Petra Olschowski bittet den Wissenschaftsrat um seine Einschätzung zu Islam-Instituten. Foto: Pressefoto Baumann

Wissenschaftsministerin Olschowski will Islamzentren bundesweit überprüfen lassen. Kritiker werfen ihr mit Blick auf Missstände am Tübinger Islamzentrum Hinhaltetaktik vor.

Die baden-württembergische Wissenschaftsministerin Petra Olschowski (Grüne) regt an, alle bundesweit sieben Zentren für islamische Studien, darunter auch das allererste an der Universität Tübingen, wissenschaftlich begutachten zu lassen. „Baden-Württemberg“ bitte den Wissenschaftsrat, schreibt die Ministerin in einem Brief, der unserer Zeitung vorliegt, um „eine zeitnahe Evaluation“ der Zentren. Am Freitag tagt die Vollversammlung des Wissenschaftsrates, des Beratungsgremiums von Bund und Ländern, in Fulda. Die Annahme der Initiative gilt als sicher.

 

Ziele erreicht?

Sie wünsche sich eine Bilanz: „Haben die Zentren ihre Ziele erreicht – etwa in der wissenschaftlichen Etablierung islamischer Theologie in Deutschland und der Ausbildung von Lehrkräften?“, präzisiert die Ministerin auf Nachfrage.

Der Neubau des Zentrums für Islamische Theologie an der Uni Tübingen. Foto: Weißenborn

Unsere Zeitung berichtete wiederholt über Missstände am Zentrum für Islamische Theologie (Zith) in Tübingen. So traten vor Jahren Referenten mit Bezügen zu den Muslimbrüdern dort auf. Zuletzt entwickelte sich eine immer engere Verflechtung zwischen dem türkischen Moscheeverband Ditib und dem Zith: Gleich zwei Ditib-Bundesvorsitzende waren dort als Lehrkräfte angestellt. Ex-Zentrumsdirektor und Nachfolgerin pflegen enge Kontakte zu dem Verband, unter anderem über Stellenbesetzungen. Und im Beirat ist die einflussreichste islamische Organisation ebenfalls stark vertreten.

Ditib untersteht der türkischen Religionsbehörde Diyanet und Staatschef Recep Tayyip Erdogan. Uni-Leitung und Ministerin bestritten die Vorwürfe. Olschowski räumt nun „einige persönliche Konflikte“ am Zith ein. An der „hohen Qualität der Lehre und wissenschaftlichen Leistungen“ seien ihr keine Zweifel bekannt. Insider klagten über akademische Schwächen der Studenten.

Missstände tabu

In Olschowskis Vorstoß zur Begutachtung der Islam-Zentren ist davon naturgemäß nicht die Rede. Das Land hat ins Zith, inklusive Neubau, seit seiner Gründung 2011 37,4 Millionen Euro gesteckt. Und der Bund noch einmal 7,5 Millionen – insgesamt 45 Millionen Euro an öffentlichen Geldern. Allenfalls am Ende des Briefs findet sich ein Hinweis auf Fehlentwicklungen: „Die zentrale Frage“ sei es, schreibt Olschowski, ob „die Vielfalt islamischer Glaubensrichtungen“ in Deutschland in Curriculum, bei Personal und Gremien der Islamzentren „adäquat“ berücksichtigt sind. Gerade das sei nicht der Fall, bemängeln Kritiker – nicht nur am Zith. Dafür sorge der Einfluss der orthodox-konservativen Islamverbände, obwohl sie nur eine Minderheit der Muslime in Deutschland repräsentierten.

Die Einweihung des Tübinger Islamzentrums 2012 mit der damaligen Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (li.) und Bildungsministerin Annette Schavan (re.) Foto: dpa

Experten bewerten das Schreiben als Hinhaltetaktik. Vermisst werden konkrete Anhaltspunkte. Der FDP-Landtagsabgeordnete Stephen Brauer kritisiert Olschowski: „Nachdem der Zith-Neubau an der Uni Tübingen mit großem Brimborium eingeweiht und das Abschneiden bei der Exzellenzinitiative zu Recht groß gefeiert wurde, könnte die Wissenschaftsministerin ihr Augenmerk wieder darauf legen, dass beim Zith Forschung und Lehre verfassungsgemäß stattfindet“, so der Oppositionspolitiker. „Stattdessen wartet sie auf eine bundesweite Evaluation, um eine Aufarbeitung, wenn nicht bis zum Sankt Nimmerleinstag, so doch bis auf nach der Landtagswahl zu verschieben.“