Intimität trotz Familienbett „Kleine Momente sind wichtiger als die Date Night"
Inmitten von Windeln noch Zeit für Zweisamkeit zu finden, ist fast unmöglich. Drei Expertinnen verraten wie Paare verbunden bleiben und wie Intimität trotz Familienbett möglich ist.
Kinder kriegen, Paar bleiben – das ist mitunter gar nicht so einfach, wie es klingt. Drei Therapeutinnen über herausfordernde Jahre als Eltern und darüber, wie wichtig die kleinen Momente im Alltag sind.
Wenn Kinder zur Welt kommen, stellen sich Eltern auf Herausforderungen ein. Dass auch die Beziehung zu einer Herausforderung werden kann, kommt für viele überraschend, woran liegt das?
Stefanie Gregor: Das große Problem ist, dass sich alle im Vorfeld mit der Geburt beschäftigen, mit Babynahrung und damit, wie man was richtig macht - aber nicht mit der Frage: Wie bleibe ich ein Paar? Das ist dann für viele wie ein Schock, wenn man so romantische Vorstellungen hatte und später merkt, dass die eigentlich völlig überzogen waren und oft mit der Realität gar nicht vereinbar sind. Und dann stehen viele vor ihren Konflikten, die sie nicht lösen können.
Melanie Eichhorn: Mutter und Vater zu werden ändert einfach alles: Der Schlaf ist schlecht, der Körper verändert sich, die Identität wird neu definiert, häufig auch das Rollenbild, das man hat. Das ist einfach ein großer Umbruch, ein riesiger Übergangsprozess. Das ist manchen Paaren vorher gar nicht klar.
Bereiten sich Paare zu wenig darauf vor, was es heißt Eltern zu sein?
Melanie Eichhorn: Ja, das denke ich schon. Da geht es aber weniger darum, dass man einen kompletten Plan festlegt. Wie es tatsächlich wird, weiß man ja erst, wenn das Baby da ist. Aber es ist einfach schon eine gute Vorbereitung, dass man auch schon vorher lernt Probleme und Herausforderungen anzusprechen und überhaupt miteinander ins Gespräch zu kommen. Ganz viele Paare haben noch nie solche Gespräche geführt! Probleme anzusprechen erst dann zu lernen, wenn man in einer Situation ist, in der die Ressourcen sowieso schon ganz schön angekratzt sind, ist schwierig.
Welche Themen sind das konkret, die man schon vor der Geburt des Kindes besprechen kann?
Melanie Eichhorn: Zum einen kann man besprechen, was man aus der eigenen Kindheit kennt, was man gelernt hat, wenn vielleicht auch unbewusst. Was möchte man übernehmen, was nicht, und was ist einem wichtig?
Constanze Flader: Ein anderer wichtiger Punkt ist, sich die Kommunikation anzuschauen: wie kommuniziert man, wie ist die Streitkultur, was sind meine Bedürfnisse, meine Wünsche, wo kann ich auch kurz zurückstecken? Das sind Themen in der Partnerschaft, die einfach zu wenig besprochen werden.
Stefanie Gregor: Häufig haben Paare unbewusste Paarverträge. Man kommt natürlich aus Liebe zusammen, aber oft spielen auch ganz andere Faktoren zusätzlich eine Rolle. Zum Beispiel, dass der andere Seiten ausgleicht, die man selber nicht leben kann oder an sich gar nicht kennt. Wenn ein Kind dazukommt, verändert sich diese Dynamik. Der Vertrag wird aufgelöst, vielleicht dadurch, dass das Kind jetzt die Zuwendung bekommt, die sonst der Partner bekommen hat - das sollte man sich präventiv bewusst machen und sich fragen, wie funktioniert denn unsere Beziehung überhaupt? Und was passiert, wenn jemand neu in die Familie kommt? Was passiert dann mit unseren unbewussten Verabredungen, die wir vorher getroffen hatten?
Müsste auch mehr über die konkrete Aufgabenverteilung im Vorfeld gesprochen werden?
Constanze Flader: Es macht auf jeden Fall Sinn, darüber zu sprechen, wie stellen wir uns das denn vor, wenn wir Eltern sind. Kann ich mir das überhaupt vorstellen in Teilzeit zu arbeiten oder liebe ich meinen Job und will mehr arbeiten. Was heißt das für meine Karriere? Was ist mit meiner Absicherung? Vor diesen Themen kann man nicht die Augen verschließen.
Stefanie Gregor: Wir leben gerade in einer Gesellschaft, die der Kleinfamilie zu viel zumutet. Die Situation ist einfach oft überlastend. Und dann wundert man sich, dass die Paare nicht funktionieren. Dabei geht das gar nicht, wenn die Großfamilie wegfällt und die ganzen Unterstützungssysteme nicht optimal greifen. Die Kitas sind voll, die Kinder sind krank, und dann sitzt man eben doch krank allein zu Hause und ist frustriert.
Kann die Geburt eines Kindes auch Probleme in der Beziehung verstärken, die vorher schon da waren?
Constanze Flader: Wenn meine Strategie war, ich mache viermal in der Woche Sport, um ausgeglichen zu sein - um es mal so plakativ darzustellen - dann ist das natürlich schwierig, denn mit Kind ist das höchstwahrscheinlich so nicht mehr umsetzbar. Wo kann ich mir dann meine Ressourcen herholen, wenn vier Mal die Woche zwei Stunden Hanteltraining nicht möglich ist?
Melanie Eichhorn: Das ist ein richtig guter Punkt und da sind wir wieder bei diesem Vertrag, den das Paar unbewusst geschlossen hat. Deshalb ist es so wichtig diesen sichtbar zu machen und die Punkte auszusprechen und ganz konkret zu machen.
Wie kann das aussehen?
Melanie Eichhorn: Nicht einfach nur zu sagen: Ich brauche Sport! Sondern: Am Donnerstagabend brauche ich vier Stunden für mich. Sonst kommen irgendwann Sticheleien oder man ist passiv-aggressiv und der andere weiß gar nicht was los ist. Oft haben Paare die Erwartungshaltung, dass der andere automatisch wissen muss, was los ist. Das muss man doch merken! Aber wir sind für uns selbst verantwortlich, dass wir unsere Bedürfnisse auch aussprechen.
Dafür muss man sich erst einmal selbst gut kennen.
Constanze Flader: Das ist auf jeden Fall hilfreich. Diese Arbeit kann man auch gut vor der Geburt des Kindes machen. Wenn ich wütend bin, wie kann ich meine Wut ausleben? Was brauche ich von meinem Partner, brauche ich dann Zeit für mich oder brauche ich den Kontakt – das ist ja gut zu wissen für den anderen. Und auch ganz generell: Was brauche ich, damit es mir gut geht? Was kann ich selbst für mich tun? Zum Beispiel mich zwischendurch kurz in die Sonne setzen. Oder einen Kaffee morgens zu trinken, das verändert für viele schon den ganzen Tag. Es ist einfach hilfreich zu wissen, wie man selbst funktioniert.
Gerade die erste Zeit ist oft von Stress geprägt. Wie können Paare inmitten von Windeln und Co. überhaupt Zeit für Zweisamkeit finden?
Melanie Eichhorn: In der Zeit muss man weg kommen von dem Gedanken, dass man ganz viel Zeit für Zweisamkeit schafft. Kleine Momente im Alltag sind viel wichtiger. Dass man sich einfach mal anschaut einen Moment lang, kurz miteinander albert oder fragt, was hat dich heute beschäftigt? Oder den Partner einfach mal wieder in den Arm nehmen. Das kann die größte Message sein! Das trägt viel mehr dazu bei, dass die Verbindung wieder stärker wird als eine Date Night.
Stefanie Gregor: Wenn man sich ein paar Minuten am Tag in den Arm nimmt, wird das Bindungshormon Oxytocin ausgeschüttet, dann kommt man sich schon mal biologisch automatisch näher. (lacht)
Constanze Flader: Da reicht es auch mal nur die Hand auf den Arm zu legen. Es ist wichtig diese kleinen Momente wahrzunehmen, anstatt immer daran zu denken, was man jetzt alles nicht mehr hat. Man hat vielleicht nicht mehr den dreistündigen, gemeinsamen Kinoabend, aber dafür anderes. Etwa, dass der eine immer daran denkt, dem anderen etwas vom Einkaufen mitzubringen, das er mag.
Melanie Eichhorn: Der erste Schluck Kaffee, den man morgens zusammen trinkt!
Stefanie Gregor: Das finde ich so schön am Elternsein, dass man diese kleinen Momente im Alltag als so wertvoll wahrnimmt. Wenn man so einen Moment mal hat mit dem Partner zusammen oder auch mal alleine, dann ist das etwas ganz Besonderes.
Stichwort Familienbett: Häufig schlafen die Kinder für lange Zeit im Bett der Eltern. Muss das immer eine Gefahr für die Beziehung sein?
Melanie Eichhorn: Ich glaube nicht, dass die Bett- oder Schlafsituation ausschlaggebend dafür ist, wie gut die Beziehungsqualität ist. Im Gegenteil: Schlaf zu priorisieren ist eine gute Idee, denn wenn der Schlaf fehlt, dann haben wir noch weniger Puffer, Konflikte abzudämpfen und uns zu regulieren. Und wenn das Familienbett die Lösung ist, dass alle guten Schlaf bekommen, ist das auf jeden Fall eher gut für die Beziehungsqualität.
Und wie steht es dann um die körperliche Nähe zwischen den Partnern?
Melanie Eichhorn: Oft schlafen die Kinder zwischen einem und plötzlich ist da ein Kilometer Abstand zu meinem Partner! Wenn man die körperliche Nähe vermisst, muss man bewusst einplanen, wie man die Nähe alternativ bekommt. Eine Klientin hat mir berichtet, dass sie jeden Abend bevor sie und ihr Partner ins Bett gehen, eine Kuschelzeit einplanen. Das ist ein ganz festes Ritual, das sein muss, weil das deren Kuscheltankstation ist.
Stefanie Gregor: Viele fragen dann ja auch, wo habt ihr denn noch Sex? Ich finde, Sex kann man überall haben! Wir sind ja nicht nur aufs Bett beschränkt, man kann auch in der Küche Sex haben. Man muss kreativ werden.
Sexualität ist trotzdem oft ein Bereich, der im Alltag mit Kindern zu kurz kommt. Wie können Paare ihre Intimität wiederbeleben?
Melanie Eichhorn: Zum einen, in dem man spontan wird, wenn sich eine Möglichkeit ergibt. Bei anderen ist es tatsächlich – so unsexy das klingen mag - die Planung. Auch wenn es erst einmal Überwindung kostet, Sex wie einen Termin einzuplanen, ist das für manche entlastend.
Das Thema Sexualität muss also aktiv angegangen werden?
Melanie Eichhorn: Bei vielen ist das Problem, dass sie irgendwann den Druck spüren wieder verfügbar sein zu müssen, um es mal drastisch auszudrücken. Da kann es helfen, erst einmal wieder überhaupt Berührungen in den Tag einzubauen, ohne dass irgendetwas erwartet wird. Aber ich glaube schon, dass es aktiv angegangen werden muss. Das Thema zu ignorieren und einfach zu hoffen, dass es von alleine wieder kommt, wird wahrscheinlich nicht funktionieren.
Constanze Flader: Ein Thema ist natürlich auch, dass man sich im eigenen Körper nach der Schwangerschaft wieder wohlfühlen will. Wer mit seinem Körper unsicher ist, ist auch bei der Sexualität unsicher, das muss gar nicht zwingend mit dem Partner zu tun haben. Manchmal sitzen Paare hier und die Frau sagt, er findet mich nicht mehr attraktiv - das ist oft das Selbstbild, das die Frau von sich hat, das hat aber nichts damit zu tun, was der Mann denkt oder fühlt.
Gibt es typische Warnsignale, die Paare ignorieren und die später zu größeren Problemen führen?
Constanze Flader: Schwierig wird es, wenn Paare anfangen zu rechnen - wer hat was und wie viel gemacht? Das kann man aber auch umdrehen, und sich selbst mit der eigenen Erwartungshaltung unter Druck setzen: Weil mein Partner dieses gemacht hat, muss ich jenes machen. Wenn ich etwas mache, um etwas zu erreichen, dann führt das meistens zu Stress. Denn es ist sehr wahrscheinlich, dass meine Erwartung enttäuscht wird. Ich mache morgens nur den Kaffee, damit er mich in den Arm nimmt - da sollte man dann lieber sagen: Ich würde gerne mal wieder in den Arm genommen werden.
Sind manchmal auch die Ansprüche zu hoch, die manche an ein Leben mit Partnerschaft und Kind haben?
Constanze Flader: Wir arbeiten beide, kriegen drei Kinder und sind alle glücklich – dieses Bild herrscht immer noch, obwohl es nicht richtig ist! Das dürfen wir hinterfragen. Es wäre gut, wenn das Bewusstsein da wäre, dass man für eine gesunde Beziehung auch etwas tun darf. In welcher Form auch immer, ob durch eine Paartherapie oder einen gemeinsamen Yogakurs. Eine Beziehung läuft nicht einfach so. Das Bild von einem Paar, das zusammenkommt und dann ist man einfach immer zusammen...
Stefanie Gregor: ...das ist ein Märchen! Doch auch wenn es mal schwierig wird, und alles viel weniger romantisch ist, wie man sich das vorgestellt hat, darf man sagen: So das ist das Leben! Wir dürfen auch weitermachen, wenn wir mal – zumindest für eine gewisse Zeit - kein romantisches Paar sind. Wir können auch versuchen, nicht alles zu zerdenken.
Hilfe für Eltern in allen Lebenslagen
Die Praxis
Die interdisziplinäre Praxis „Out of the Box“ befindet sich in Bietigheim-Bissingen und bietet Kurse für Kinder und Erwachsene, außerdem systemische Einzel-, Paar- und Familientherapie, Logopädie, Stillberatung, Physiotherapie und vieles mehr an. Mehr Infos unter www.outofthebox-online.de.
Die Therapeutinnen
Constanze Flader ist Gründerin der Praxis, bietet systemische Einzel-, Paar und Familienberatung sowie Traumatherapie an. Melanie Eichhorn ist Diplom-Psychologin mit Schwerpunkt auf Neurodiversität. Stefanie Gregor ist Systemische Therapeutin mit Schwerpunkt auf Essstörungen und Identität.