Bei der Podiumsdiskussion (von links): Naomi Ellenbogen (Bund jüdischer Studierender Baden), der Antisemitismusbeauftragte Michael Blume, Rabbiner Moshe Flomenmann beantworteten zahlreichen Besuchern Fragen über Juden und Judentum. Die Landtagsabgeordnete Sarah Hagmann (rechts) moderierte. Foto: Regine Ounas-Kräusel

Auf großes Interesse stieß jüngst eine Podiumsdiskussion zum Thema Juden und Judentum.

Zu der Veranstaltung unter dem Titel „Was Sie schon immer über Juden und das Judentum wissen wollten“ hatten die Landtagsabgeordnete Sarah Hagmann und die israelitische Kultusgemeinde Lörrach eingeladen. Zusätzlich zu den 60 vorab angemeldeten Personen füllten noch etliche Leute mehr den Davidsaal der jüdischen Gemeinde.

 

„Wer ist Jude?“ Mit dieser Frage eröffnete Hagmann die Diskussion und beantwortete sie mit einem Zitat von Israels erstem Ministerpräsidenten Ben Gurion: „Wer meschugge genug ist, sich einen zu nennen.“ Jude oder Jüdin ist, wer eine jüdische Mutter hat oder wer zum Judentum konvertiert, erklärte Gemeinde- und Landesrabbiner Moshe Flomenmann und fuhr fort: Judentum sei mehr als Religion, denn es gebe auch säkulare Juden. Nicht jeder Jude sei Israeli und nicht jeder Israeli Jude, da es auch arabische Israeli gebe. Viele jüdische Menschen empfänden ihre Gemeinschaft als große Familie.

Viele fühlen sich als Teil einer großen Familie

Das Lebensgefühl „Familie“ teilte auch Naomi Ellenbogen vom Bund jüdischer Studierender Baden (BJSB). Sie machte das an gemeinsamen Traditionen und vielen weitläufigen Verwandten in der kleinen jüdischen Minderheit fest. Sie sei in einer Familie aufgewachsen, die den Schabbat feiere und koscher esse.

Moshe Flomenmann berichtete von der jüdischen Gemeinde Lörrach mit ihren 500 Mitgliedern, unter denen etliche Zuwanderer aus der früheren Sowjetunion sind. Viele Juden trügen Schmerz im Herzen, sagte er.

Aber man solle nicht nur trauern und Stolpersteine setzen, sondern auch das Leben genießen. Er freute sich, dass das Weinbau-Institut Baden-Württemberg den ersten koscheren Wein hergestellt habe.

Hamas-Massaker undstarker Antisemitismus

Auch das Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 und der wachsende Antisemitismus kamen zur Sprache. Seit Israel sich gegen die Hamas zur Wehr setze, habe der Antisemitismus drastisch zugenommen, sagte Flomenmann. Israel-Fahnen seien verbrannt worden, jüdische Menschen schwer verletzt oder sogar ermordet worden. Kritik an der israelischen Regierung sei legitim, auch Israelis würden gegen ihre Regierung demonstrieren, stellte der Rabbiner klar. Gewalt sei aber ein „No go“. In Lörrach sei die Situation „einigermaßen in Ordnung“, sagte er. Dennoch gab es am Freitag zur Sicherheit eine Einlasskontrolle.

Juden aus Lörrach sind nicht verantwortlich

Als „Antisemitismus pur“ bezeichnete Flomenmann die jüngste Ausladung des israelischen Dirigenten Lahav Shani und der Münchner Philharmoniker bei einem Musikfestival in Belgien. Bei aller legitimen Kritik an der Regierung dürfe man dem Land Israel nicht die Existenz absprechen und jüdische Menschen nicht unter Generalverdacht stellen, betonte der Antisemitismus-Beauftragte von Baden-Württemberg, Michael Blume: „Die jüdische Gemeinde Lörrach ist nicht die Botschaft des Staates Israel.“ Naomi Ellenbogen berichtete über antisemitische Vorfälle an der Uni Heidelberg: Die „Students for Palestine“ hätten ein Sommerfest der Uni gestört und auf einem Poster Israel des „Völkermords“ bezichtigt. Jüdische Studenten würden aus Angst vor Angriffen keine sichtbaren Zeichen mehr tragen. Sogar nicht-jüdische Studierende seien schon angespuckt worden, weil sie Taschen der Heidelberger Hochschule für jüdische Studien dabei hatten.

Aktiv gegen Antisemitismus

Ellenbogen berichtete, wie der BJSB sich an der Uni Heidelberg in Gesprächen für ein konsequentes Vorgehen dagegen einsetzt. Michael Blume forderte eine Geschäftsstelle für jüdische Studenten, damit sie nicht ausbrennen.

Die Hochschulen seien „Hotspots“ des Antisemitismus. Stadtrat Jörg Müller forderte entschlossenes Handeln von der deutschen Regierung. US-Präsident Trump habe Universitäten, die nicht gegen Antisemitismus auf ihrem Campus vorgehen, Zuschüsse gestrichen, sagte er unter Applaus. Unter den Geiseln der Hamas seien auch deutsche Staatsbürger.

Naomi Ellenbogen empfahl allen, die antisemitische Vorfälle erleiden oder beobachten, dies der Meldestelle RIAS mitzuteilen. RIAS unterstütze die Opfer und führe Statistiken, um Antisemitismus sichtbar zu machen.