Abdel-Hakim Ourghi: „Die Vertreibung der Juden ist in den arabisch-muslimischen Ländern bis heute ein Tabu.“ Foto: picture alliance / Rolf Haid/Rolf Haid

Der Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi ist ein liberaler Muslim. Eine kritische Aufarbeitung der Geschichte des Islam ist für ihn der Schlüssel für ein friedliches Miteinander. Ein Gespräch über Gefahren durch Antisemitismus bei Migranten und was dagegen getan werden sollte.

Abdel-Hakim Ourghi ist ein prominenter Vorkämpfer eines liberalen Islam. Im Interview erzählt der Islamwissenschaftler, wie er, zum Judenhass erzogen, aus Algerien auswanderte. Viele Muslime müssten ihr Feindbild korrigieren, sagt er und packt ein Tabuthema an: die Ursprünge des Antisemitismus im Islam.

 

Herr Ourghi, in Ihrem neuen Buch untersuchen Sie den Antisemitismus Ihrer islamischen Herkunftskultur. Was sind dessen Wurzeln?

In Deutschland und in den islamischen Ländern herrscht die Meinung vor, der islamische Antisemitismus sei ein Export der Kolonialherrschaft und stehe mit der Gründung des Staates Israel 1948 in Verbindung. Gleichzeitig heißt es, dass es den Juden vorher gut ging. Doch schon ab dem Jahr 624 wurden Juden vertrieben und enteignet, die Männer getötet, Frauen und Kinder versklavt – auf Befehl des Propheten Muhammad. Diese Gewalt wurde theologisch legitimiert durch ein ganzes Sündenregister über die Juden im politisch-juristischen Koran, der in Medina offenbart wurde.

Sie stammen aus einer religiösen Familie in Algerien und waren als junger Mann, wie Sie selbst sagen, ein „indoktrinierter Antisemit“. Wie sind Sie davon losgekommen?

In der Sozialisation in weiten Teilen der muslimischen Welt wird bis heute ein Negativbild von Juden und von einem gefährlichen Israel vermittelt. Davon lösen konnte ich mich in meiner Studentenzeit in den 90ern in Freiburg. Da habe ich mich mit der deutschen Geschichte auseinandergesetzt und war über das Leiden der Juden im Zweiten Weltkrieg erschrocken. Ich wollte wissen, ob es auch Juden in Algerien gab. Darüber lernte man nämlich nichts. Bis heute ist die Vertreibung der Juden in den arabisch-muslimischen Ländern ein Tabu. Auch in der persönlichen Begegnung habe ich festgestellt, dass die Juden nicht unsere Feinde sind. Die entsprachen so gar nicht dem Bild, das wir als Kinder in Algerien vermittelt bekommen haben.

Wie sind Sie eigentlich in Deutschland gelandet?

Ich wollte weiterstudieren und wegen der Sprache eigentlich zuerst nach Frankreich. Das war 1992, in Algerien herrschte Bürgerkrieg zwischen den Islamisten und den damaligen Herrschern. Mit Frankreich hat es nicht geklappt, mit Deutschland dagegen sofort. Heute bin ich Frankreich dankbar dafür, dass ich kein Visum bekommen habe.

Als Islam-Reformer ist für Sie die kritische Aufarbeitung der Geschichte der islamischen Kultur der Schlüssel für ein friedliches Miteinander. Wie ist es darum bestellt?

Wir Muslime brauchen eine neue, zeitgemäße Interpretation des Islam und seiner Quellen anhand der Vernunft. Damit das überhaupt gelingt, brauchen wir eine Erinnerungskultur. Die meisten Muslime erinnern sich stets an die „guten“ Seiten ihrer Religion, Gerechtigkeit, Frieden und so weiter. Im Namen einer konservativen Theologie vermittelt man uns auch ein idealisiertes Bild des Propheten als unfehlbarer Heilsfigur Muhammad. Die unangenehmen Wahrheiten in der Geschichte des Islam aber werden bewusst vergessen und verdrängt, damit die Einheit der Gemeinde nicht ins Wanken kommt.

Kritiker behaupten, der Antisemitismus in der islamischen Welt sei ein Exportprodukt der Nationalsozialisten. Was halten Sie davon?

Diese Episode stellt nur eine weitere Facette des islamischen Antisemitismus dar. Viele Linksliberale wollen das ganze Bild auf den Nahostkonflikt mit Israel verengen. Man will uns auch vermitteln, dass es in der Geschichte des Islam den „glücklichen“ Juden gibt. Aber das stimmt nicht. So war das gut sichtbare Tragen eines gelben Flickens auf den Kleidern der Juden eine muslimische Erfindung, die von der katholischen Kirche des Mittelalters übernommen und von den Deutschen im Holocaust grausam perfektioniert wurde.

An Ostern hat eine Palästinensergruppe bei einer Demo in Berlin wieder mal „Tod den Juden“ skandiert. Was läuft da schief in Deutschland?

Solche Veranstaltungen müssen sofort verboten werden. Da geht es zunächst einfach um die Sicherheit aller Menschen in Deutschland, darunter auch Jüdinnen und Juden. Es ist gefährlich, wenn Muslime – nicht nur Islamisten – die Zerstörung Israels fordern und Slogans aus dem 7. Jahrhundert brüllen. Außerdem müssen wir die Fehlentwicklung bei der Sozialisation der Demonstranten analysieren: Warum identifizieren sich diese Menschen eher mit ihren Herkunftsländern, die nur eine Erinnerung für sie sind, als mit dem Land, in dem sie leben? Dagegen ließe sich einiges unternehmen.

Zum Beispiel?

Antisemitismus, auch der muslimische, muss in den Schulen im Geschichtsunterricht und im islamischen Religionsunterricht ab der vierten Klasse thematisiert werden, um die Schülerinnen und Schüler dafür zu sensibilisieren. Außerdem sollten die Schulen das Gespräch mit Synagogen suchen. An der Pädagogischen Hochschule in Freiburg haben wir im November mit muslimischen und evangelischen Studierenden eine Reise nach Israel unternommen. Dabei konnten unsere muslimischen Studierenden Vorbehalte und Ängste abbauen. Durch solche konstruktiven Begegnungen können wir einen Beitrag für den Frieden zwischen Muslimen, Juden und Christen leisten.

Der Sunnitische Schulrat verweigert Ihnen die Lehrbefugnis. Sogar das US-Außenministerium kritisierte, dass ein liberaler Muslim so zum Schweigen gebracht werden soll. Sie klagen dagegen. Wie ist der Stand der Dinge?

Ich verstehe mich als Aufklärer der Geschichte des Islam und thematisiere Tabus, mit denen vor allem die Vertreter des politischen Islam nichts zu tun haben wollen. Für die bin ich eine unangenehme Person, die sie am liebsten mundtot machen wollen. Mein Fall liegt beim Verwaltungsgericht. Ich nehme an, dass es im Juni, Juli zur Verhandlung kommt. Die Klage habe ich im vergangenen August eingereicht. Die Stiftung Sunnitischer Schulrat hat sich aber zuletzt von ihrem eigenen Rechtsanwalt getrennt, weil er es trotz mehrfacher Fristverlängerung nicht geschafft hat, eine Erwiderung einzureichen.

Baut Ihnen die Landesregierung nicht eine goldene Brücke? Sie dürfen weiter islamische Religionslehrer ausbilden – auch ohne Lehrbefugnis. Warum lassen Sie sich nicht darauf ein?

Mir geht es nicht nur um die Lehrbefugnis. Mir geht es darum zu zeigen, dass wir in einem säkularen Staat leben. Da hat die Politik nichts in den inneren Angelegenheiten einer Religionsgemeinschaft zu suchen. Es gehört nicht zu den Aufgaben einer Landesregierung, die Muslime zu organisieren. In Baden-Württemberg aber mischt sich der Staat ein. Das halte ich für verfassungswidrig.

Die Stiftung ist ja ein Sonderweg. Wie wollen Sie den islamischen Religionsunterricht organisiert sehen?

Ich plädiere dafür, diese Stiftung aufzulösen. Einen erfolgreichen islamischen Religionsunterricht kann es auch ohne die Beteiligung der Dachverbände geben. Wir Muslime sind keine Kirche, und wir können aus dem Islam auch keine Kirche machen. Und wenn wir mit den Islamverbänden arbeiten, etablieren wir bei uns einen sehr konservativen Islam, der mit unseren gesellschaftlichen, politischen und religiösen Strukturen konkurriert. Das ist der falsche Weg. Ein neutraler islamischer Religionsunterricht ist erfolgversprechender.

Verstehen Sie, dass man angesichts rechter Gewalt gegen Muslime auch empfindlich auf Islamkritik reagiert?

Ja, aber das darf nicht dazu führen, dass man bei seriösen Kritikern die Kompetenzen infrage stellt oder diese diffamiert. Viele Sorgen gründen auf der Angst vor ehrlichen Debatten.

Fühlen Sie sich in Deutschland frei und sicher oder bereuen Sie es manchmal, hierhergekommen zu sein?

Die Auseinandersetzung mit der Stiftung hat mich von meiner eigentlichen Arbeit abgelenkt. Aber ich habe nie bereut, nach Deutschland gekommen zu sein. Mein neues Buch verdanke ich der deutschen Erinnerungskultur. Ich wollte bei uns Muslimen nichts anderes etablieren als das, was die Deutschen seit Langem tun: über die Vergangenheit aufklären. Ich fühle mich als Teil dieses Landes.

Liberaler Islam-Vordenker Abdel-Hakim Ourghi

Der Islamwissenschaftler Abel-Hakim Ourghi (55) stammt aus Algerien. Der Bürgerkrieg in seiner Heimat bringt ihn zum Studium nach Freiburg, wo er 2006 über eine muslimische Reformbewegung promoviert hat. An der dortigen Pädagogischen Hochschule (PH) baut er den Studiengang für Islamische Religionspädagogik auf. In Büchern und Wortmeldungen kämpft er gegen ein konservatives Islamverständnis und wird zu einem der liberalen Köpfe in der muslimischen Community. Sein neues Buch „Die Juden im Koran. Ein Zerrbild mit fatalen Folgen“, erscheint am 22. Mai.