Wegen des Lockdowns verkauft Illy derzeit weniger Kaffee im Außer-Haus-Geschäft. Foto: imago/Norbert Schmidt

Die traditionsreiche Kaffeemarke aus dem italienischen Triest richtet ihr Augenmerk stärker auf Nachhaltigkeit – und auf Kunden in Übersee: So soll die USA zum wichtigsten Markt von Illy werden.

Mailand - Nicht nur die Gastronomie wird von der Coronavirus-Pandemie ausgebremst. Auch Kaffeehersteller wie Illy, Lavazza und Segafredo leiden stark. Das gilt vor allem für Italien, wo der am Tresen eingenommene Cappuccino oder Caffè Teil der Lebenskultur ist.

 

„Unsere Verkaufszahlen im Außer-Haus-Geschäft, das für 60 Prozent unserer Erlöse steht, sind stark eingebrochen. Aber wir haben vieles durch höhere Verkäufe im In-Haus-Geschäft, etwa Kaffeekapseln, durch die Digitalisierung, den E-Commerce und mehr Verkäufe in Supermärkten wettgemacht“, sagt Andrea Illy, Präsident des gleichnamigen Kaffeeherstellers aus Triest im Gespräch mit unserer Zeitung. „Wir schreiben weiter schwarze Zahlen“, fügt er hinzu.

Illy will expandieren

Andrea Illy schätzt, dass die Veränderungen dauerhafte Folgen haben werden. „Es wird künftig weniger gereist, mehr im Homeoffice gearbeitet und ein ökonomisch und ökologisch nachhaltigeres Wirtschaftsmodell geben.“ Der Unternehmer klagt über eine italienische Bürokratie, die „unvorstellbar groß ist und die Entscheidungsprozesse bremst“. Die Hoffnung in der Wirtschaft des Landes ist groß, dass sich das unter dem neuen Premierminister Mario Draghi ändern wird. Illy setzt derweil auf eine internationale Expansion und mehr Nachhaltigkeit.

In Italien mit seinen mehr als 800 lokalen Kaffeeproduzenten, einer sinkenden Bevölkerungszahl und einem schon sehr hohen Kaffeekonsum sieht er kaum Wachstumspotenzial. Dass Starbucks einige Kaffeehäuser in Italien eröffnet hat, habe eher „symbolische Bedeutung“. Illy ist eine von drei exportstarken italienischen Marken, zu denen auch die Massimo Zanetti Beverage Group (MZB) aus Treviso gehört, die weltweit 40 Gesellschaften kontrolliert, darunter Kakao-, Schokolade- und Gewürzproduzenten. Flaggschiff der MZB-Gruppe, die auch Filterkaffee produziert, ist Segafredo. Die Gruppe zieht sich von der Börse zurück, weil sich die damit verbundenen Hoffnungen nicht erfüllt haben.

Illys Anspruch: den weltweit besten Kaffee zu produzieren

Größter italienischer Kaffeehersteller ist Lavazza. Das mehr als 120 Jahre alte Unternehmen aus Turin ist zuletzt mit Übernahmen etwa des Kaffeegeschäfts von Mars, Verkäufe von Kaffeekapseln und Kaffeemaschinen stark gewachsen und kommt auf einen Exportanteil von 70 Prozent.

Illy erhebt den Anspruch, den weltweit besten Kaffee zu produzieren, und will „die Lokomotive und das Symbol für den Konsum echten italienischen Espressos in der Welt“ sein, sagt Andrea Illy. Er setzt auf Expansion vor allem in den USA. „Die USA sind ein Schlüsselmarkt und sollen unser größter Einzelmarkt werden.“ Er hat dabei vor allem die zehn Prozent der Kaffeetrinker im oberen Preissegment im Visier, die enttäuscht von den lokalen Angeboten seien. Die USA tragen derzeit 20 Prozent zu den Illy-Erlösen bei, Italien 35 Prozent, Europa insgesamt 60 Prozent. In Deutschland ist Illy seit 50 Jahren präsent. Großes Potenzial sieht Illy auch in Asien und weist darauf hin, dass derzeit weltweit „nur“ zwei Milliarden Menschen Kaffee trinken.

Die Familie will sich nicht aus dem Konzern zurückziehen

Für die Expansion in die USA hat Illy die Private-Equity-Gesellschaft Rhone Capital mit ins Boot genommen. „Die haben Expertise bei Operationen, in denen sie nur einen Minderheitsanteil haben. Und sie haben Erfahrung mit dem Verkauf europäischer Konsumgüter in den USA“, begründet er die Partnerwahl.

„Wir haben uns von einem reinen Familienunternehmen zu einem Unternehmen mit professioneller Führung auch durch einen familienfremden Geschäftsführer gewandelt. Der letzte Schritt dabei war die Öffnung des Kapitals“, sagt Andrea Illy, der einen späteren Börsengang zumindest nicht ausschließt. Für die von seinem Bruder Riccardo geleiteten Gruppe Polo del gusto mit allen Nicht-Kaffee-Aktivitäten (Tee, Schokolade, Wein, Marmelade) ist die Notierung am Aktienmarkt ein konkreter Plan. Zurückziehen will sich die Familie nicht. Mit Riccardo Illys Tochter Daria ist bereits die vierte Generation im Aufsichtsrat vertreten.

Es sei nicht geplant, dass Rhone Capital den Anteil erhöht – auch nicht im Zuge des Ausstiegs des weiteren Bruders Francesco, dessen Anteil die drei anderen Geschwister übernähmen, sagt Andrea Illy. Sie finanzierten den Kauf durch eigene Mittel und Erlöse aus dem Verkauf an Rhone Capital.

Klimawandel bedroht auch die Zukunft des Kaffees

Bedeutende Wachstumsimpulse für Illy kommen aus der Lizenzvereinbarung mit der zur Reimann-Holding gehörenden JAB: Der Partner hat für Illy die weltweite Herstellung und den Vertrieb von Alukapseln übernommen, die auch in Nespresso-Maschinen eingesetzt werden können. „Das läuft sehr, sehr zufriedenstellend und beschert uns das prozentual größte Wachstum“, sagt Illy. Die im Einzelhandel und über Internet erhältlichen Kapseln kosten pro Stück 43 Eurocent. Damit ist Illy am oberen Ende der Preisspanne. Der Verkauf der Kapseln in der Branche wächst deutlich zweistellig.

Der Klimawandel bedroht auch die Zukunft des Kaffees. Illy forscht deshalb an „neuen Zusammensetzungen“ und an „nachhaltigeren und besser angepassten Kaffeesorten. Im Rahmen der World Coffee Research arbeiten wir unter anderem an der Verbesserung der Landwirtschaftspraktiken“, sagt er. Und mit der 2019 vorgestellten „Virtuous Agriculture“ will das Unternehmen „die Böden durch den Einsatz von organischem Kohlenstoff gesünder und resilienter machen“. Andrea Illy, der Vorfahren aus Ungarn, Schwaben und Irland hat, hat sich zum Ziel gesetzt, zum hundertsten Geburtstag des Unternehmens im Jahr 2033 komplett CO2-frei zu produzieren.