Sinkendes Defizit, gefragte Staatsanleihen und Aktien: An den Finanzmärkten steht Italien derzeit gut da. Doch der Schein trüge, warnt die Ökonomin Lucrezia Reichlin.
Italiens politisches und wirtschaftliches Image ist in den vergangenen Jahren deutlich positiver geworden. Doch die italienische Ökonomin Lucrezia Reichlin sieht die Entwicklung unter Premierministerin Giorgia Meloni kritisch. Statt auf Europa setze sie auf eine Renationalisierung vieler Branchen und verfolge einen „besorgniserregend“ ambivalenten Kurs gegenüber den USA unter Präsident Donald Trump, sagte sie im Gespräch mit unserer Zeitung.
„Noch halten die Märkte ruhig“, stellt sie fest. Doch die Premierministerin sollte Europa ins Zentrum ihrer Politik stellen. Stattdessen mache sie das Gegenteil, findet Reichlin: Sie zwinge Banken, Staatsanleihen zu kaufen, um die Abhängigkeit vom Ausland zu reduzieren. Mit der so genannten Golden-Power-Regelung könne Meloni unliebsame Übernahmen in der italienischen Wirtschaft verhindern und befreundete Industrielle unterstützen. Die Folge: Sie schottet das Land wirtschaftlich gegen außen ab. Das bedeute eine Rückkehr in die 70er-Jahre des vorigen Jahrhunderts, so Reichlin.
„Die Re-Nationalisierung schafft große Risiken und ist das Gegenteil dessen, was sie machen sollte. Italien schafft es nicht allein, denn es gibt auch noch das Problem mit den wachsenden chinesischen Einfuhren. Wir brauchen eine europäische Kapitalmarktunion. Wir brauchen Europa.“
Reichlin, die an der London Business School unterrichtet und von 2005 bis 2008 die Forschungsabteilung der Europäischen Zentralbank (EZB) leitete, hält das derzeit positive politische und wirtschaftliche Image Italiens für nicht gerechtfertigt. „Das aktuelle Image ist verzerrt. Angesichts fehlender Reformen, des Auslaufens des Europäischen Wiederaufbauprogramms NextGeneration im kommenden Jahr und einer dramatischen demografischen Lage ist das Land auf dem Weg zurück zu einem anämischen Wachstum“, sagt sie und meint damit ein ungesundes, eingeschränktes Wachstum der Wirtschaft. Schon in den vergangenen Jahren sei das Land schwächer gewachsen als etwa Spanien und Frankreich. Für dieses Jahr prognostiziert die EU-Kommission nur noch ein Plus von 0,4 Prozent.
Konjunkturelles Strohfeuer
Ohne die Hilfen von fast 200 Milliarden Euro, aus dem NextGeneration-Programm und einer beispiellos großzügigen Förderung des ökologischen Umbaus von Gebäuden, die ein kurzes konjunkturelles Strohfeuer entfachte und 2024 gestoppt wurde, wäre die Wirtschaft nach Einschätzung von Emmanuele Orsini, Chef des Industriellenverbandes Confindustria, längst geschrumpft.
Doch der Zinsaufschlag zwischen zehnjährigen deutschen und italienischen Anleihen ist mit 72 Basispunkten auf den niedrigsten Stand seit mehr als 20 Jahren gefallen. Private Anleger reißen Rom neue Anleihen aus der Hand. Die Mailänder Börse steigt seit Jahren stärker als fast alle anderen Aktienmärkte. Die Rating-Agenturen haben gleich reihenweise die Bewertung angehoben. Und das Haushaltsdefizit soll 2026 auf 2,8 Prozent sinken. Das eingeleitete EU-Defizitverfahren ist damit wohl vom Tisch.
Auf Reformen verzichtet
Dennoch sind die Perspektiven düster. Die teure Förderung des ökologischen Umbaus hat die Schulden nach oben getrieben. Laut EU-Kommission steigen sie von 135 Prozent auf 138 Prozent im kommenden Jahr. Und damit sprudeln auch die Steuereinnahmen weniger üppig. Die Binnennachfrage lahmt, auch weil die Realeinkommen seit Jahren sinken. Das liegt teilweise an der geringen Produktivität, die seit 20 Jahren stagniert.
„Es bräuchte dringend Investitionen, aber die bleiben aus“, sagt Reichlin. Die Hoffnungen Melonis, auf Großinvestitionen aus China, auf den Bau einer Batteriefabrik oder Projekte Elon Musks haben sich nicht erfüllt. Die Mode-Industrie schrumpft dramatisch. Die Autoindustrie ist im freien Fall.
Es rächt sich, dass Meloni auf Reformen verzichtet hat: „Meloni hat nichts getan. Die Regierung hat keine Strategie und auf Reformen etwa des Wettbewerbsrechts, die neue Impulse hätten geben können, verzichtet“, kritisiert die Ökonomin.
Bevölkerung schrumpft
Sie sieht noch weitere Risiken: Die hohen Energiekosten, die noch über den deutschen liegen, und die US-Strafzölle. „Ich bin sehr besorgt darüber, was da noch kommen könnte“, meint Reichlin. Und die vielen Kleinunternehmen im Land seien nicht in der Lage, die notwendigen Investitionen in Innovationen oder eine Expansion in andere Länder zu finanzieren. Allein vom Tourismus mit den größtenteils unqualifizierten und schlecht bezahlten Saison-Arbeitsplätzen kann das Land nicht leben. Die Beschäftigungsquote ist zwar gestiegen. Doch mit 63 Prozent liegt sie deutlich unter dem europäischen Durchschnitt von 76 Prozent.
Die Bevölkerungszahl schrumpft seit Jahren. Ein großer Teil der gut ausgebildeten jungen Leute verlässt das Land. „Mario Draghi hat mit seinem Gesetz, das gut ausgebildete Arbeitskräfte etwa durch steuerliche Anreize zurücklocken sollte, richtig gehandelt. Aber das reicht bei weitem nicht“, meint Reichlin. „Es bräuchte mehr Einwanderung. Die aber will die Bevölkerung nicht.“
Renommierte Ökonomin
Dozentin
Lucrezia Reichlin (71) ist eine der renommiertesten italienischen Ökonominnen. Sie unterrichtet an der London Business School und blickt auf eine lange Lehrtätigkeit in Italien, den USA, Großbritannien, Frankreich und Belgien zurück.
EZB
Von 2005 bis 2008 leitete sie die Forschungsabteilung der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt.