Zerstörung soweit das Auge reicht: Eine Straße im nördlichen Gaza-Streifen, aufgenommen am Mittwoch, 5. Februar, entlang der in Trümmer liegenden Siedlungen. Foto: AFP/OMAR AL-QATTAA

Trumps Plan, aus Gaza die „Riviera des Nahen Ostens“ zu machen, halten die meisten Experten für abwegig. Was aber wäre eine realistische Zukunft für den zerstörten Küstenstreifen? Mehrere Optionen werden derzeit diskutiert.

Geröll und Trümmer, so weit das Auge reicht, hin und wieder das graue Skelett eines Gebäudes, Stahlträger, die verformt und nutzlos gen Himmel ragen: Aufnahmen aus Gaza geben einen Eindruck von dem massiven Ausmaß der Verwüstung dort. Gut Zweidrittel aller Gebäude, schätzen Experten mit Verweis auf Satellitenaufnahmen, sind entweder beschädigt oder komplett zerstört.

 

Aus diesem verwüsteten Fleckchen Erde, nicht einmal halb so groß wie die Stadt Berlin, will US-Präsident Donald Trump die „Riviera des Nahen Ostens“ machen, wie er am Dienstag mit gewohntem Bravado verkündete. Die gut zwei Millionen Palästinenser, die dort leben, sollen in der Zwischenzeit auf arabische Staaten wie Ägypten und Jordanien aufgeteilt werden – nur solange, bis der Wiederaufbau abgeschlossen ist, wie US-Außenminister Marco Rubio inzwischen erklärt hat. Der Plan ist auf breite Ablehnung gestoßen: unter Experten, unter arabischen Staaten, auch unter den Palästinensern selbst. Nur Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sowie einige seiner Minister haben das Vorhaben begrüßt, wohl in der Erwartung, dass es die Chancen auf einen unabhängigen Palästinenserstaat weiter dezimieren würde.

Würde Hamas Macht an ihren größten palästinensischen Rivalen abgeben?

Trumps Plan, so unrealistisch er klingt, erinnert indes an ein großes Versäumnis: Auch 16 Monate nach Kriegsbeginn ist weiter unklar, wie die Zukunft des Gazastreifens aussehen soll.

Beliebt unter westlichen Regierungen und manchen israelischen Experten ist die Möglichkeit, dass die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) die Kontrolle über Gaza übernimmt. Auch die vorherige US-Regierung unter Präsident Joe Biden hatte dafür plädiert. Zwar gilt die PA, die Teile des Westjordanlands regiert, als hochgradig korrupt und hat Umfragen zufolge kaum noch Rückhalt in der palästinensischen Gesellschaft. Aber sie hat Regierungserfahrung und blickt auf Jahrzehnte der – wenngleich oft problematischen – Kooperation mit Israel zurück. Israels aktuelle Regierung lehnt dieses Szenario allerdings entschieden ab: Sie verweist darauf, dass auch die PA Terror fördere, indem sie etwa den Familien getöteter Attentäter besondere Finanzhilfen zuweise. Ein weiterer, wenn auch meist unausgesprochener Einwand seitens der israelischen Regierung dürfte darin bestehen, dass eine PA-Regierung in Gaza die Gründung eines Palästinenserstaates machbarer erscheinen ließe. Denn zum ersten Mal seit Jahrzehnten würden die Palästinensergebiete vom selben palästinensischen Akteur kontrolliert.

Das Szenario hat allerdings auch praktische Schwachstellen. So steht längst nicht fest, dass die Hamas nach 15 Monaten erbitterter Kämpfe ihre Macht an ihren größten palästinensischen Rivalen abgeben würde. Erst recht nicht dürfte sie bereit sein, ihre Waffen abzugeben. Und die Sicherheitskräfte der PA hätten allein gegen die Hamas kaum eine Chance.

Ein weiteres Modell, das manche US-Denkfabriken und israelische Kommentatoren anvisieren, sieht vor, dass von verschiedenen arabischen Staaten entsandte Friedenstruppen zeitweise die Kontrolle über Gaza übernehmen. Die Hamas hat sich aber bereits dagegen ausgesprochen – und noch haben sich keine arabischen Staaten gefunden, die sich an einer solchen Truppe beteiligen würden. „So eine Lösung eignet sich gut für Präsentationen, aber in der Realität lässt sich das nicht umsetzen“, urteilt Michael Milshtein, Vorsitzender des Forums für Palästinenserstudien an der Universität von Tel Aviv, im Gespräch mit dieser Zeitung.

Frage nach einer Alternative bleibt

Milshtein, der früher die Abteilung für palästinensische Angelegenheiten des militärischen Geheimdienstes Israels leitete, geht davon aus, dass die Hamas in Gaza an der Macht bleibt. „Die Hamas hat ganz klar das Sagen dort. Sie baut schon jetzt, in diesem Moment, ihre Kräfte wieder auf. Die Unterstützung für die Hamas in der palästinensischen Gesellschaft ist breit und authentisch, und ich rechne damit, dass sie nach dem Krieg noch wachsen wird.“

Nach dem Massaker des 7. Oktobers 2023 hatte Israels Regierung die militärische und politische Entmachtung der Hamas in Gaza zu einem ihrer Kriegsziele erklärt. Auch die US-Regierung, sowohl unter Biden als nun unter Trump, hat klar gemacht, dass aus ihrer Sicht die Hamas nicht mehr über Gaza herrschen sollte. Doch in der Abwesenheit einer Alternative demonstriert die Hamas nun öffentlich ihre Macht, wie etwa bei der Übergabe israelischer Geiseln, die von Hunderten bewaffneten Hamas-Männern umringt wurden. Und Experten zufolge hat die Hamas zuletzt Tausende neue Kämpfer rekrutiert.

Sollte die Hamas sich in Gaza tatsächlich an der Macht halten, wäre das nicht nur für Israel eine schlechte Nachricht. Denn es würden sich mit Ausnahme des Golfstaats Qatar wohl kaum Staaten finden, die den aufwendigen Wiederaufbau in Gaza zu finanzieren bereit sind, solange dort eine Terrororganisation herrscht.