Mit dem Anschlag der Hamas auf israelische Zivilisten droht der Nahostkonflikt erneut zu eskalieren. Die Ursprünge des Problems liegen lange zurück. Eine Lösung erscheint heute weiter entfernt denn je.
Sie gelten nicht als zartbesaitet, doch als israelische Fallschirmjäger am 7. Juni 1967 die Klagemauer erobern, werden sie von ihren Gefühlen übermannt. Fast 2000 Jahre nachdem römische Legionen sie aus ihrer Heimat vertrieben hatten, ist der heiligste Ort der Juden auf einmal wieder in israelischer Hand. Jahrhunderte galt der Ruf an Pessach „Nächstes Jahr in Jerusalem“ als frommer Wunsch. Nun ist er plötzlich Realität.
Das alles ist ferne Zukunftsmusik, als Theodor Herzl in seinem 1896 erschienen Buch „Der Judenstaat“ eine Heimat für die in alle Welt verstreuten Juden fordert, zermürbt vom Judenhass Europas und den ständigen Pogromen – ein Wort, das eigens für antijüdische Hetzjagden erfunden wurde. „In Russland werden Judendörfer gebrandschatzt, in Rumänien erschlägt man ein paar Menschen, in Deutschland prügelt man sie gelegentlich durch, in Österreich terrorisieren die Antisemiten das ganze öffentliche Leben“, schreibt Herzl. Kurz: Willkommen sind die Juden nirgendwo. Warum also nicht einen eigenen Staat gründen? Am besten dort, wo das jüdische Volk entstand. Es ist die Geburtsstunde des Zionismus.
Ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land
Doch die Sache hat einen Haken, denn die zionistische Formel von „einem Land ohne Volk für ein Volk ohne Land“ ist zwar ein griffiger Slogan aber nur die halbe Wahrheit. Schon Moses und die Israeliten stoßen nach ihrem Auszug aus Ägypten nicht in einen luftleeren Raum. Das ist Ende des 19. Jahrhunderts, als sich Tausende Juden ins Gelobte Land aufmachen, nicht anders. Zwar ist das Land dünn besiedelt, auch haben nach der Vertreibung durch die Römer immer noch Juden in der Region gelebt, aber es ist nur eine kleine Minderheit. 1880 zählt Palästina etwa 400 000 Einwohner, darunter 20 000 Juden.
1914 sind es bereits 85 000 – und mit jedem jüdischen Einwanderer wächst auf arabischer Seite die Angst. Aus Angst wird Hass, der bald in Gewalt umschlägt. Umso mehr, als sich mit dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Untergang des Osmanischen Reichs, das den Landstrich jahrhundertelang kontrolliert hatte, die Idee des Nationalismus auch unter den Arabern ausbreitet. Zumal die Briten ihnen 1916 einen eigenen Staat in Aussicht gestellt hatten, wenn sie sich gegen das Osmanische Reich erheben, das im Ersten Weltkrieg aufseiten der Deutschen kämpft.
Doppelter Wortbruch mit fatalen Folgen
Um auch die Juden gegen die Mittelmächte zu mobilisieren, verspricht Großbritannien in der Balfour-Deklaration 1917 auch diesen einen Staat. „Die Errichtung einer nationalen Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk wird von der Regierung Seiner Majestät mit Wohlwollen betrachtet“, heißt es darin. Doch schon da dämmert den Briten, dass die Rechnung nicht aufgehen könnte. So betont Außenminister Arthur Balfour in seinem Schreiben an Lord Rothschild, „dass nichts getan werden darf, was die Bürgerrechte und religiösen Rechte der in Palästina lebenden nichtjüdischen Bevölkerung nachteilig betrifft“.
1919, der Krieg ist zu Ende, versammeln sich in Paris die Sieger, um eine neue Weltordnung zu schaffen. Dort einigen sich auch der Leiter der zionistischen Delegation, Chaim Weizmann, und der Sohn des Scherifen von Mekka und militärische Führer der Araber, Emir Faisal, auf die Gründung eines jüdischen Staats in Palästina. Vorausgesetzt die Briten halten Wort und ermöglichen die Gründung Großarabiens. Doch das tun sie nicht. Bereits 1916 hatten sich der französische Diplomat François Georges-Picot und sein britischer Kollege Mark Sykes getroffen, um das Osmanische Reich aufzuteilen. Von einer „jüdischen Heimstätte“ und einem Großarabien ist in der geheimen Übereinkunft keine Rede. Der heutige Libanon, Syrien, der Nordirak und Teile Anatoliens fallen an Frankreich, während Großbritannien Transjordanien, den Irak und Palästina erhält. Faisal wird mit dem Irak abgespeist, sein Bruder Abdallah mit Transjordanien, wenn auch nur von Londons Gnaden. Ein doppelter Wortbruch mit fatalen Folgen.
Der Kampf um das Heilige Land beginnt
Die Nabi-Musa-Unruhen in Jerusalem im April 1920 gelten als Beginn des Kampfs um das Heilige Land: Araber gegen Juden, Briten gegen Araber, Juden gegen Briten, mit dem Arabischen Aufstand 1936 eskaliert die Lage. In panischer Angst, die Araber könnten sich auf die Seite Deutschlands schlagen, drosseln die Briten kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs die Einwanderung von Juden nach Palästina – just, als in Berlin immer lauter über die „Endlösung der Judenfrage“ nachgedacht wird.
Mit dem Mord an sechs Millionen Juden wird die Gründung eines jüdischen Staats zu einer historischen Notwendigkeit und aus der unverbindlichen Zusage Balfours eine Verpflichtung. 1947 beschließt die UN die Teilung Palästinas, doch als David Ben-Gurion am 14. Mai 1948 den Staat Israel ausruft, marschieren Ägypten, Syrien, Transjordanien, der Irak und der Libanon ein, um „die Juden ins Meer zu treiben“. David trifft auf Goliath, und Goliath erlebt sein blaues Wunder. Ein Jahr später ziehen sich die Angreifer geschlagen zurück, mit ihnen fliehen 700 000 Araber.
Israel erweist sich als wehrhaft
Heute sind daraus 5,5 Millionen geworden, ist der Status als Palästinaflüchtling doch vererbbar – was weltweit einmalig ist und den Nahostkonflikt am Köcheln hält. Mit dem Segen des Hilfswerks der UN für Palästinaflüchtlinge, das in der Sache ähnlich neutral agiert, wie die Randalierer in Neukölln. Auch die UN-Generalversammlung fällt seit der Gründung Israels eher mit Resolutionen gegen die einzige Demokratie des Nahen Ostens auf als mit realistischen Lösungsvorschlägen.
Den arabischen Nachbarn dienen die bis heute oftmals in Lagern eingepferchten Flüchtlinge einzig dazu, ihre Bevölkerung gegen einen äußeren Feind zu mobilisieren – und dadurch vom eigenen Versagen abzulenken. Dass Ägypten nach den Anschlägen der Hamas vor zwei Wochen sofort die Grenze zum Gazastreifen schließt, zeigt, wie groß die oft beschworene Solidarität der Araber mit den Palästinensern in Wahrheit ist. Zudem erweist sich der Judenstaat als überaus wehrhaft. 1967 vernichtet Israel in einem Präventivschlag die angriffsbereiten Armeen Ägyptens, Jordaniens und Syriens und erobert den Sinai, den Golan, das Westjordanland und Ostjerusalem. Auch den Überraschungsangriff Ägyptens und Syriens an Jom Kippur 1973 kann Israel abwehren.
Der Hass auf die Juden eint die Palästinenser
Was militärisch nicht zu lösen ist, versuchen die PLO, die von Iran kontrollierte Hisbollah, die von den Saudis und Katar geförderte Hamas und der Islamische Dschihad mit Terror zu erreichen. Alle Versuche, die Palästinafrage politisch zu lösen, scheitern: an Maximalforderungen der palästinensischen Seite, die sich bis Mitte der 90er Jahre nicht einmal dazu durchringen kann, die Existenz Israels zu akzeptieren. Länder wie der Iran tun dies bis heute nicht. Die Verhandlungen scheitern aber auch am Siedlungsbau der Israelis, an der Frage, wer Jerusalem bekommt – oder an Terroranschlägen, die stets die Falken beider Seiten stärken. Eine Lösung des Problems erscheint heute unwahrscheinlicher denn je. Unter einem Dach werden die beiden Völker nach 100 Jahren Hass nicht leben können, eine Zweistaatenlösung wäre für Israel ein hochriskantes Unterfangen, solange die Palästinenser ein Rückkehrrecht für alle Flüchtlinge fordern, eint diese doch vor allem ihr Hass auf die Juden.
Dass eine Lösung schwer sein würde, hatte schon Staatsgründer Ben-Gurion vorausgesehen. „Wir haben ihr Land genommen. Es ist wahr, dass es uns von Gott versprochen wurde, aber wie sollte sie das interessieren? Unser Gott ist nicht ihr Gott“, soll er gesagt haben. Auschwitz sei nicht die Schuld der Palästinenser. „Sie sehen nur eine Sache: Wir kamen und haben ihr Land gestohlen. Warum sollten sie das akzeptieren?“
Gut getimter Terror
Inzwischen erkennen immer mehr muslimische Staaten Israel an. Zuletzt deutete sich sogar eine Annäherung mit Saudi-Arabien an – bis die Hamas mehr als 1400 Frauen, Männer, Kinder und Greise ermordete. Es ist nicht das erste Mal, dass ein Anschlag eine Einigung in letzter Sekunde verhindert. Vielleicht werde die Frage, wem das Heilige Land gehört, auf dem Schlachtfeld geklärt, vielleicht durch die normative Kraft des Faktischen, schreibt der ehemalige Israelkorrespondent der ARD, Richard C. Schneider, in seinem Buch „Die Sache mit Israel“. „Oder durch ein Wunder.“ Ein frommer Wunsch. Aber auch der könnte in Erfüllung gehen, wenn es nach Ben-Gurion geht, denn: „Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.“