Gemeindetagspräsident Steffen Jäger, Ministerin Marion Gentges, Oberbürgermeister Jürgen Roth und Innenminister Thomas Strobl applaudieren beim Neujahrsempfang gut gelaunt. Foto: Cornelia Spitz

Wie verbreitet man Zuversicht und wirft man einen positiven Blick in die Zukunft, wenn die aktuellen Rahmenbedingungen so gar nicht frohlocken lassen? Vor dieser Aufgabe standen die Redner des Neujahrsempfangs – und meisterten sie.

Oberbürgermeister Jürgen Roth nutzte die Gelegenheit, für „seine“ Baden-Württemberg-Stadt zunächst einmal die Werbetrommel zu rühren und über 2024 Bilanz zu ziehen, indem er „mit Stolz“ so manchen besonderen Moment in 2024 in Erinnerung rief. Deutschland Tour, Lange Tafel, gemeisterte Sanierungen, Nahwärmenetzausbau oder der Bürgerentscheid für das gemeinsame neue Schwimmbad – es ist viel passiert.

 

Viel schwerer tat sich Roth da schon beim Ausblick auf 2025. Schließlich seien doch, das wusste schon der Schriftsteller Mark Twain, viel schwieriger, „vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen“.

Was 2025 kommen soll

Angesichts schwieriger Rahmenbedingungen rief Roth dazu auf, „wieder gemeinsam und für die Wirtschaft zu kämpfen“.

Jürgen Roth: „VS hat so viel Potenzial!“ Foto: Cornelia Spitz

Und er lenkte den Blick auf das, was 2025 kommen soll: Wohnraum will man schaffen, eine Grundschule am Deutenberg eröffnen, neue Kita-Plätze schaffen und ein MVZ, um dem vorherrschenden Ärztemangel zu begegnen, was die Bürger „zu Recht“ erwarteten.

Gemeindetagspräsident räumt mit Anspruchshaltung auf

Und doch: Mit der Anspruchshaltung der Bürger ging Steffen Jäger, der Präsident des Gemeindetags Baden-Württemberg, in seinem Impulsvortrag geradezu schonungslos ins Gericht. Doch zunächst einmal verteilte Jäger ganz viel Lob an den Oberbürgermeister Jürgen Roth. Der nämlich sei ein „ein ’primus inter pares’ im allerbesten Sinne, ein Erster unter Gleichen, der sich mit Tatkraft und großem kommunalpolitischen Weitblick für Ihre Doppelstadt, aber auch für die Region und die kommunale Familie in Baden-Württemberg einsetzt“.

Doch auf der Vergangenheit auszuruhen, dazu lud Jäger trotzdem nicht ein. Im Gegenteil: Er forderte zu einem altbekannten Schema beim Jahreswechsel auf: dem Fassen von guten Vorsätzen. Für unsere Gesellschaft hatte Jäger einen solchen, frei nach Albert Schweitzer, gleich mitgebracht: „Wagen wir die Dinge zu sehen, wie sie sind“.

Keine schlecht bezahlten Kita-Fachkräfte

Und somit machte er auch Schluss mit blumigen Ausführungen und legte den Finger in so manche Wunde, von der Grundsteuerreform über den Personalmangel in Kindertagesstätten – wo man beim Blick auf Tarifverhandlungen mittlerweile „nicht mehr davon sprechen“ könne, „dass die Fachkräfte in den Kitas schlecht bezahlt wären“ und die Kitas im Land die „beste Personalquote in den Kitas im Vergleich aller Bundesländer“ hätten – bis hin zum Deutschlandticket, durch dessen Subventionierung „keine Bahn und kein Bus zusätzlich“ fahre. Punktum: Jeder Euro, der ausgegeben werden solle, müsse auch „irgendwie vereinnahmt“ werden – eine Tatsache, die bei der Diskussion um staatliche Leistungen gerne vergessen werde.

Nehme man Jägers Vorsatz also ernst und sehe man die Phase wirtschaftlicher Schwäche Deutschlands und die teils „dramatische Schieflage“ der öffentlichen Haushalte, sei klar, worin dieser Vorsatz mündet: das Anerkennen dessen, was die Kommunen schon heute tagtäglich leisteten und das kluge Setzen von Prioritäten angesichts dessen, was ist – sprich: wie die Situation aktuell ist.

Strobl rückt das Baden-Württemberg-Bild zurecht

Eine solch realistische Sicht auf die Dinge hatte auch Innenminister Thomas Strobl mitgebracht in seinem Grußwort.

Thomas Strobl: „Diese Doppelstadt ist die Baden-Württemberg-Stadt.“ Foto: Cornelia Spitz

Und zwar eine äußerst positive: Er lud die Doppelstädter dazu ein, bei allem Jammern und Lamentieren Baden-Württemberg als das zu sehen, was es sei: das Land, in dem am allermeisten getüftelt, erfunden und vorangebracht werde, das Exportmeister sei, Ehrenamtsland wie kein anderes und in vielerlei Hinsicht eine Ausnahmestellung einnehme – „nicht nur in Deutschland, sogar in Europa“. Dass da nicht einmal die Bayern mithalten könnten – Strobl verriet’s am Rednerpult mit einer gehörigen Portion Süffisanz.

Die brachte auch der musikalische Akteur an diesem Abend mit: Sebastian Schnitzer.

Sebastian Schnitzer unterhielt die Gäste musikalisch. Foto: Cornelia Spitz

Ob es nun die amüsiert besungene Kabelkiste des Mannes oder die gehorteten Kartons der Shopping süchtigen Frau waren – die nicht ganz 500 Besucher des Neujahrsempfangs ließen sich von dem Mann am Piano gerne mitreißen, klatschten und wippten im Takt.

Kurze Talkrunde zum Schluss

Abschluss eines Abends in der Schwenninger Neckarhalle mit reichlich inhaltsschweren Redebeiträgen bildete eine Talkrunde, moderiert von Stefan Kühlein, Geschäftsführer der Rhein-Neckar-Fernsehen GmbH. Allzu tief jedoch stieg er angesichts der längst vorgerückten Stunde nicht mehr mit seinen Gästen auf dem Podium – Innenminister Thomas Strobl, Justiz- und Migrationsministerin Marion Gentges, Gemeindetagspräsident Steffen Jäger und Oberbürgermeister Roth – in die Themen ein. Ein kurzer Abriss zur Migration und Grenzkontrollen sowie den Themen Bleiberecht und Sicherheit – Roth: „Das ist ein großes Thema, das bekomme ich regelmäßig in den Bürgergesprächen gespiegelt“ – musste reichen.

Denn draußen, im Foyer, warteten Getränke und Häppchen darauf, in gemütlicher Plauder-Runde an Stehtischen verzehrt zu werden.

Kostenlose Häppchen und ein Rat, der Gold wert ist

„’S koschtet nix“, stellte Roth klar – und wer auch noch die Quintessenz des Neujahrsempfangs in VS verinnerlicht hat, der ging mit einem Ratschlag des Oberbürgermeisters nach Hause, das Jürgen Roth während seiner Rede verraten hatte: Da hatte er nämlich sein Geheimnis für Zuversicht in VS in unübersichtlichen Zeiten preisgegeben: „Klar ist, es liegen vielfältige Herausforderungen vor uns.

Für mich ist aber auch klar, dass wir in der Vergangenheit so vieles gemeinsam erreicht haben. Wir können auf ein stabiles Fundament aufbauen: Wir haben einen starken Gemeinderat, wir haben ein starkes Vereinswesen. Und wir haben ein starkes Bürgertum!“