurück, ärgert sich aber über die Millionen, die damit verdient werden, „welche aber in der Kasse der kriminellen Janosch AG landen. Das hat mich sehr geärgert, denn es sind Millionen. Eine kleine Tigerente aus Holz kostet (hergestellt in China) 10 Cent. Verkauf: 12 Euro.“

Vermarktung um jeden Preis

Die Vermarktung der Tigerente steht für das, was Janoschs Lebensphilosophie widerstrebt: für Konsum und Wachstum um jeden Preis. Im Streit um die immer häufiger auf Produkten auftauchende Tigerente kam es denn auch zum Bruch mit der Janosch Film und Medien AG, die sich um das Merchandising kümmerte. „Die Abneigung zwischen beiden Parteien besteht bis heute: Janosch ist immer noch pikiert und meint, das Opfer eines Missbrauchs geworden zu sein“, schreibt Janoschs Biografin Bajorek, „wohingegen die AG zurückhaltende, diploma­tische Erklärungen veröffentlicht, nach denen der Künstler freiwillig seine Rechte abgetreten haben soll.“

Janosch hat sich inzwischen mit der Tigerente ausgesöhnt und lobt ihre Janusköpfigkeit: „Die Tigerente steht für das Wesen des Menschen: Der Mensch ist eine Mischung aus Tiger und Ente, manchmal überwiegt eines von beiden. Nach außen ist er ein Tiger und innen eine Ente. Manche sind eine Bestie und sehen aus wie eine Ente. Er selbst ist nicht handlungsfähig, handelt nur, wenn etwas anderes ihn bewegt.“

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