In Momenten wie diesem mit Gast Werner Maier ist Maria Noce ganz Schwester Maria. Foto: Sandra Mieg

Maria Noce ist der Kopf und das Herz eines Hospizes. Über ihren spannenden Weg zum eigenen Hospiz in Villingen-Schwenningen und der Arbeit, die viele überfordern würde und ihr so viel Freude bereitet, erzählt sie im Interview.

Seit 15 Jahren besteht das Hospiz am Stadtrand von Villingen-Schwenningen nun schon.

 

Die Frau an dessen Spitze, welche auch die Gründerin ist, brennt ohne Unterlass für ihre Idee, die stetig an neuen Facetten gewinnt.

Doch der Weg dorthin war keineswegs ein Selbstläufer, wie aus dem Gespräch mit Maria Noce zu erfahren ist.

Frau Noce, wie ist es, im Leben tagtäglich mit dem Tod umzugehen?

(lächelt). Nicht schlimm – für mich gehört der Tod zum Leben dazu. Ich weiß, dass es immer noch ein gesellschaftliches Tabuthema ist und das klingt vielleicht ungewöhnlich für viele Menschen, aber ich freue mich, wenn ich mit einem Menschen diesen letzten Moment erleben darf. Menschen vertrauen mir und lassen mich an diesem intimen Moment teilhaben – dafür bin ich sehr dankbar. Egal wo der Glaube oder seine Überzeugung denjenigen hinführen: Ich halte die Hand fest bis ganz zum Schluss.

Wie kann man sich darüber freuen?

Ein Mensch ist mir anvertraut im sprichwörtlich letzten Augenblick. Ich sehe dann einen nicht leidenden Menschen mit einem ausgeglichenen, friedlichen Gesichtsausdruck. Die ganze Anspannung fällt von demjenigen ab. Das Sterben an sich ist hier nicht schlimm. Wenn wir einen Menschen im Hospiz begleiten, dann darf er hier – ganz ohne Schmerzen – seinen Weg gehen. Es ist schön, wenn man denjenigen nicht alleine lassen muss; wenn man ihm beistehen kann. Darüber freue ich mich. Kein Mensch soll heute alleine gehen müssen!

Wie merken Sie, wenn es „so weit“ ist?

Ich merke es nicht immer. Es gibt auch Menschen, die alleine gehen wollen. Aber ich habe schon viele hunderte Menschen begleiten dürfen. Ganz oft zeichnet es sich ab. Der Gesichtsausdruck verändert sich, die Nase wird spitz. Die Haut wird anders. Wenn es so weit ist, man die Hand des Gastes hält, dann hält er die Hand oft ganz, ganz fest – die meisten Menschen wollen nicht alleine sein. Manchmal drückt derjenige meine Hand dann kurz und fest. Dann weiß ich: Jetzt darf ich nicht rausgehen, muss dableiben, wir müssen die Angehörigen informieren. Und dann sind wir an seiner Seite, bis er gegangen ist. Ich begleite über den Tod hinaus. Wir waschen den Verstorbenen zusammen, haben seine Lieblingskleidung rausgesucht und alles im Vorfeld besprochen.

Tod und Trauer gehören also zu ihrem Alltag. Wie kam es überhaupt dazu? Waren Sie Krankenschwester und haben irgendwann beschlossen, ein Hospiz zu gründen?

(lacht schallend) Überhaupt nicht! Ich war ein Gastarbeiterkind und kam mit 15 Jahren mit meinem heutigen Mann aus Italien nach Deutschland. Eigentlich wollte ich etwas ganz anderes machen: Ich wollte ein Restaurant betreiben, das „La Pergola“ wollte ich mal übernehmen. Ich habe zu der Zeit in der Caféteria im Schwenninger Pflegeheim gearbeitet. Die Leiterin dort hat gesehen, dass ich immer gesungen habe und ganz gut mit den alten Menschen umgehen konnte. Sie sagte zu mir: „Maria, hast Du Dir schon mal überlegt, in der Pflege zu arbeiten?“ Das hatte ich natürlich nicht. Aber der Gedanke war gesät und hat mich nicht mehr losgelassen.

So wurde also aus der Gastronomin Maria Schwester Maria?

Exakt! Ich habe voller Elan von 1996 bis 1999 eine Ausbildung zur Altenpflegerin absolviert und wurde zu Schwester Maria. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Aber bis zur Vision des stationären Hospizes in VS war es dann noch ein langer Weg, richtig?

Ja, es war kein leichter, eher ein steiniger Weg, denn das gemeinnützige Projekt steckte voller hoher Hürden. Ich hatte unzählbare schlaflose Nächte und schöpfte aus meinem Glauben immer wieder neue Kraft. Aber auch rückblickend kann ich sagen: Ich würde es immer wieder machen!

Erzählen Sie! Wie kam es zum ersten stationären Hospiz im Schwarzwald-Baar-Kreis?

Zunächst einmal wollte ich meinen eigenen Pflegedienst gründen, um hilfsbedürftige Menschen in ihrem Zuhause zu betreuen. Also habe ich mich im Jahr 2001 selbstständig gemacht. Ich startete mit meinem kleinen Auto, einem Notfallkoffer und gerade mal 1000 Euro. Woche für Woche und Monat um Monat wurde ich zu immer mehr Menschen gerufen, um vor Ort zu helfen. Mein ambulanter Pflegedienst wuchs. Ich stellte Mitarbeiter ein und bis heute – 23 Jahre später – bin ich mit meinem großartigen Team noch immer in der ambulanten Pflege tätig.

Das war aber noch keine Hospizarbeit, oder?

Nein. Ende 2002 hielt ich 28 Tage ohne Pause Nachtwache bei einer jungen, an Krebs erkrankten Frau und Mutter eines vierjährigen Sohnes. Da wurde mir bewusst, wie groß der Bedarf einer palliativmedizinischen Versorgung in Form eines Hospizes im Schwarzwald-Baar-Kreis ist. Der Zustand der jungen Frau verschlechterte sich rapide, sodass eine stationäre Unterbringung notwendig wurde. Die junge Mutter musste in einem weit entfernten Hospiz untergebracht werden. Leider konnte der kleine Sohn mit den Großeltern die Mutter nicht so oft besuchen. Die Idee ein stationäres Hospiz zu eröffnen war geboren und wurde durch das Erlebnis mit Francesco nochmal bestärkt.

Maria Noce und der kleine Francesco – ein kleiner Junge, der ein großes Erbe hinterlassen hat. Foto: Noce

Francesco?

Ja. Ein kleiner Junge. Eigentlich wurde ich von einer älteren Dame gerufen, die eine Pflegeberatung für ihren erwachsenen Sohn benötigte. Als ich zu ihr kam, saß in der Wohnung eine junge Frau, die Tochter der Dame, mit einem Baby auf dem Arm, das unaufhörlich schrie. Sie wusste weder ein noch aus und war erschöpft und verzweifelt zugleich. Die Mutter erzählte mir, dass der kleine Francesco eine schwere Krankheit hat, die so selten ist, dass sie zu diesem Zeitpunkt nicht einmal einen richtigen Namen hatte. Francesco litt höllische Schmerzen, war blind und es war nicht unwahrscheinlich, dass der Kleine sterben würde. Schon wieder war da diese riesengroße Lücke in der Palliativmedizin im Schwarzwald-Baar-Kreis. „Ich kann nicht mehr“, war alles, was die Mama noch sagen konnte. Ich habe ihr kurzerhand aus mütterlichem Gefühl heraus angeboten, den Kleinen erstmal mit zu mir nach Hause zu nehmen, damit sie sich erholen könnte – sie hatte ja schließlich auch noch Rosi, Francescos vierjährige Schwester, und musste für sie stark sein und da sein.

Und das hat sie gemacht?

Ja! Ich konnte es selbst kaum glauben, aber die Mutter hat mir ihren Sohn Francesco anvertraut. Ich nahm ihn mit zu mir, gab meinem Team und meiner Familie Bescheid, dass ich hier einen Notfall habe, mich nur darum kümmern kann und dass sie bitte alles andere übernehmen sollten. Und das machten sie dann auch. Mein Mann und meine Töchter haben mir sehr geholfen. Ich war damals übrigens gerade selbst schwanger. Ich habe dann mit Kinderarzt Dr. Röser gesprochen, geholfen alles zu regeln, was man regeln konnte, rund um Francesco. Viele Monate war der Kleine dann täglich stundenweise bei mir, damit seine Mutter sich immer wieder erholen und Kraft schöpfen konnte.

Aber Francesco starb dann?

Es wurde eine große Spendenaktion für eine seltene Therapie in Amerika gestartet, doch dazu kam es leider nicht mehr. Ja, Francesco starb im Dezember 2004 – also 16 Monate später. So lange habe ich ihn ehrenamtlich gepflegt und betreut. Er wurde zwei Jahre alt. Und ich stand mit seiner Mama an seinem Bettchen in der Villinger Kinderklinik, als er eingeschlafen ist. Von dem gespendeten Geld wurde schließlich die Beerdigung und alle angefallenen Kosten beglichen. Ich habe bis heute Kontakt zu der Mutter und die kleine Schwester Rosi nennt mich heute noch „Mama Maria“.

Und auch Francesco war ausschlaggebend dafür, dass Sie sich in die Hospizarbeit stürzten?

Ganz genau. Ich führte meinen ambulanten Pflegedienst weiter und suchte 2004 parallel nach einem Grundstück, das ich kaufen konnte, um ein stationäres Pflegeheim zu eröffnen und das die Möglichkeit bieten würde, um weitere Institutionen wie das Hospiz ins Leben rufen zu können. Eines Tages rief mich der damalige Baubürgermeister Rolf Fußhoeller an und stellte mir ein städtisches Grundstück in Stadtrandlage der Stadt VS zum Kauf in Aussicht – unsere heutige Adresse –, auch im Hinblick auf die Eröffnung eines stationären Hospizes.

Dazu bedurfte es aber vermutlich noch einigen Zutuns ...

Ja, natürlich. Das war Wahnsinn. Wir brauchten zunächst einen Hospizförderverein, fanden aber keine Hospizbewegung, die mit uns zusammenarbeiten wollte. Ich habe mich also unermüdlich und überall für die Hospizarbeit stark gemacht und glücklicherweise Menschen gefunden, die diesen Gedanken und die ehrenamtliche Arbeit unterstützen und leisten – bis heute. Der Hospiz Förderverein VS wurde also im Jahr 2008 gegründet und das Fundament für die Hospizarbeit im Schwarzwald-Baar-Kreis war gelegt. Dann nahm ich als Privatperson einen Kredit in Höhe von 1,2 Millionen Euro auf, kaufte das Grundstück und ging in die Bauphase. Ich werde den Tag nie vergessen, als die Volksbank mir den notwendigen Kredit genehmigte.

Wie ging es weiter?

Zehn Prozent des Abmangels eines Hospizes müssen selbst getragen werden. Das bedeutet, dass man für die Gründung und natürlich auch Erhalt eines gemeinnützigen Hospizes sehr viel Geld braucht. Ich wollte dieses stationäre Hospiz in VS gründen, aber gleichzeitig gab es so einen Plan in Spaichingen. Der Schwarzwald-Baar-Kreis wollte die Pläne dort eigentlich mit einem jährlichen Zuschuss von 30 000 Euro unterstützen. Ich wäre fast leer ausgegangen, bis mich Bernd Hezel von der CDU anrief und genau wissen wollte, was ich plante. Er und Erich Bisswurm von den Freien Wählern waren es dann, die mich unterstützten, dass der Zuschuss geteilt wird und unter Landrat Karl Heim fiel die salomonische Entscheidung: 15 000 Euro für Spaichingen, 15 000 Euro für das stationäre Hospiz in VS.

Ein Dienst unter Parteifreunden?

Nein, mit Politik hatte ich bis dahin gar nichts am Hut. Das kam viel später – durch Stadträtin Lotte Sütterlin. Als ich sie kennenlernte, hatte ich gar keine Ahnung, was sie für einen Einfluss in Villingen-Schwenningen hatte. Sie wurde durch meinen Pflegedienst auf mich aufmerksam. Doch der Reihe nach: Ich hatte den Termin des Spatenstichs für das Hospiz extra nach dem Terminkalender des damaligen Oberbürgermeisters Rupert Kubon geplant, der am Tag des Spatenstichs kurzfristig absagte. Ich war völlig fertig, habe geweint. Es war mir so wichtig, dass der Oberbürgermeister nachmittags beim Start dieses Großprojektes vor Ort ist. Frau Sütterlin erfuhr von der Absage. Sie sagte: „Jetzt warten Sie mal ab, lassen Sie mich mal machen.“ Und dann waren nachmittags sämtliche Stadträte jeglicher Couleur vor Ort, ganz viele für mich wichtige Menschen. Lotte Sütterlin hat alle mobilisiert. Später hat sie mich in die kommunale Politik empfohlen. Ich verdanke ihrem Engagement sehr viel. Im Juli 2009 konnte das Hospiz Via Luce nach eineinhalb Jahren Bauphase eröffnet werden.

Hat Ihr Mann Sie nie gebremst, gesagt, dass er nicht will, dass Sie diese schweren Gedanken jeden Tag mit sich herumtragen?

(lacht) Nein, er hat etwas ganz anderes gemacht! Wissen Sie was? Er war von Beruf Dreher und er hat gesagt, er muss das selbst erleben, um zu begreifen, warum ich so leidenschaftlich für meine Ziele brenne. Er hat seinen Job gekündigt und ein halbes Jahr in Bad Dürrheim in der Pflege gearbeitet.

Und heute ist er in Ihrem Team?

Ja, irgendwann habe ich ihm gesagt: „Du musst da aufhören, ich brauche Dich hier“ – ich musste immer mehr Mitarbeiter einstellen, und alles wurde immer größer. Seither ist er auch hier an meiner Seite. Er ist mein Herz und mein Anker. Genau wie meine Familie. Er und mein Team, ohne diese Menschen ginge es nicht. Wissen Sie, ich bin zum Beispiel kein Büromensch. Ich muss bei den Menschen sein, muss sie pflegen, deshalb bin ich so dankbar, dass ich seit Jahren auf unsere betriebswirtschaftliche Geschäftsführerin Maria Hanßmann zählen kann, die alle meine Visionen teilt. Ich muss in die Pflege. Ich bin und bleibe Schwester Maria.

Und kann sich Schwester Maria noch an den ersten Patienten im Hospiz erinnern?

Oh ja, das war Sala!

Erzählen Sie von ihm!

Sala war ein junger Mann, und sein Leben war der Fußball. Er war Trainer, ich glaube der D-Jugend, bei der DJK Donaueschingen. Und er kam hierher mit Krebs. Sein sehnlichster Wunsch war es, seine Mannschaft nochmals spielen zu sehen. Also habe ich seine Ärztin angerufen, Frau Dr. Kammerer-Hoch, und sie gefragt, was ich beachten muss, wenn ich mit Sala nach Donaueschingen fahren würde. Ich bekam genaue Informationen. Sala und ich fuhren jede Woche nach Donaueschingen, jeden Dienstagabend. Ich war wie das Maskottchen. Sala und seine Freunde haben gelacht und Spaß gehabt und ich habe mein Schnitzel mit Pommes gegessen. Ich war wie sein Schatten, jede Woche. Und als Sala dann gegangen ist, das war schön: Da kamen die ganzen Freunde von der DJK und haben ihn begleitet. Sala hat schon im Vorfeld beim Stammtisch immer gesagt, er will kein Schwarz, er will keine Tränen. Und genau so war es dann auch. „Gute Nacht Freunde“ lief zum Abschied und wir haben auf ihn angestoßen.

Gibt es viele solche letzten Wünsche, die sie erfüllen?

Natürlich! Wissen Sie, die Menschen kommen hierher, um ihre letzte Lebensphase bis zum letzten Atemzug zu erleben und wir füllen die Zeit, die bleibt mit Leben. Und alle kommen mit ganz unterschiedlichen Bedürfnissen.

Und wenn Sie selbst einen letzten Wunsch offen hätten: Was würden Sie sich für das Hospiz Via Luce wünschen?

Dass es irgendwann einmal jemand übernimmt und mit meinem Herzen weiterführt. Mehr wünsche ich mir eigentlich gar nicht – dann hat das alles einen Sinn gehabt.

Vielen Dank, Frau Noce, für das intensive Gespräch – dann drücken wir die Daumen für Ihren Wunsch.

Sehr gerne!

Das Lichterfest

„Blüte des Lebens“
– Unter diesem Motto steht das Lichterfest das Hospizes Via Luce am Sonntag, 29. September, ab 14 Uhr auf der Möglingshöhe in Schwenningen. Der Höhepunkt ist das Lichterblütenleuchten im See ab 19 Uhr – Angehörige setzen leuchtende Lichterblüten im Gedenken an Verstorbene in den See und zaubern damit einen unvergleichlichen Anblick. Zuvor wird von 18 bis 19 Uhr mit Adolf Schwab eine Andacht im Kirchenpavillon gefeiert. Den ganzen Nachmittag bereits über gibt es ein buntes Programm für die ganze Familie mit Puppenspieler, Tote-Hosen-Coverband, Kunstmodenschau, Klausi Klücklich und Frohnella mit ihrer Seifenblasen-Clownerie, Blütendruck-Workshop, Kinderschminken, Glücksrad, Steine bemalen, Hüpfburg und kulinarischer Verpflegung. Jedermann ist willkommen

Zur Person
Maria Noce, die Gründerin des Hospizes Via Luce, ist heute 56 Jahre alt. Sie kam als 15-Jährige 1984 aus Kalabrien nach Deutschland, verheiratet ist sie mit Francesco Noce seit 1983. Maria Noce ist Mutter von drei Töchtern. Beruflich schlug sie nach Anfängen in der Gastronomie einen völlig neuen Kurs in der Pflegebranche ein. 2001 gründete sie den Christlich ambulanten Pflegedienst, 2006 das Haus Lebensquelle 2006, 2008 den Hospiz Förderverein und 2009 das Hospiz Via Luce. Woher sie ihre Kraft nimmt? „Aus meinem Glauben“, sagt Maria Noce mit Blick auf ihren Werdegang und manche Hürde, die sie meisterte.