Die dreijährige Yahel spielt nach ihrer Befreiung mit einer Soldatin. Foto: dpa/Israel Prime Minister Office

Unter den Menschen, die von der Hamas aus Israel entführt wurden, sind viele Minderjährige. Nachdem die ersten von ihnen befreit sind, wird immer deutlicher, was ihnen angetan wurde.

Wenn Chen Avigdori, 53, in diesen Tagen den Müll nach draußen bringen will, muss er mit dem Widerstand seiner zwölfjährigen Tochter Noam rechnen. „Sie lässt mich nicht das Haus verlassen“, bestehe darauf, dass er nah bei ihr bleibe, erzählt er. In der Nacht wache sie manchmal schreiend auf.

 

Noam Avigdori gehört zu den 81 israelischen Geiseln, die die Terroristen der Hamas im Rahmen der vereinbarten Feuerpause freiließen. Insgesamt sind 32 Minderjährige unter den Befreiten, darunter einige sehr kleine Kinder: etwa Raz (4) und Aviv (2) Asher, die auch die deutsche Staatsbürgerschaft haben; die vierjährige Abigail Edan, die bei dem Terrorangriff der Hamas die Ermordung der eigenen Eltern mitansehen musste – und die dreijährigen Zwillinge Emma and Yuly Cunio.

Erst allmählich und bruchstückhaft gelangen Informationen zu ihrer Gefangenschaft an die Öffentlichkeit; viele Details zu den Bedingungen, denen sie im Gazastreifen ausgesetzt waren, dürfen die Angehörigen aus Gründen der nationalen Sicherheit nicht preisgeben. Das Bild, das sich aus den Informationsfetzen zusammensetzen lässt, ist dennoch bedrückend.

„Jeder Tag, der vergeht, ist wie eine Ewigkeit, die nie endet“

So berichtete Thomas Hand, der Vater der neunjährigen Emily Hand, seine Tochter spreche nach ihrer Rückkehr so leise, dass er sein Ohr an ihren Mund halten müsse, um sie zu verstehen. „Sie war darauf konditioniert worden, keinen Lärm zu machen“, sagte der aus Irland stammende Hand dem US-Fernsehsender CNN. Seit ihrer Rückkehr weine Emily abends oft lange in ihrem Bett, ohne sich trösten zu lassen. „Ich vermute, sie hat vergessen, wie es ist, getröstet zu werden.“ Auf die Frage, wie lange sie glaubte, in Gaza gefangen gewesen zu sein, habe Emily geantwortet: „Ein Jahr.“

Die 45-jährige Danielle Aloni, die gemeinsam mit ihrer sechsjährigen Tochter Emilia befreit wurde, berichtete von ihren Erfahrungen in einem Video für das Hostages and Missing Families Forum, in dem die Angehörigen der Entführten sich organisiert haben. „Es gibt keinen Tagesplan, es gibt nichts“, sagt sie darin über ihre Zeit in Gaza. „Wir schlafen, wir weinen. Jeder Tag, der vergeht, ist wie eine Ewigkeit, die nie endet.“ Alonis Schwester Sharon war ebenfalls entführt worden, gemeinsam mit ihren dreijährigen Zwillingen. Auch sie erhielten im Rahmen des Geiseldeals ihre Freiheit zurück.

Über Wochen nur geflüstert

Die Kinder und ihre Mütter hätten die meiste Zeit der Geiselhaft zusammen mit weiteren Entführen in einem sehr kleinen Raum verbracht, berichtete Moran Aloni, der Bruder der beiden Frauen am Montag. „Wenn sie etwas brauchten, mussten sie an die Tür klopfen“, auch für Toilettengänge. „Vielleicht kam jemand nach einer Stunde, vielleicht nach vier Stunden.“ Die Terroristen hätten die Geiseln nicht regelmäßig mit Nahrung versorgt, auch an Wasser habe es gelegentlich gemangelt.

Außerdem hätten die Geiseln sich über Wochen nur flüsternd miteinander unterhalten dürfen. Seine Schwestern und ihre Kinder hätten die Stimmen der anderen Menschen, mit denen sie auf engstem Raum eingesperrt waren, nicht gekannt, berichtet Moran Aloni. „Es gab dort nichts zu tun. Und sie wussten nicht, dass sie dort 50 Tage bleiben würden.“

Eine Woche nach ihrer Freilassung gelinge es den beiden Zwillingen immerhin, gelegentlich zu lächeln. „Aber in den meisten Nächten können sie nicht schlafen“, fügt Aloni hinzu. Und Emilia, seine sechsjährige Nichte, lasse ihre Mutter nirgendwo alleine hingehen, „nicht einmal ins Badezimmer oder in ein anderes Stockwerk“.

„Einer der Teenager durfte in 50 Tagen nur einmal duschen“

Die Kinderärztin Yael Mozer Glassberg, die an der Schneider-Kinderklinik in Petah Tikva bei Tel Aviv viele der minderjährigen Geiseln behandelte, beschreibt zudem dramatische hygienische Zustände während der Geiselhaft. „Einer der Teenager durfte in 50 Tagen nur einmal duschen“, berichtet sie. Viele der Kinder hätten nach ihrer Befreiung unter extremem Läusebefall und Hautausschlägen gelitten. Alle Geiseln verloren außerdem zwischen zehn bis 15 Prozent ihres Körpergewichts. Manche Kinder hätten auch nach ihrer Freilassung im Krankenhaus zunächst nur kleine Stücke Brot gegessen und diese möglichst lange gekaut.

„Es gibt Kinder, die ohne ihre Eltern festgehalten wurden“, erzählt die Ärztin. „In einem Fall hat das ältere Geschwisterkind erst gegessen, nachdem das jüngere Kind gegessen hatte. Ich komme aus einer Familie von Holocaustüberlebenden. Diese Geschichten erinnern mich an die Geschichten meines Großvaters.“ Manche Angehörige minderjähriger Geiseln berichten außerdem von seelischem Missbrauch: Die Tante des zwölfjährigen Eitan Yahalomi sagte französischen Medien, Männer der Hamas hätten den Jungen geschlagen und dazu gezwungen, Videos von den Massakern des 7. Oktobers anzusehen.

Die Kinderärztin Mozer Glassberg bestätigt, die Entführer hätten systematisch psychologischen Terror angewandt. „Einem der Teenager sagten sie jeden Tag: Du wirst mindestens ein Jahr hierbleiben.“

Kein Lachen, kein Weinen

Viele der Kinder haben bei dem Terrorangriff der Hamas extreme Szenen von Gewalt beobachtet, manche außerdem nahe Verwandte verloren. Besonders dramatisch ist die Geschichte der vierjährigen Abigail Edan, deren Vater bei dem Versuch erschossen wurde, das Mädchen zu schützen. Wieder andere Kinder erfuhren erst bei ihrer Rückkehr nach Israel, dass manche ihrer Angehörigen oder Freunde nicht mehr am Leben sind. Die neunjährige Emily Hand beispielsweise musste nach ihrer Freilassung die Nachricht verarbeiten, dass ihre Stiefmutter Narkis am 7. Oktober von den Terroristen ermordet worden war. „Das war sehr schwer“, sagte ihr Vater Thomas Hand der CNN. „Ihre kleinen Augen wurden glasig, und sie musste tief Luft holen.“

In den ersten Tagen nach der Ankunft der Geiseln im Schneider-Krankenhaus sei es in dem Spezialtrakt für die Befreiten erschreckend still gewesen, erzählt die Kinderärztin Yael Mozer Glassberg: kein Lachen, kein Weinen, wie sie es ansonsten von ihrer Arbeit gewöhnt ist.

Das durchlittene Trauma zu verarbeiten dürfte ein ganzes Leben dauern. „Wir erzählen unseren Kindern, dass es keine Monster gibt“, sagt sie. „Aber das ist nicht wahr.“