Mit sympathischem Charme und einem Hit-Feuerwerk von Folk bis Rock holt James Blunt in der Schleyerhalle die Popkultur zurück auf die große Konzertbühne – auch wenn er dabei manche Chance verschenkt.
Der obligatorische Dank an das geneigte Publikum, das en passant hingeworfene „so good to be here“, so schön, hier zu sein: Im normalen Konzertbetrieb sind derlei Sätze oft nicht mehr als routiniert eingestreute Floskeln. Nun aber, nach zwei quälend langen Pandemiejahren und inmitten einer ziemlich angespannten gesellschaftlichen Großwetterlage, klingt all das tatsächlich so aufrichtig und wahrhaftig wie lange nicht mehr. Auch bei James Blunt, als er am Freitagabend in der bestuhlten und fast ausverkauften Schleyerhalle seine rund achttausend Gäste wiederbegrüßt. Wer hier seit März 2020 wen mehr vermisst hat, das Publikum den Künstler oder der seine Fans, ist schwer zu sagen, aber das ist jetzt auch egal. Man ist jedenfalls beiderseits sicht- und hörbar froh, einander wieder zu haben.
Eine knappe Viertelstunde ist da bereits vergangen, und schon hat der Songwriter aus der englischen Grafschaft Wiltshire mit dem 2005er-Hit „Wisemen“ ein erstes Highlight spendiert. Mit noch eher angezogener Handbremse geht es fortan durch das von Balladen wie „Carry you home“ geprägte Anfangsdrittel eines zwanzig Songs starken Programms. Doch trotz verhaltenen Tempi und einer quasi nackten Bühne – außer drei LED-Bildschirmen und ein paar wenigen Scheinwerfern gibt es an diesem Abend nichts weiter zu bestaunen – ist die Energie zwischen einer mit ein paar Tausend Zuschauern gefüllten Halle und einer motivierten Band auf der Bühne auch auf eher moderatem Spannungsniveau wieder spürbar, korrespondiert greifbar hin und her.
Kurze Abstecher vom Mainstream
Erstmals holt dann „Love under Pressure“ mit einem energischen Pingpong zwischen Schlagzeug und Piano die Besucher von den Sitzen – auch dank einer spielfreudigen Band, in der vor allem Karl Brazil auffällt: Der Schlagzeuger drischt so satt in die Felle, als habe er in den vergangen Monaten viel Zeit im Fitnessstudio verbracht. Doch leider darf dieses Quartett nur recht sporadisch zeigen, was es so alles drauf hat. In „Smoke Signals“ etwa fingert der Keyboarder Chris Pemberton ein paar schön angejazzte Harmonien aus seinem E-Piano; in „So long Jimmy“ steigert sich das Ensemble in einen rassigen Psychedelic-Rock-Duktus hinein, eine stampfende Interpretation des Slade-Evergreens „Coz I love you“ führt zurück in die 1970er-Jahre, in „Postcards“ sorgen zwei Ukelelen für Abwechslung.
Gerne hätte man von derlei Ausflügen wider den Mainstream etwas mehr gehört, doch immer wieder und viel zu schnell verfällt Blunt in seinen typischen, von viel Falsett und nicht weiter komplizierten Dur-Akkorden geprägten Wohlfühl-Sound, dürfen die Saitenmänner Malcolm Moore (Bass) und Ben Castle (Gitarre) nur das Nötigste spielen. Dazu gibt es die hinlänglich bekannten Gesangslinien und Chorusse, von denen die etwas besseren tatsächlich für ein paar Sekunden zum Mitsummen animieren, während die weniger guten so klingen, als wären sie bei einer Proberaum-Session von Coldplay wegen Belanglosigkeit in den Papierkorb gewandert. Charmant garniert der 48-jährige all das mit einem unprätentiös-sympathischen Auftreten Marke „I’m the normal one“ und ein paar hübsch (selbst-)ironischen, mit typisch britischem Humor gefärbten Anekdoten und Bonmots – mal nimmt er die Familienverhältnisse inklusive Ehefrau und Schwiegermutter auf die Schippe, nicht selten auch sich selbst.
Pulverisierte Hoffnungen
Dass in der Schleyerhalle aber auch nicht nur ein routinierter Showman zwischen Britpop, Folk und Rock auf der Bühne steht, sondern auch ein ehemaliger Soldat mit persönlicher Kriegserfahrung, davon merkt man an diesem Abend nicht das Geringste. Nun muss selbstverständlich nicht jeder Künstler zum Krieg in der Ukraine Stellung beziehen, aber ein paar Worte, die ein oder anderen Gedanken zu diesem Thema hätten aus Blunts Mund schon ein anderes Gewicht als bei vielen Kollegen. Schließlich wüsste der Sproß einer englischen Militärfamilie, Absolvent der Royal Military Academy und KFOR-Soldat im Kosovo-Einsatz sehr genau, wovon er sprechen würde – wenn er es denn täte. Doch beharrlich meidet James Blunt jedwede über das übliche Bühnenentertainment hinausgehende Thematik, bleibt ganz der heiter-melancholische Troubadour des wohltemperierten Pop.
Und so sind es derlei verpasste Chancen, die diesen Abend auf unnötig leichtgewichtigem Niveau deckeln. Immer mal wieder denkt man, dass dieser Sonnyboy eigentlich das Zeug zu mehr hätte, dass da mehr Schärfen im Ton, mehr Kanten im Sound sein könnten. Doch stets pulverisiert James Blunt derlei Hoffnungen mit der nächsten nicht mehr als hübschen Ballade, dem nächsten nicht mehr als gemütlichen Midtempo-Song, ehe ein Hit-Trio mit dem Dancefloor-Feger „OK“ und den Zugaben „Bonfire Heart und „1973“ einem noch etwas steigerungsfähigen Abend ein temperamentvolles Finale beschert.