Jana Kesenheimer hat erneut das Transcontinental Race gewonnen. Die 4605 Kilometer fuhr die aus Mühringen stammende Ultraradfahrerin in rund 12 Tagen.
Bei der elften Auflage des Ultra-Langdistanz-Rennens „TCR – Transcontinental Race“, einmal quer von West nach Ost durch Europa, war die aus Mühringen stammende Jana Kesenheimer wieder dabei. Eigentlich war es gar nicht ihr Plan, in diesem Jahr beim TCR zu starten, doch mit den beiden amerikanischen Profiradfahrerinnen Cynthia Carson und Lael Wilcox hatten die beiden besten Frauen weltweit in der Ultraszene gemeldet, was für Kesenheimer den Ausschlag gab, sich der Weltelite zu stellen und ihren Titel aus dem letzten Jahr zu verteidigen.
Frühe Führung
Bereits ab dem ersten rund 610 Kilometer langen Teilstück von Santiago de Compostela nach Gijón entwickelte sich ein unglaublich spannendes Rennen bei den Damen. Die Ex-Mühringerin, die seit einigen Jahren in Innsbruck lebt, ging bereits auf diesem ersten Abschnitt, für den sie 25:32 Stunden benötigte, knapp in Führung. Weiter ging es nach Pamplona (408 km, 19:59 Stunden) und Bagnéres-de Bigorre (309 km, 15:48 Stunden).
18:39 weitere Stunden und 468 Kilometer später war Kesenheimer nach Tag vier in Avignon. Trotz rund 2650 Höhenmetern war dieser vierte Abschnitt mit einem Durchschnittstempo von 25,1 Km/h ihre zweitschnellste Etappe. Von Avignon aus führte das fünfte Teilstück in die Alpen über weitere 297 Kilometer und 4920 Höhenmeter ins italienische Sestriere, von wo aus am sechsten Tag weitere 402 Kilometer nach Carrara Massa am Mittelmeer warteten.
Vorsprung ist dahin
Tag sieben führte über 322 Kilometer vorbei an Pisa und Siena nach Acquapendente, bevor die Route an Tag acht einmal quer über Italiens Stiefel (337 Kilometer) fast bis an die Adria führte. Weitere 274 Kilometer ging es bis Bari, wo Jana Kesenheimer mit einem Vorsprung von rund sechs Stunden auf ihre ärgste Verfolgerin, Cynthia Carson, ankam. Hier musste sie allerdings auf die Fähre ins albanische Durres warten. Dadurch konnten sowohl Carson als auch die auf Rang drei liegende Lael Wilcox aufschließen, sodass das Führungstrio mit der gleichen Fähre übersetzte – das Rennen war zu diesem Zeitpunkt neutralisiert und wieder völlig offen. Kesenheimer hatte ihre längere Wartezeit aber klugerweise für eine lange Schlaf- und Essenspause in einer eigenen Kajüte genutzt, was ich auf den letzten Etappen auszahlen sollte.
Durch Mazedonien kam es erstmals zur Begegnung mit Carson. Die Amerikanerin war eine komplette Nacht durchgefahren und überholte die bis dahin führende Deutsche erstmals. Kesenheimer aber war nach ihrer Zwangspause in Bari deutlich erholter und konnte am elften Tag mit rund 400 Kilometern und auch am finalen Tag 12 auf den letzten 450 Kilometern bis nach Constanta an der rumänischen Schwarzmeerküste nochmals richtig zulegen.
Vor allem die zweieinhalb Stunden Schlaf pro Nacht und die minimalen Pausen auf den beiden Schluss-Etappen von nur je 25 Minuten, also lediglich ganz kurzen Toilettenpausen und kurzen Nahrungsmitteleinkäufen, zeigen, dass es hier um jede Sekunde ging. Im Ziel in Constanta war aber das Zeitpolster der Titelverteidigerin Jana Kesenheimer auf die spätere Zweite Cynthia Carson doch wieder auf rund vier Stunden angewachsen. „Ich wusste, dass Carson diese Nacht, in der sie nicht geschlafen hatte, nicht einfach so wegsteckt“, so die 31-Jährige.
Weltelite bezwungen
Damit wiederholte Jana Kesenheimer ihren Vorjahressieg. Im geschlechterübergreifenden Gesamtklassement belegte sie einen herausragenden achten Rang. Mit Cynthia Carson, gegen die sie vor einigen Jahren bereits beim Badlands gefahren und damals Zweite geworden war, und Lael Wilcox, konnte die 31-Jährige nun die wohl beiden weltbesten Fahrerinnen der Szene besiegen.
Besonders beeindruckend: Sowohl Wilcox als auch Carson sind Vollprofis, während Kesenheimer einen normalen Acht-Stunden-Arbeitstag hat und nahezu ihren kompletten Jahresurlaub für Rennen wie das TCR opfert.
Noch beeindruckender sind aber die Zahlen und Fakten ihres Sieges. Auf dem Weg mit ihrem Rennrad einmal durch Europa bewältigte Jana Kesenheimer genau 4605 Kilometer in sensationellen 12 Tagen 3 Stunden 32 Minuten. Über die Berge des Kantabrischen Gebirges, die Pyrenäen, Westalpen, die Toskana, Apenninen und über den Balkan kamen insgesamt 52.590 Höhenmeter zusammen.
Schneller als die Männer
Sie bewältigte Strecken des Tour de France-Klassiker wie den Col d’Aubisque und den sagenumwobenen Col du Tourmalet oder auch die weißen Pisten des Radklassikers „Strade Bianche“ in der Toskana. Rund 300 Kilometer waren außerdem Offroad, auf teils gröbstem Schotter.
Auf den letzten beiden Etappen war Kesenheimer zudem die Schnellste aller Teilnehmer, also auch schneller als Männersieger Victor Bosoni und die Deutsche Ultralegende Christoph Strasser, der das Rennen als Fünfter beendete.
Glück und Vorbereitung
Zu so einer unglaublichen Leistung gehört aber auch die gute Vorbereitung und das Glück, ohne Defekt, ohne Reifenpanne und ohne Sturz eine solche Strecke zurücklegen zu können, und genau das war auch bei Jana Kesenheimer in diesem Jahr der Fall. Die einzige kleine Panne war eine gebuchte Unterkunft, für die der Zugangscode fehlte, aber der nahe Strand diente als alternativer Schlafplatz.
In der Ultraszene ist Jana Kesenheimer mit ihrem Sieg gegen die besten der Welt somit ganz oben angekommen. Auf die Frage, ob sie in diesem Jahr noch weitere Rennen plant, antwortet die Wahl-Innsbruckerin mit einem Schmunzeln. „Für dieses Jahr wars das. Ich habe noch fünf Tage Resturlaub, und die werden ausnahmsweise auch mal wirklich Urlaub sein.“