Loßburgs Bürgermeister Christoph Enderle Foto: Gemeinde Loßburg

Es sei bereits zehn nach zwölf, mahnt Loßburgs Bürgermeister Christoph Enderle angesichts der wachsenden Aufgabenlast für die Kommunen – und fordert Entlastungen.

Bürgermeister Christoph Enderle erklärt im Jahresinterview, wie er Loßburg trotz klammer Kasse entwickeln möchte, warum er in Sachen Bahnhalt vorsichtig optimistisch ist und wie die Bürokratie Zeit und Nerven kostet.

 

Was war 2025 für ein Jahr für die Gemeinde Loßburg?

2025 war für Loßburg ein Jahr der Realitätstests. Wir haben gespürt, wie sehr äußere Rahmenbedingungen – von der Finanzlage über die Verkehrsinfrastruktur bis hin zu bundespolitischen Entscheidungen – direkt in den kommunalen Alltag durchschlagen. Gleichzeitig war es ein Jahr, in dem wir gezeigt haben, dass Loßburg handlungsfähig bleibt: nüchtern, pragmatisch und mit klarem Blick nach vorne.

Was waren in diesem Jahr die wichtigsten Meilensteine für Ihre Gemeinde?

Wichtige Meilensteine waren die Sicherung zentraler Pflichtaufgaben trotz schwieriger Haushaltslage. Infrastrukturmaßnahmen wie zum Beispiel Feuerwehr, Wasserversorgung, unabhängige Energie- und Wärmeversorgung sowie strategische Entscheidungen wie bei der Windkraft, bei denen wir bewusst priorisiert haben, kann ich da nennen. Nicht alles, was wünschenswert wäre, war machbar. Froh und dankbar bin ich, dass mit dem Förderverein Loßburger Bäder eine weitere Saison in 2026 im Freibad möglich wurde.

Die Finanznot der Kommunen ist derzeit ein bestimmendes Thema. Wie prekär ist die Lage in Loßburg?

Loßburg steht nicht am Abgrund, aber wir sind auch nicht mehr auf Rosen gebettet. Die finanzielle Lage ist angespannt, wie in fast allen Kommunen. Steigende Kosten, neue Aufgaben, die wir uns nicht ausgesucht haben und gleichzeitig begrenzte Einnahmen sind eine Mischung, die wenig Spielraum lassen.

Können Sie überhaupt noch gestalten oder nur noch verwalten?

Wir gestalten – aber gezielt. Wir konnten in der Vergangenheit in allen Ortsteilen zukunftsfähige Lebensqualität schaffen. Gestaltung heißt heute, klug zu priorisieren, langfristig zu denken und nicht jedem Trend hinterherzulaufen. Verwaltung allein wäre Stillstand, und Stillstand ist für Loßburg und mich keine Option. Im Gemeinderat und Verwaltung generieren wir stets Ideen zur erfolgreichen Entwicklung von Loßburg. Es wird künftig jedoch schwieriger sein, an die Erfolge anknüpfen zu können.

Loßburg soll 3,87 Millionen Euro aus dem Sondervermögen des Bundes erhalten. Hilft Ihnen diese Summe wirklich dabei, die Infrastruktur zu ertüchtigen?

Ich halte nichts von dieser Aktion. 3,87 Millionen Euro sind eine Unterstützung auf Schuldenbasis, die auf 12 Jahre gestreckt ist. Das sind jährlich etwas mehr als 320 000 Euro oder der jährliche Abmangel unseres Hallenbades. Wir benötigen eine Entlastung der laufenden Kosten, nicht Kredite, die durchgereicht werden. Bei Investitionen geben uns auch örtliche Banken Geld. Es belastet viele Generationen und ist nicht die Lösung der Probleme, eher ein Feigenblatt oder eine Beruhigungspille vor den Wahlen.

Was müssen Bund und Länder aus Ihrer Sicht tun, damit sich die finanzielle Lage der Kommunen nachhaltig verbessert?

Wer Aufgaben bestellt, muss sie bezahlen. Bund und Länder müssen die Kommunen finanziell besser ausstatten, statt Förderprogramme aufzulegen, die oft bürokratisch und zeitlich begrenzt sind. Bei unserer Nahwärme mussten wir zwei Jahre auf 1,5 Millionen Euro Fördermittel der L-Bank warten, weil drei Sachbearbeiter jedes Mal neue Unterlagen anforderten. Am Ende kam der europäische Rechnungshof und wollte sehen, ob die erdverlegten Leitungen auch verbaut wurden. Zeit, die für andere Aufgaben fehlt!

Loßburg ist, was die Bahnverbindungen angeht, nun seit mehr als einem Jahr abgehängt. Wie zuversichtlich sind Sie, dass die Züge ab Ende 2026 wieder in Loßburg halten?

Meine Zuversicht ist vorsichtig, aber vorhanden; ich habe die schriftliche Zusage eines Staatssekretärs, dass der Bahnhof bleibt. Die Gespräche laufen, und wir drängen weiter darauf, dass Zusagen eingehalten werden. Die Entscheidung liegt aber nicht bei der Gemeinde. Ende Januar soll es in Freudenstadt eine Veranstaltung der DB-Konzernbevollmächtigten mit allen Landtagsabgeordneten des Wahlkreises zur Verkündung weiterer Schritte geben. Loßburg bleibt dran – mit Nachdruck, aber ohne Illusionen.

Den Plan, den Bahnhof zu einem multimodalen Mobilitätsknoten auszubauen, haben Sie auf Eis gelegt. Möchten Sie dieses Vorhaben überhaupt noch voranbringen?

Das Projekt ist nicht beerdigt, sondern pausiert. Wenn Bahn und Ministerium wenig Engagement zeigen, wäre es unseriös, große Investitionen zu tätigen. Sobald sich die Bedingungen verbessern, werden wir das Thema wieder aufnehmen – mit klarem Kosten-Nutzen-Blick. Wir haben mehr als zwei Hidden Champions, deren Geschäftspartner am Ort vorbeifahren müssen; kein Bus, Taxi oder ein E-Car kann bereitgestellt werden, weil man zwei Jahre für eine Weiche benötigt. So gelingt die „Mobilitätswende“ nicht.

Auf was für ein Jahr 2026 müssen Sie die Bürger einstellen?

2026 wird kein Jahr der großen Sprünge, aber eines der Stabilisierung. Die Bürger können sich darauf verlassen, dass wir verantwortungsvoll mit den verfügbaren Mitteln umgehen und gleichzeitig die Zukunft nicht aus den Augen verlieren. Der aktuelle Standard und das Leistungsportfolio müssen eingeschränkt werden, wenn Bund und Land uns Kommunen nicht schnell von den Sozial- und Aufgabenlasten befreien. Es ist bereits zehn nach zwölf!

Welche Projekte werden 2026 in Loßburg die wichtigsten sein?

Im Fokus stehen der Erhalt der bestehenden Infrastruktur, Maßnahmen zur Sicherung der Daseinsvorsorge, zum Beispiel Brandschutz – Feuerwehrhaus, LF 10, HLF 20 –, die Sicherung von Wasserver- und Abwasserentsorgung, die langfristig Entlastungen bringen werden. Dabei soll Qualität vor Quantität unser Leitgedanke sein.

Welche Schlagzeile über Loßburg würden Sie 2026 gerne in der Zeitung lesen?

Wir sind in Loßburg nicht auf große Schlagzeilen aus, uns würde es schon reichen, täglich einen positiven Artikel über unseren Ort lesen zu können.

Jahresinterviews

Zur Person
Christoph Enderle ist seit 2013 Bürgermeister von Loßburg. 2020 wurde er mit 66,7 Prozent der Stimmen in seine zweite Amtszeit gewählt.

Serie
Anlässlich des Jahreswechsels fragen wir Bürgermeister im Rahmen einer Serie: Was war 2025 für ein Jahr? Was wird 2026 wichtig sein? Ist ein Gestalten in der Kommunalpolitik überhaupt noch möglich – oder zwingt die Finanznot dazu, Abstriche zu machen?