Isabelle Huppert zählt zu den erfolgreichsten Schauspielerinnen. Gerade ist sie in der Komödie „Die reichste Frau der Welt“ zu sehen.
Länger und erfolgreicher kann eine Schauspielkarriere nicht verlaufen als jene von Isabelle Huppert. Gerade ist sie in der bissigen Tragikomödie „Die reichste Frau der Welt“ in den deutschen Kinos zu sehen.
Madame Huppert, in Ihrem neuen Film „Die reichste Frau der Welt“ spielen Sie die Erbin eines milliardenschweren Kosmetikkonzerns. Als Vorbild diente, wie unschwer zu erkennen ist, Liliane Bettencourt, die 2017 verstorbene L’Oréal-Besitzerin. Haben Sie sich denn intensiv mit dem Fall Bettencourt auseinandergesetzt und in der Vorbereitung womöglich Neues über diese Frau erfahren?
Als Schauspielerin ist die wichtigste Vorbereitung für mich die Auseinandersetzung mit dem Drehbuch. Das fand ich interessant und ergiebig, also hatte ich nicht den Eindruck, ich müsste darüber hinaus noch recherchieren. Ich spiele eine fiktive Person, deswegen hat mich die Realität eigentlich gar nicht interessiert. Das Kostümbild und Frisur sind das eine. Aber davon abgesehen schätze ich es, beim Spielen größtmögliche Freiheit zu haben.
Der Film erzählt davon, wie der Fotograf Pierre-Alain die von Ihnen gespielte Marianne Farrère um den Finger wickelt und sich nicht nur zum Entsetzen ihrer Tochter immer intensiver in ihr Leben hineinwanzt. Von außen betrachtet kann man kaum nachvollziehen, warum diese Frau nicht erkennt, dass sie da auf einen mutmaßlichen Erbschleicher hereinfällt, oder?
Ach, ich finde, dass man das durchaus verstehen kann. Denn dieser Mann ist nicht nur sehr charmant und smart, sondern auch ein Künstler. Das beeindruckt sie ohne Frage. Außerdem gelingt es ihm gleich bei der ersten Begegnung, sie zum Lachen zu bringen. Das ist ganz entscheidend, denn ansonsten lacht sie in ihrem Leben eher selten. Genauso wie sie es eigentlich nicht gewohnt ist, dass ihr jemand widerspricht oder sich gar anmaßt, ihr zu sagen, wie sie sich kleiden soll. Das irritiert sie, reizt sie aber auch irgendwie. Und sie ist in dieser Geschichte definitiv kein Opfer! Doch ich muss noch einmal betonen, dass es für mich nicht wirklich entscheidend war, in jedem einzelnen Moment zu verstehen, was sie motiviert oder wie sie sich fühlt. „Die reichste Frau der Welt“ ist kein psychologisches Melodrama wie „Die Kameliendame“ oder „Madame Bovary“. Das ist eher ein komödiantischer Blick darauf, was es bedeutet, so reich zu sein, dass einem Geld eigentlich nichts mehr bedeutet.
Als international erfolgreiche Schauspielerin dürften Sie zumindest gewisse Einblick in die Welt der Superreichen haben, oder?
Nicht wirklich. Nur weil ich hin und wieder mit reichen Menschen in einem Raum bin, weiß ich nicht unbedingt etwas über die Mechanismen dieser Welt. Und letztlich weiß ich noch nicht einmal wirklich etwas über das Berühmtsein. Momente wie eine Premiere beim Festival in Cannes sind auch für mich die Ausnahme, nicht die Regel. In meiner gewöhnlichen Lebensrealität spielt es gemeinhin keine Rolle, ob ich berühmt bin oder nicht. Da bin ich, wie alle anderen auch, nur jemand, der versucht seine Arbeit und sein Leben so gut wie möglich auf die Reihe zu bekommen.
Wie würden Sie das Verhältnis Ihrer Landsleute zum Thema Reichtum beschreiben?
Puh, das fällt mir schwer. Die Superreichen erfreuen sich sicherlich nicht der größten Beliebtheit. Aber wir hassen sie auch nicht mehr als die Leute überall sonst auf der Welt.
Es ist auf jeden Fall spannend, dass Frankreich einerseits das Land der Revolution und des Aufbegehrens gegen „die da oben“ ist und andererseits als Paradebeispiel für Luxus gilt…
Ich verstehe, was Sie meinen. Aber ich denke eigentlich nicht, dass es in Frankreich einen regelrechten Kult um Luxus gibt. Im Gegenteil wird der in den USA und zahlreichen anderen Ländern viel ostentativer ausgestellt. Was Geld und Reichtum angeht ist in Frankreich oft eher Zurückhaltung angesagt.
Lassen Sie uns noch ein wenig über Ihren Ruhm und Ihre Arbeit sprechen. Die „New York Times“ ernannte Sie zu einer der besten Schauspielerinnen unserer Zeit, seit Jahrzehnten reißen sich die größten Regisseure der Welt darum, mit Ihnen zu drehen. Das muss sich gut anfühlen!
Sicher, das ist ein angenehmes Gefühl. Aber ja kein Dauerzustand. Erfolg und Ruhm sind meist eher eine Fantasie, die von außen auf uns Schauspieler projiziert wird. In der Realität verbringe ich eher wenig Zeit damit, darüber nachzudenken, mit wem ich in meinem Leben schon alles gearbeitet habe oder in welchen Meisterwerken ich mitwirken durfte. Und ich wache auch nicht morgens neben einem riesigen Stapel spannender Drehbücher auf, aus dem ich mir die Rosinen herauspicken kann.
Viele Ihrer Kolleginnen und Kollegen versuchen sich dieser Tage selbst hinter der Kamera. Reizt es Sie auch, sich mal an Produktion, Regie oder Drehbuch zu versuchen?
Solcherlei Ambitionen gehen mir tatsächlich ab. Denn ich bin nicht nur neugierig, sondern auch faul. Regie zu führen oder zu schreiben, das kann ich nicht, deswegen würde es mich sehr anstrengen. Die Schauspielerei dagegen liegt mir, sie fällt mir leicht. Deswegen bin ich sehr glücklich, diesen Beruf zu haben, und habe nicht vor, etwas daran zu ändern.
Ihnen fiel es nie schwer, Karriere und Familie unter einen Hut zu bringen?
Nein, auch als die Kinder klein waren, habe ich immer gearbeitet. Ob das schwierig für sie war, müssten Sie meine Tochter und meine Söhne fragen. Für mich war es das nicht. Natürlich habe ich hier und da mal eine Pause eingelegt. Aber den Beruf aufzugeben, nur weil ich Mutter bin, wäre für mich nicht in Frage gekommen.
Es gibt etliche Regisseure, die über Sie sagen, dass es eigentlich nichts gibt, was Sie nicht tun würden, wenn Sie erst einmal vor der Kamera stehen und der Person dahinter vertrauen. Stimmen Sie dem zu?
Wenn ich das Gefühl habe, dass es das wert ist und der Regisseur oder die Regisseurin den richtigen Blick auf die Sache hat und weiß, was er oder sie tut, würde ich das vielleicht unterschreiben. Zumindest wüsste ich nicht, welcher Sache ich mich verweigern würde, wenn ich doch das Gefühl hätte, dass sie für einen Film richtig und wichtig ist. Der Kontext muss eben stimmen. Ich habe viel mit Michael Haneke gedreht und auch mit Paul Verhoeven, zwei der extremsten Regisseure, die ich kenne. Aber ich habe mich bei ihnen immer vollkommen sicher und beschützt gefühlt, weil ich wusste, dass ich ihnen zu 100 Prozent vertrauen kann.
Theater- und Filmdarstellerin
Vita
Isabelle Anna Huppert wird am 16. März 1953 in Paris geboren. Seit den 1970er Jahren etablierte sie sich als eine der bedeutendsten Darstellerinnen des französischen Kinos.
Karriere
1971 gab Huppert ihr Filmdebüt in „Faustine et le Bel Été“ (Regie: Nina Companéez). Für ihre Darbietung in Paul Verhoevens Erotikthriller „Elle“ (2016) wurde sie mit einer Vielzahl von Preisen ausgezeichnet, darunter ein César, ein Golden Globe Award und eine Oscar-Nominierung.