Die Abschaffung der verbindlichen Grundschulempfehlung vor zehn Jahren war ein richtiger Schritt für mehr Bildungsgerechtigkeit, sagt der SPD-Fraktionschef und Ex-Kultusminister Andreas Stoch. Alleine reiche er nicht aus – und das Land mache zu wenig.
Herr Stoch, vor zehn Jahren wurde unter einem SPD-geführten Kultusministerium die verbindliche Grundschulempfehlung abgeschafft. Was hat das aus Ihrer Sicht bewirkt?
Die Debatte um die Verbindlichkeit der Grundschulempfehlung wurde in Deutschland und gerade in Baden-Württemberg ja schon lange davor geführt. Der Landeselternbeirat und Teile der Gewerkschaften, vor allem die GEW, haben die Verbindlichkeit immer wieder kritisiert. Wir haben uns damals als grün-rote Landesregierung für die Aufhebung der Verbindlichkeit entschieden, weil nationale wie internationale Studien gezeigt haben, dass verbindliche Grundschulempfehlungen ein Faktor dafür sind, wie gerecht ein Bildungssystem ist, vor allem, was die Durchlässigkeit angeht.
Aber was hat das gebracht?
Das hatte in Teilen positive Effekte, das haben Studien ja auch nachgewiesen. Aber bei den Schulen, die auf einmal mit mehr Heterogenität umzugehen haben als vorher, hat es auch zu Schwierigkeiten geführt. Die Pädagogik muss sich dann darauf einstellen. In diesem Prozess sind wir nach zehn Jahren immer noch.
Die Kritik an der Aufhebung der Verbindlichkeit reißt aber nicht ab. Und die Hoffnung, das Bildungssystem werde gerechter und durchlässiger, hat sich laut einer Studie des Bildungsforschers Hartmut Esser auch nicht erfüllt.
Die Esser-Studie wird mir immer entgegengehalten. Es gibt ja aber auch andere, etwa vom Leibniz-Zentrum für Wirtschaftsforschung, die deutlich sagen, dass die verbindliche Grundschulempfehlung gerade für Kinder aus bildungsfernen Schichten ein Kriterium ist, wonach Aufstiegschancen blockiert werden.
Die Studien sagen aber auch, dass die Leistungen der Kinder deutlich gelitten hätten. Im Bundesvergleich sei das Land seit 2012 von der Spitze ins Mittelfeld abgerutscht.
Die Esser-Studie hat einen wesentlichen Denkfehler: Sie geht von Monokausalität aus. In einem Bildungssystem ist nicht nur ein Faktor entscheidend, ob sich die Bildungschancen eines Kindes erhöhen oder nicht. Wenn man auf den Beginn der 2000er Jahre auf die Zeit des Pisa-Schocks zurückblickt: Schon da ist das Land in Bildungsrankings sukzessive zurückgefallen. Viele Bundesländer haben keine verbindliche Empfehlung mehr und liegen mittlerweile vor uns.
Woran liegt das?
Baden-Württemberg hat erst 2011 unter der grün-roten Regierung auf notwendige Veränderungen reagiert. Andere Länder haben das früher gemacht und sind im Prozess des pädagogischen Umbaus jetzt eben weiter als wir. Die Heterogenität an den Schulen ist ja nicht neu, die gab es ja auch schon im dreigliedrigen Schulsystem. Außerdem ist die verbindliche Grundschulempfehlung ja gar kein objektiver Maßstab. Studien haben nachgewiesen, dass die Empfehlung eben oft stark subjektive Elemente enthält.
Aber die Bildungsgerechtigkeit ist nicht größer geworden. Zusätzlich hat man die Realschulen unter Druck gebracht.
Niemand behauptet, dass allein die Aufhebung der Verbindlichkeit das Bildungssystem verbessert. Aber wenn ich ein offenes Schulsystem möchte, muss ich eben auf der pädagogischen Seite vieles leisten. Wenn wir wollen, dass die Schüler leistungsgerecht gefördert werden, dann brauchen wir sehr viel mehr Personal an Schulen. Da geht es um Lehrkräfte, aber auch um Assistenten und Sozialarbeiter. In Kanada zum Beispiel ist die Hälfte des Personals Lehrer, die andere Hälfte Beschäftigte, die sich um die Belange der Kinder kümmern. Wir müssen endlich verstehen, dass Schule mehr ist als ein Lehrer, der vor einer Klasse steht.
Stuttgart -
Zur Person
Fraktionschef
Andreas Stoch führte von 2013 bis 2016 unter Grün-Rot das Kultusministerium und erwarb sich einige Anerkennung. Er löste damals die glücklose Gabriele Warminski-Leitheußer ab. Der 52-jährige Jurist ist SPD-Landesvorsitzender und Chef der Landtagsfraktion.