Iranerin mit Traumastörung Vergewaltigt, geflüchtet, neu begonnen – Leilas zweites Leben in Stuttgart

Nina Ayerle
Leilas Leben bestand aus Unterdrückung und Gewalt. Foto: Sebastian Ruckaberle

Seit Kriegsbeginn hat Leila kaum Kontakt zur Familie im Iran. Sie weiß, wie gefährlich die Situation dort ist – sie hat selbst Gewalt überlebt. In Stuttgart hat sie neu Fuß gefasst.

Für Freiheit lohnt sich alles. Leila sagt diesen Satz im Laufe des Gesprächs immer wieder. Mit 17 Jahren wird die Iranerin zwangsverheiratet, ihr Mann verbietet ihr ein Studium, später an der Universität überlebt sie eine Gruppenvergewaltigung – Hilfe von der dortigen Polizei erhält sie nicht. Als sie sich irgendwann zur Flucht nach Deutschland entscheidet, muss sie sich in einem LKW verstecken, einmal vier Tage im Wald ausharren.

 

Heute arbeitet sie in Deutschland als Pflegefachfrau. Weil sie immer noch Angst hat, möchte sie anonym bleiben. Ihre Geschichte von Unterdrückung und Gewalt beginnt schon in ihrer Kindheit – mit dem Tod ihres Vaters, da ist sie fünf Jahre alt. „Mein Vater wurde vom Regime getötet“, erzählt sie beim Treffen im Psychosozialen Beratungszentrum Stuttgart (PBV). An dem Ort, an dem ihr zweites Leben begonnen hat.

Schon mit fünf spürt Leila die Macht des Staates

Ihr Vater kämpfte im Iran gegen die Ungerechtigkeit des islamischen Staates, so erzählt sie es. Mit seiner Ermordung habe sie das Gefühl von Sicherheit verloren im Leben. „Mein Lieblingsmensch gibt es nicht mehr, da ist auch heute noch ein Schmerz in mir.“ Mit ihrer Mutter muss sie zu den Großeltern ziehen. Mit fünf Jahren spürt sie somit zum ersten Mal mit voller Wucht die Macht des Regimes – und was fehlende Freiheit bedeutet. „Der Staat hat uns unser Eigentum genommen, auch unser Haus.“

Mit 17 Jahren wird sie gegen ihren Willen verheiratet. Frauen haben im Iran kein Recht, über ihr Leben zu entscheiden. Ihr Mann wollte auch nicht, dass sie studieren geht. Nach drei Jahren macht Leila etwas, was in ihrem religiösen Heimatstaat für Frauen nicht vorgesehen ist: Sie lässt sich scheiden. Danach hat sie keine Rechte mehr. „Eine Frau und die Kinder gehören im Iran dem Mann.“ Von ihrer Familie hat sie keinen Schutz bekommen. Die Stimmen der Frauen im Iran seien leise, sagt Leila. Sie habe viel gekämpft, aber nichts erreicht.

Ohne Mann gibt es im Iran nichts

Gibt es Gerechtigkeit? Diese Frage stellt sie sich in ihrem Leben immer wieder. Immer wieder lautet ihre Antwort: „Nicht für eine Frau ohne Unterstützung, nicht in diesem Land.“ Sie habe kaum die Möglichkeit gehabt, sich etwas aufzubauen im Iran. Als Geschiedene war sie für andere Männer ein rein sexuelles Objekt. Und ohne Mann gibt es keine Wohnung, keine Arbeit. Eigentlich. Sie schafft es dennoch. Nach der Scheidung schöpft sie neue Kraft, Kraft, um zu studieren. Sie beginnt ein Studium. „Ich wollte stärker sein, etwas Geld haben.“

Mit Hilfe von Freunden mietet sie sich eine Wohnung. Im ersten Jahr ihres Studiums wird sie zudem Opfer einer Gruppenvergewaltigung. Sie geht zur Polizei, erstattet Anzeige. Doch dort wird ihr nur das Gefühl gegeben, eine Schande zu sein. „Ich war für die kein Opfer.“ Sie hätte einen Hijab tragen können, sagt man ihr nur. „Aber ich wollte das nicht auf meinem Kopf haben.“

Die Angst vor der Institution Polizei hat sie auch in Deutschland nicht überwunden. Als hier eines Tages unbekannte Männer vor ihrer Tür stehen, ruft sie dennoch die Polizei. „Und da wurde ich mit Respekt behandelt, sie haben mir Rat gegeben. Für mich eine fast unglaubliche Sache.“ Trotzdem lösen Polizeiautos manchmal noch Stress in ihr aus. „Aber ich weiß trotzdem, hier ist es anders.“ Hier, in Deutschland.

Sie habe im Iran gekämpft. Für ein eigenes Leben. Für ihre Freiheit. „Aber ich wusste irgendwann, so kann ich nicht weitermachen.“ Ihr Studium beendet sie, sie sammelt etwas Arbeitserfahrung in ihrem Heimatland. Und sie will nach Deutschland. „Ich wusste, dort geht es mir besser.“ Weil sie als Frau Rechte hat – und ihre Freiheit.

Leila: „Aber vieles war sehr schmerzhaft.“

Ihre Ausreise? „War sehr, sehr schwer.“ Die Reise sei sehr lang gewesen. Über die Türkei nach Griechenland, teils in einem Lkw. „Irgendwann war ich hier in Deutschland“, sagt sie nur. Anfangs kann sie häufig nachts nicht schlafen. „Was musste ich aushalten bis hier?“ Vieles sei immer noch schmerzhaft, aber es habe sich gelohnt. „Vier Tage im Wald verstecken, für meine Freiheit lohnt sich für mich alles.“

Nach zwei Monaten in Deutschland sucht sie sich Hilfe. Im Psychosozialen Beratungszentrum Stuttgart im Westen findet sie diese. „Und hier hat dann der wichtige Teil meines Lebens angefangen.“ In der Beratungsstelle werden Überlebende traumatisierender Gewalt unterstützt. Torsten Licker, selbst Spätaussiedler aus Siebenbürgen, ist für die Organisation und Verwaltung zuständig – und ein bisschen auch der Türöffner.

Vom Psychosozialen Beratungszentrum gibt es Hilfe

„Weil ich selbst Erfahrung mit Flucht habe, weiß ich, wie es ist, neu zu sein in einem fremden Land.“ Man helfe den Patienten, ihre eigenen Ressourcen wieder zu stärken. Schenke ihnen aber vor allem auch Wertschätzung und Respekt. „Und das Gefühl, nicht allein zu sein. Das schätzen die Patienten“, sagt Licker.

Der Schwerpunkt des Zentrums liegt in der ambulanten medizinischen und traumazentrierten psychotherapeutischen Behandlung von Geflüchteten, Träger ist die evangelische Gesellschaft Stuttgart (eva). Im Jahr 2024 hatten sie 454 Patienten aus 40 Ländern. Die Psychologinnen sind spezialisiert auf Traumatherapie, sie sprechen meist mehrere Sprachen – Unterstützung erhalten sie von 18 Dolmetschern. Alle Patienten sind teils schwer traumatisiert. Sie sind Opfer von Krieg, Gewalt und Flucht.

Im Zentrum erfährt Leila Mitgefühl

Für Leila ist der Ort ein zweites Zuhause geworden. Wie selbstverständlich kocht sie sich dort einen Tee, weiß, wo alles zu finden ist. „Hier kann ich ohne Scham sprechen, sie verstehen mich.“ Liebe und Mitgefühl, das bekommt sie dort erstmals in ihrem Leben. Durch die Therapie hat sie es geschafft, eine Brücke ins normale Leben zu finden. „Trotz allem lebe ich, trotz allem geht es weiter für mich.“ Der Schmerz sei noch da, die Ängste, die schlaflosen Nächte.

Aber seit einigen Jahren hat sie hier einen „safe space“, wie sie sagt. Ihren sicheren Hafen, einen Wohlfühlort. Hier kann sie frei leben, frei von ihren Ängsten berichten. Und hier muss sie keine Scham fühlen, dass sie geschieden ist. Inzwischen hat Leila deutsch gelernt und eine Ausbildung zur Pflegefachkraft absolviert. Jetzt hat sie eine Wohnung und eigenes Geld. Und zum ersten Mal ein eigenes Leben.

Die Freiheit von Frauen, auch im Iran, bleibt für sie immer noch wichtig. Die „Frauen – Leben – Freiheit“-Bewegung hat sie von hier aus unterstützt. Dafür hat sie sich ihre Haare kurz geschnitten. „Das war mir wichtig.“ Wenn sie an die Ungerechtigkeit denke, sei ihr Herz immer noch schwer. „Freiheit kostet so viel.“

Sie hat immer noch die Hoffnung, dass es für die Frauen in ihrer Heimat irgendwann Freiheit gibt. Wie viele Iranerinnen und Iraner wünscht sie sich dort einen demokratischen Staat. Und eine Trennung von Kirche und Staat, das ist ihr ganz wichtig. „Wenn Frauen endlich frei wären, müsste ich meine Geschichte nicht verstecken.“

Seit Kriegsbeginn besteht für Leila Hoffnung auf Demokratie

Seit Kriegsbeginn ist Leilas Hoffnung groß. Sie ist den USA und Israel dankbar. Sie findet das Regime „zehnmal schlimmer als Krieg“. Freiheit gibt es nicht umsonst, so denkt sie. Und nur von außen könne sich etwas ändern. Alle im Iran hätten nun große Hoffnungen. „Wir sind Menschen, wir haben Rechte. Und die wollen wir leben.“ Leila wünscht sich das vor allem auch für die nächste Generation.

Und für sich. „Ich werde immer dankbar für die zweite Chance, für dieses Leben in Deutschland, aber meine Heimat ist der Iran.“ Aber bis sie vielleicht irgendwann dahin zurück kann, möchte sie eine Stimme sein für die Frauen in ihrer Heimat.