Der Balcony Walk ist ein spektakulärer Wanderweg, der in schwindelerregender Höhe am Grand Canyon des Oman, dem Wadi Nakhar, entlangführt. Ziel ist eine grüne Oase mit sprudelnder Wasserquelle und Olivenhain. Foto: Jutta Lemcke

Die Bergwelt Omans ist ein Eldorado für Wanderer und Outdoor-Aktive. Selbst in den heißen Sommermonaten herrschen auf 2000 Meter Höhe angenehme Temperaturen. Erfrischung liefern sprudelnde Bäche und kühle Tümpel in den Wadis.

Der Himmel grollt in Basstönen. Grellweiße Blitze zucken über die schroffen Gebirgskämme. Dann kommt der Regen. Eine Sturzflut von oben, die das in Wolken gehüllte Saiq-Hochplateau im Hajar-Gebirge sekundenschnell in einen Whirlpool verwandelt. Dicke Tropfen platschen auf den Asphalt. Von allen Seiten schieben sich schlammgelbe Fluten über die Ebene, überschwemmen die Senken und gluckern die gezackten Felswände herunter. Plätschernde Wasserfälle verwandeln sich in reißende Sturzbäche, die zusammen mit dem Donnergrollen die dramatische Hintergrundmusik für dieses triefend nasse Naturschauspiel liefern.

 

Die Omanis lieben den Regen, der die brütende Hitze vertreibt

Die Hiking-Touristen, die hier auf 2000 Meter Höhe den Al Jabal Al Akhdar, den „grünen Berg“, erwandern wollen, schauen ratlos. Die Omanis dagegen lieben den Regen, der die brütende Hitze vertreibt, die Stauseen volllaufen lässt und für die nächste Saison eine reiche Rosen- und Obsternte verheißt. Am nächsten Tag hat sich die gespenstische Dracula-Szene in Luft aufgelöst. Die Morgenluft ist glasklar und die mächtigen Berge schimmern in sanftem Rosarot. Wanderführer Sulaiman Al Zakwani kennt die Wetterkapriolen in den Bergen, die sich im Nordosten Omans über 450 Kilometer hinstrecken. Schroffe Canyons, tief eingeschnittene Felsspalten, himmelhohe Steilwände und palmengesäumte Wadis schaffen eine dramatische Landschaft mit ganz eigener Fauna und Flora. Sulaiman ist hier in einer rund 200-köpfigen Großfamilie im Örtchen Al Qashe’a aufgewachsen. Eine Familie – ein Dorf, so geht die Gleichung in den Bergen. Zwar hat sich Oman unter der langjährigen Herrschaft des 2020 verstorbenen Sultan Qabus bin Said in einen modernen Staat mit beeindruckender Infrastruktur verwandelt, doch die Traditionen sind weiterhin lebendig.

Sulaiman drängt zum Aufbruch. Als Bergführer begleitet er Wanderlustige auf dem Al Jabal Al Akhdar, darunter viele deutsche Touristen. Er steigt mit ihnen vom Hochplateau auf steilen Pfaden in die umliegenden Wadis ab. Es geht vorbei an hohen Wasserfällen, tiefen Felshöhlen und verlassenen Lehmdörfern. Natürliche Steinpools laden zum Baden ein, Felsvorsprünge mit dramatischen Ausblicken zum Picknicken. Eine kürzere, aber nicht minder schöne Tour führt zu den drei alten Dörfer Al Aqr, Al Ayn und Ash Shirayjah. Hier leben Bauernfamilien, die auf den kunstvoll angelegten Terrassen Rosen, Granatäpfel, Walnüsse, Birnen, Trauben, Knoblauch und Zwiebeln anbauen. Zur Bewässerung nutzen sie die Afladj, ein schon vor 1500 Jahren angelegtes System aus steinernen Kanälen, Tunneln, Viadukten und Schleusen, das alles Regenwasser auffängt und nach einem festgelegten Schlüssel an die Bauern verteilt.

Karte des Oman. Foto: STZN

In Oman locken viele Wandertouren, etwa ab dem Örtchen Wakan, das wie ein Adlernest auf 2000 Metern am Berg klebt und einen atemberaubenden Blick in die umliegenden Wadis bietet. Einzige Unterkunft und auch Verköstigungsstelle ist das kleine Sama Wakan Heritage Hotel mit neun Zimmern in einem traditionellen Haus mit alten, niedrigen Holztüren, rau verputzten Wänden und einem Freiluftrestaurant mit grob gezimmerten Tischen. Morgens hört man Hähne krähen und die Dorfesel über die Pflastersteine klappern. Direkt hinterm Haus geht es steil bergauf. Der Weg mit seinen steinernen Stufen wird gern von Wanderern genutzt, dient aber eigentlich den Dorfbewohnern, die hier auf kleinen, von Steinen umrahmten Terrassen Wein, Aprikosen, Feigen, Bananen, Zwiebeln und Knoblauch anpflanzen.

Ein steil eingeschnittenes Wadi mit himmelhohen Felswänden

Entlang des Pfades plätschern die Afladj-Kanäle. Ist eine Terrasse versorgt, wird der Zufluss mit Stoffresten und Steinen verschlossen, sodass die Bäche neue Wege nehmen. Der Aufstieg aus dem Dorf führt ambitionierte Wanderer auf den Gipfel des Al Jabal Al Akhdar, gut markiert durch aufgemalte Flaggen in Grün-Gelb-Weiß. Wer es bei einem ausgedehnten Spaziergang belassen möchte, läuft einfach bis zu den Wasserbecken oberhalb des Dorfes – und trifft dort nicht selten auf eine Schar von Jungs in Badehosen, die von Felsen wagemutig in die kleinen Staubecken springen.

Noch ein Wanderziel? Da müsste man den Jebel Shams nennen, den Berg der Sonne, der als höchster Gipfel Omans die ersten Sonnenstrahlen des Tages einfängt. Doch auch der Weg dorthin ist lohnend. Er führt von Wakan aus durch das steil eingeschnittene Wadi Bani Awf mit seinen himmelhohen Felswänden und dann auf einer spektakulären, unbefestigten Straße nur für Allrad-Wagen über den Sharaf-al-Alamayn-Pass. Wie riesige, von einem Hurrikan aufgepeitschte, Ozeanwellen, die plötzlich zu Stein erstarrt sind, schichten sich die Bergmassive auf. Dazwischen Canyons, als hätte jemand mit einer groben Säge ins Gebirge geschnitten. Fabelwesen aus Stein hocken oben auf den Felsen. Es braucht nur wenig Fantasie, um neugierige Erdmännchen, kugelrunde Schneemänner und Drachen mit gezackten Rücken zu sehen. Riesige Felskugeln balancieren auf Vorsprüngen – kurz vor dem Sturz in die Tiefe, vielleicht heute, vielleicht auch erst in 1000 Jahren.

Am Jebel Shams lockt eine Wanderung namens „Balcony Walk“. Dieser „Balkon“ hat es in sich. Er klebt in schwindelerregender Höhe über dem „Grand Canyon“ Omans, der steil an die 1000 Meter in das Wadi Nakhar abfällt. Hier wartet eine eindrucksvolle drei- bis vierstündige Wanderung, die ein wenig Schwindelfreiheit erfordert, aber nicht allzu anstrengend und schwierig ist. Am Dorf Al Khytaim steigt man, begleitet vom Meckern der Ziegen, vom Plateau nach unten und läuft dann mit einigem Auf und Ab direkt am Steilhang entlang.

Kardamom-Kaffee wird auf offenem Feuer gekocht

Tief unten entdeckt man kleine Dörfer und sieht das Glitzern des Wassers, das nach dem Regen durchs Wadi läuft. Nach oben ragen karge Gesteinsmassen wie drohende Gewitterwolken auf. Nur ein paar winzige wandernde Menschlein setzen mit ihren bunten Outdoor-Kleidern kleine Farbtupfer ins Schiefergrau der Berge. Doch auch dieser Ausflug findet einen genussvollen Höhepunkt. Plötzlich plätschert es trotz stahlblauen Himmels von oben. Glitzertröpfchen perlen von den nassschwarzen Felsen. Rinnsale winden sich zwischen den Steinen hindurch und füllen einen Steinpool. Ein Grüppchen Olivenbäume beschattet ein grünes Rasenplätzchen. Das ruft nach Picknick. Die Wanderführer kochen Kardamom-Kaffee auf offenem Feuer, verteilen saftig-süße Granatäpfel und reichen Datteln. Oman, das wird jetzt klar, ist ein raues, aber wunderschönes Naturparadies und ein perfektes Ziel für Genusswanderer.

Info

Anreise
Oman Air fliegt ab Frankfurt am Main direkt nach Maskat, www.omanair.com. Umsteigeverbindungen bietet z. B. Turkish Airlines, www.turkishairlines.com.

Unterkunft
Wakan: Das Sama Wakan Heritage Resort liegt auf 2000 Meter Höhe, ein kleines, authentisches Haus mit grandiosem Ausblick, Doppelzimmer ab 120 Euro, www.samaresorts.com.Jebel Shams: Das Sama Heights Resort & Spa gehört zum selben Unternehmen. Hier gibt es verschiedene Unterkünfte von einfachen Beduinenzelten bis zu komfortablen Bungalows auf 2100 Meter Höhe, dazu ein schönes Restaurant, DZ ab 132 Euro, www.samaresorts.com.Al Jabal Al Akhdar: Das Anantara Al Jabal Al Akhdar Resort ist ein sehr komfortables Hotel in spektakulärer Lage auf dem Saiq-Plateau, hervorragende Küche, außergewöhnliche Aktivitäten (Kultur, Kulinarik, Sport), DZ ab 360 Euro, www.anantara.com.

Aktivitäten
Zahlreiche Wanderrouten, zum Teil markiert; Canyoning, z. B. durch den Snake Canyon beim Wadi Bani Awf, Klettersteige, z. B. „Ultimate Jabal Activity Wall“ am Anantara Al Jabal Al Akhdar Hotel, Mountainbike-Touren, z.B. im Wadi Habib. Anbieter für Outdoor-Aktivitäten: Rove Adventures (www.rove.om), Nomad Inn Tours Oman (www.instagram.com/nomadinnoman), Husaak Adventures (www.husaak.com).

Allgemeine Informationen
Das Sultanat Oman ist das offizielle Gastland der weltweit führenden Reisemesse ITB vom 5.-7. März in Berlin. Offizielle Website: www.experienceoman.om