Was der Orient-Experte, Psychologe und Traumatologe aus Villingen-Schwenningen bei seiner Arbeit mit Opfern der Terrormiliz Islamischer Staat zu hören bekommt, ist harte Kost. Was klingt wie ein unglaublicher Krimi, passiert wirklich. Jetzt erzählt Kizilhan eine ebenso wahre wie erschütternde Geschichte: die der letzten Jesidin, Begê Samur.
Jan Kizilhan holte Nadia Murad aus dem Terror – sie wurde versklavt, verkauft, vergewaltigt, heute ist sie Friedensnobelpreisträgerin und erzählt als mutige junge Frau die Geschichte ihres Volkes, der Jesiden.
Ihr Retter, Jan Ilhan Kizilhan, ist noch tiefer in die Vergangenheit eingetaucht und geht in seinem Roman „Der Kreis – Die letzte Jesidin“ zurück ins Jahr 1956, tritt an ein Grab bei Urfa in der Türkei, der heute ein heiliger Ort ist. Darin ruht Begê Samur, die letzte Jesidin.
Es grenzt an ein Wunder
Ihre wahre Geschichte diente dem Professor aus Villingen-Schwenningen als Vorbild für den Roman. Dessen Hauptfigur ist eine kurdische Jesidin, er hat sie Aziza getauft – und sie lebt in einer Zeit, in der das osmanische Reich zerfällt und fanatische muslimische Sekten versuchen, die christlichen Jesiden zum Islam zu bekehren, mit allen Mitteln.
Dass Aziza, zwangsislamisiert und im Harem eines Scheichs gefangen, nicht gebrochen wird, sondern eine aufrechte Jesidin bleibt, grenzt an ein Wunder. Gar nicht verwunderlich hingegen ist, dass ausgerechnet die Geschichte von Begê Samur den Orientexperten Jan Kizilhan in ihren Bann gezogen hat. Seit mehr als zehn Jahren verfolge er ihre Geschichte, erzählt er im Gespräch mit dem Schwarzwälder Boten.
Er schreibt zehn Jahre lang
Zum ersten Mal begegnete er der starken Frau, als er in Orientalistik promovierte und Geschichten und ein Interview über sie las. Für Kizilhan war sofort klar: „Die Lebensgeschichte von Begê Samur wollte ich nicht als Sachbuch schreiben, weil das erlittene Leid und ihre Geschichte für mich mehr waren als nur reine Informationen. Er versuchte mit ihren Augen durch „den Zusammenbruch des Osmanischen Reiches, die Besetzung von Syrien und der heutigen Türkei durch Franzosen und Engländer, zwei Weltkriege, den armenischen Genozid und die langsame Vernichtung der Jesiden in der Türkei zu beobachten“. Er litt mit ihr, verließ die Rolle des Wissenschaftlers, tauchte ein in die Rolle des Romanautors. Mit jeder Seite lernt er „eine neue Welt in mir selbst kennen“, das sei „nicht immer einfach“, gibt er zu, „aber etwas ganz besonderes“.
Zehn Jahre lang tauchte er für das Werk als Autor immer und immer wieder wechselweise in Begê Samurs Welt ein, um am nächsten Tag wieder Traumapatienten in die Augen zu sehen, ihre Schilderungen von unfassbaren Gräueltaten, die sie erlebt haben, zu hören. Ein Wechselbad der Gefühle.
Ein Werk mit Seele
Um das Leben und Leiden der letzten Jesidin zu begreifen, reichte das reine Lesen von Büchern und Berichten dem wissensdurstigen Jan Kizilhan nicht. Er recherchierte, sprach mit Personen, die Begê Samur gekannt haben, schaute sich Orte an, wo sie wirkte. Und ja, auch seine eigenen Gefühle, Gedanken und seine Sicht auf die Welt flossen, gibt er gerne zu, in den Roman mit ein und schließlich auch, was er bei seiner Arbeit „mit den schwer traumatisierten Menschen aus vielen Ländern der Welt, die ich behandelt oder gesprochen habe“, gehört hat.
Samurs Geschichte lieferte den Rahmen für die Geschichte, die gleichzeitig die Geschichte der Jesiden und ihrer Religion ist – er habe versucht, Samurs Geschichte so gut wie möglich nachzuzeichnen, auch wenn bei der „Beschreibung der Seele“ seine eigene Erfahrung mit dem aktuellen Schicksal der Jesiden und erlebten Genozids eine Rolle gespielt haben.
Das Buch
„Der Kreis“ von Jan Ilhan Kizilhan ist am 1. Dezember 2022 erschienen im Europa-Verlag. Es umfasst 368 Seiten, kostet 26 Euro mit Hardcover. ISBN-Nummer: 978-3-95890-532-0.