Sommerfestival im Oktober? Frühsommer im Mai? Neue Songs der Rolling Stones und von Céline Dion kommentieren die Relativität der Jahreszeiten. Zwergflusspferde am Neckar tun das ihre.
Den Sprühnebeln offenbar notwendiger Verrichtungen ist nicht immer einfach zu entkommen: Die Männer, die damit betraut sind, nachts die verwirrendste aller Stuttgarter Stadtbahn-Haltestellen zu kärchern, tun kurz vor Mitternacht manchmal so, als sei am Charlottenplatz schon 3 Uhr morgens, als führe niemand mehr mit der Bahn. Weil zur Kärcherzeit um die Geisterstunde herum aber oft noch ordentlich Betrieb herrscht, scheint sich mitunter die Einschätzung durchzusetzen, dass Extra-Duscheinheiten, auch im bekleideten Zustand, als Geschenk zu betrachten seien. Während Einheimische Schleichwege um die Sprühnebel herum kennen, bleibt ankommenden und abfahrwilligen Gästen nur die Akzeptanz des scheinbar Unabänderlichen, bis irgendwann irgendwer vielleicht doch noch auf die Idee kommt, erst nach Betriebsschluss zu kärchern.
Aber Zeitangaben, zumal die Verwendung von Jahreszeiten in Verlautbarungen, scheinen zunehmend in die Gefilde des Relativen abzudriften: Roland Baisch aus Korntal zum Beispiel, Musiker und Komiker von Beruf, bewirbt auf seiner Website neben anderen Auftritten auch das Gastspiel seiner selbst nebst des Count Baishy Swingtetts beim „Sommerfestival“ des Stuttgarter Renitenztheaters. Der annoncierte Termin ist aber der „Mo 05.10.2026“, mithin Anfang Oktober. Die Gegenprobe auf der Website des Theaters besagt weitaus plausibler, dass Baisch dort zwei Monate früher singt, nämlich am 5. August.
Herbert Grönemeyers Frühsommer steht an
Der Monatsdreher, den man getrost als Erfolg des Fehlerteufelchens verbuchen könnte, mag auch ein Symptom der grassierenden jahreszeitlichen Verwirrung sein: „Wenn Herbert Grönemeyer, der gerade seinen 70. Geburtstag gefeiert hat, im Frühsommer 2027 mit seiner Band auf Tournee geht, darf sich das Publikum auf unvergessliche Abende freuen“, schrieb uns dieser Tage ein Veranstalter. Besagte Tournee beginnt am 27. Mai, und nach derzeitigem Stand ist noch nicht ausgemacht, ob sich der Sommer, selbst der frühe Sommer, dann schon zeigen wird. Denn mitunter versteckt sich auch der Frühling, verkleidet sich als Winter oder gar als herannahender Herbst. Wer weiß schon, was Ende Mai 2027 sein wird.
Weitaus triftiger wirkt da schon die Aussage, die die altehrwürdige Londoner Tageszeitung „The Times“ dieser Tage auf ihrer Titelseite wagte: „Why the Stones will be the sound of the summer“ (Warum die Stones den Sound des Sommers prägen werden). Die Rede ist von den Rolling Stones, von den lustvoll schelmisch agierenden Herren um die 80, die vor knapp einer Woche Schnitzeljagd-artig ihren neuen Song „Rough & Twisted“ veröffentlicht haben. Herrlich gefräßige Bluesrock-Gitarren umschwirren darin die jugendlich Testosteron-geschwängerte Stimme von Mick Jagger, der seinen Fans außerdem ein fulminantes Mundharmonika-Solo kredenzt.
Das Beste daran: der neue Stones-Song ist ja trotz der überbordenden Kraft, die er transportiert, keinesfalls notwendig gewesen. Mick Jagger, Keith Richards und Ron Wood müssen gar nichts mehr tun, aber sie wollen offenbar, und vor allem können sie. Aber anders als der Sprühnebel am Charlottenplatz reklamieren die drei Herren eben keine schwer umgehbare Omnipräsenz für sich. Im Gegenteil: Man musste vor ausgesuchten Plattenläden Schlange stehen, um eine der wenigen unter dem Pseudonym The Cockroaches veröffentlichten Vinyl-Schallplatten käuflich zu erwerben. Viele gingen dabei leer aus. Weshalb die „Times“ dennoch einen Stones-Sommer prophezeit? „Rough & Twisted“ gilt als Vorbote eines neuen Rolling-Stones-Albums, das angeblich am 10. Juli erscheinen soll.
Das wäre dann exakt drei Wochen vor dem Beginn der Sommerpause des Stuttgarter Gemeinderats. Und das ist deshalb von Belang, weil auch die CDU-Fraktion im Gemeinderat eifrig mit jahreszeitlichen Hinweisen operiert: „Die Stadtverwaltung und die Wilhelma berichten vor der Sommerpause über die Projektpläne zur Realisierung einer Zwergflusspferd-Anlage zum Neckar“, fordert sie in einem Antrag, der uns an diesem Freitag per E-Mail zugegangen ist.
Zwergflusspferde sind eigentlich im sumpfigen oder zumindest feuchten Urwalddickicht Westafrikas heimisch. Zwar singt Mick Jagger in „Rough & Twisted“: „Promise to take me, yeah, to where the water glows!“ (Versprich mir, mich dorthin mitzunehmen, wo das Wasser leuchtet.) Aber es scheint eher unwahrscheinlich, dass der Sänger der Rolling Stones mit dieser Liedzeile den Neckar im Sinn hatte, zumal in der nächsten von Puerto Rico die Rede ist.
Von dort stammt bekanntlich der Sänger und Rapper Bad Bunny, der im vergangenen Sommer 31 Konzerte in der Hauptstadt San Juan gegeben hat. Céline Dion indes plant eine fünfwöchige Residency mit 16 Auftritten in Paris in den Monaten September und Oktober, die man womöglich als Spätsommer bezeichnen könnte, wenn man sie partout nicht Herbst nennen möchte. An diesem Freitag hat sie ihren ersten neuen Song seit Jahren veröffentlicht. Er heißt „Dansons“, und Céline Dion besingt darin mit wieder erstaunlich ausdrucksstarker Stimme auf Französisch unter anderem einen Tanz über Abgründen und einen Ball unter Sternen, die man als sommerlich empfinden könnte. Aber dann ist von Flocken am Horizont die Rede, womöglich ein Wollpulli-und-Daunenjacken-Signal. Denn Jahreszeiten sind offenbar passé.