Freudenstadts Oberbürgermeister Adrian Sonder Foto: Kati Günter

Wie in der Verwaltung gearbeitet werde, sei nicht mehr zeitgemäß, sagt Freudenstadts OB Adrian Sonder. Um drängende Probleme zu lösen, brauche es strukturelle Veränderungen.

Oberbürgermeister Adrian Sonder spricht im Jahresinterview mit unserer Redaktion über die Gartenschau und die angespannte Haushaltslage, gibt einen Ausblick auf 2026 und erklärt, warum es aus seiner Sicht eine große Staatsreform braucht.

 

Was war 2025 für ein Jahr für die Stadt Freudenstadt?

Das Jahr 2025 war ein aufregendes Jahr – mit dem Höhepunkt der gemeinsamen Gartenschau in Freudenstadt und Baiersbronn. Wir hatten rund 500 000 Besucherinnen und Besucher im „Tal X“. Das wird natürlich in Erinnerung bleiben.

Die Gartenschau ging im Oktober zu Ende. Was bleibt?

Wir haben viel dauerhafte Infrastruktur im Vorfeld der Gartenschau schaffen können. An vielen Stellen ist etwas entstanden, was weit über die Gartenschau hinaus wirken wird. Wir sind natürlich zeitgleich dabei, gemeinsam mit Baiersbronn eine nachhaltige Nutzung des Tals hinzubekommen.

Fast 500 000 Besucher sind eine beachtliche Zahl. Wie wollen Sie es schaffen, diese Menschen in den kommenden Jahren als Touristen zurückzugewinnen?

Ich glaube, dass wir uns da keine falschen Illusionen machen dürfen. Es wird auch in den kommenden Jahren keine „Gartenschau Reloaded“ geben im „Tal X“. Ich bin aber davon überzeugt, dass viele Besucherinnen und Besucher auch in den nächsten Jahren zu uns kommen werden – und das nicht nur wegen des „Tal X“.

Welche anderen wichtigen Projekte sind durch die Gartenschau vielleicht etwas in den Hintergrund gerückt?

Bei der Haushaltskonsolidierung konnten wir in diesem Jahr einiges erreichen. Wir haben es geschafft, Einsparungen vorzunehmen – und dabei klug zu sparen, falls es so etwas überhaupt gibt. Außerdem haben wir die Weichen für die Zukunft gestellt: Dazu gehört zum Beispiel der Beschluss zur Neugestaltung des Bahnhofsvorplatzes am Hauptbahnhof.

Großprojekte wie dieses werden angesichts der finanziellen Lage immer schwieriger. Können Sie überhaupt noch gestalten oder nur noch verwalten?

Die Gestaltungsspielräume sind natürlich sehr eingeschränkt. Es wäre aber auch falsch zu sagen, dass man überhaupt nicht mehr gestalten kann. Ich bin davon überzeugt, dass wir an der einen oder anderen Stelle neue Wege gehen müssen – und dass dann auch ein Gestalten in der Kommunalpolitik möglich ist.

Haben Sie Hoffnung, dass sich die Situation 2026 verbessert?

Im Jahr 2026 werden wir finanziell positive Einmaleffekte spüren. Was mir mehr Gedanken macht, sind die Jahre ab 2027. Aus meiner Sicht werden das ganz schwere Jahre für die Kommunen.

Stichwort Einmaleffekte: Die Stadt Freudenstadt soll 14 Millionen Euro aus dem Sondervermögen des Bundes erhalten. Nur ein Tropfen auf dem heißen Stein?

Natürlich helfen uns die Mittel für die Investitionen in den kommenden Jahren. Gleichzeitig ist aber eines unserer Hauptprobleme, dass Einnahmen und Ausgaben im Ergebnishaushalt auseinanderlaufen. Und diese Mittel vom Bund dürfen nicht für den Ergebnishaushalt verwendet werden, sondern nur für Investitionen. Deshalb gehen die Investitionsmittel nicht die strukturellen Grundprobleme der kommunalen Finanzierung an.

Was müssen Bund und Länder aus Ihrer Sicht tun, damit sich die Finanzlage nachhaltig verbessert?

Bund und Länder müssen sich strukturell darauf verständigen, dass die Kommunen mehr finanziellen Handlungsspielraum haben. Dazu gehören auf der einen Seite pauschale finanzielle Entlastungen. Auf der anderen Seite gehört es aber auch dazu, dass den Kommunen nicht immer mehr Pflichtaufgaben auferlegt werden, ohne dass dafür adäquate Mittel zur Verfügung gestellt werden.

Sie haben einen Aufruf für eine Staatsreform unterstützt. Helfen jetzt also nur noch drastische Schritte?

Ich bin davon überzeugt, dass wir wirklich eine große Staatsreform brauchen. Die Art, wie wir innerhalb der öffentlichen Verwaltung arbeiten, ist nicht mehr zeitgemäß. Auch die Mechanismen der Zusammenarbeit zwischen Bund, Ländern und Kommunen sind nicht mehr zeitgemäß.

An welche konkreten Schritte denken Sie hier?

Zunächst einmal müssen wir ein Grundverständnis von den Hauptproblemen haben. Und ein Hauptproblem ist das Gerangel um Kompetenzen und Verantwortlichkeiten. Wenn wir nicht aufhören, in Silos zu denken, werden wir weder das Thema Bürokratieabbau noch die Digitalisierung lösen können. Deshalb braucht es bei der Staatsmodernisierung große strukturelle Veränderungen und nicht nur punktuelle Eingriffe in das bestehende System.

Sie suchen aktiv das Gespräch mit den Bürgern. Welche Stimmung nehmen Sie wahr?

Die Bürgerinnen und Bürger haben ein feines Gespür, dass die finanzielle Lage in den Kommunen und die Lage der Wirtschaft keine einfachen konjunkturellen Schwankungen darstellen, sondern dass wir in einer strukturellen Krise sind. Natürlich mischt sich in so eine Beobachtung auch Zukunftsangst. Gleichzeitig glaube ich aber auch, dass es wichtig ist, dass man die Probleme transparent darstellt. Daraus wächst auch Vertrauen in die Politik.

Auf was für ein Jahr 2026 müssen Sie die Bürger einstellen?

2026 wird wieder ein Jahr von Veränderungen und dauerhaften Anpassungen. Wir sehen in Deutschland und der Welt, wie schnell sich manche Rahmenbedingungen verändern können. Gleichzeitig sollten wir uns in 2026 auch auf unsere eigenen Stärken besinnen und nicht nur darauf warten, dass die externen Rahmenbedingungen besser werden.

Welche Projekte sind 2026 die wichtigsten?

Ein wichtiges Thema ist für mich der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in den Grundschulen. Es ist mir ganz wichtig, dass wir die wichtigen Zukunftsinvestitionen auf den Weg bringen.

Welche Schlagzeile über Freudenstadt würden Sie 2026 gerne in der Zeitung lesen?

Die Aufbruchstimmung in Freudenstadt geht weiter.

Jahresinterviews

Zur Person
Adrian Sonder (36) ist seit Juli 2024 Oberbürgermeister der Stadt Freudenstadt. Er wurde bei der Wahl mit 60,16 Prozent der Stimmen in seine erste Amtszeit gewählt.

Serie
Anlässlich des Jahreswechsels fragen wir Bürgermeister im Rahmen einer Serie: Was war 2025 für ein Jahr? Was wird 2026 wichtig sein? Ist ein Gestalten in der Kommunalpolitik überhaupt noch möglich – oder zwingt die Finanznot dazu, Abstriche zu machen?