Die Arbeit mit Pferden ist für Rüdiger Rau längst zum Lebenswerk geworden. Foto: Stark

Pferdesport: Altensteiger ist neuer Bundestrainer Pony-Vielseitigkeit. Überraschender Anruf aus Warendorf. Mit Interview

Rüdiger Rau, der am Altensteiger Trögelsbach eine Reitschule betreibt, gilt als besonderer Experte, was Vielseitigkeit angeht. Durch seine Schule sind schon einige Europameister gegangen.

In den Bereichen Pony, Junioren und Junge Reiter haben seine Schüler insgesamt 16 Medaillen bei kontinentalen Titelkämpfen gewonnen, darüber hinaus noch etliche Medaillen mehr, die von Schülern errungen wurden, die kontinuierlich von auswärts zu ihm kamen oder immer noch kommen.

Zu seinen erfolgreichsten Schülern zählen die ehemaligen U21- und U18-Championatsreiter Christiane Stahl, Christine Seitz, Leonie Dißmann, Stefanie Oechsle, Michael Terigi und Sarah Schuler sowie Sonja Kirn (geborene Buck), die jüngst wieder mit Siegen beim Bundeschampionat 2019 und den Deutschen Amateurmeisterschaften (2020) auf sich aufmerksam machte.

Lange hat Rüdiger Rau große Vielseitigkeitsturniere in Altensteig veranstaltet. Jetzt hat er von der Deutschen Reiterlichen Vereinigung das Angebot bekommen, die Stelle des Bundestrainers U16 Pony-Vielseitigkeit zu übernehmen – und er hat Ja gesagt.

Herr Rau, erst einmal herzlich Glückwunsch. Bundestrainer zu werden, das ist schließlich eine besondere Ehre. Wie wird man Bundestrainer?

Ganz einfach gesagt, indem man einen Anruf aus Warendorf bekommt und dann nach Verhandlungen und reifen Überlegungen Ja sagt.

Aber das ist sicherlich nicht alles?

Nein. Von Mai 2005 bis Dezember 2013 war ich schon Mitglied des Ausschusses Vielseitigkeit des Deutschen Olympiade-Komitees für Reiterei. Zusammen mit einigen anderen und den damals zuständigen Bundestrainern war ich im Jugendbereich für die Benennung der Reiterinnen und Reiter für die Europachampionate mitverantwortlich. Oft war ich auch an den Qualifikationsprüfungen und bei den Europameisterschaften selbst vor Ort.

Als Bundestrainer wird man – egal in welcher Sportart – in erster Linie an den sportlichen Erfolgen gemessen. Stehen Sie da nicht gleich von Anfang an unter Druck?

Natürlich wird man als Trainer an den Ergebnissen gemessen, aber ich setze mich jetzt nicht von vornherein unter Druck. Mein Vorgänger, der den Job viele Jahre gemacht hat, ist bei den Europameisterschaften in den Jahren 2016 bis 2019 leider ohne Medaille geblieben. Das heißt natürlich nicht, dass er schlechte Arbeit geleistet hat. Er ist ein Toptrainer. Das zeigt nur, dass die Konkurrenz groß ist.

Was heißt das konkret für Sie und Ihre Arbeit?

Ich möchte meinen Teil dazu beitragen, dass wir auch im Pony-Bereich weiter vorankommen und hoffentlich auch mal wieder bei einer Europameisterschaft eine Medaille holen. Es geht nicht um den ganz schnellen Weg. Wichtig ist mir vor allem die Nachhaltigkeit. Die Mädchen und Jungen, die heute 16 Jahre alt sind oder auch jünger, die sollen später bei den Junioren, bei den Jungen Reitern und möglichst auch danach noch in der Spitze dabei sein.

Das hört sich nach einer Menge Arbeit an. Bleibt da nicht einiges auf der Strecke? Schließlich haben Sie in Altensteig eine Reitschule, in der Sie voll gefordert sind.

So schlimm ist das nicht mit den Terminen. Ich bin eigentlich gut organisiert und habe in allen Bereichen eine toll funktionierende Mannschaft hinter mir stehen. Es gibt schon einige Pflichttermine unter anderem in Warendorf, und dann noch die Vorbereitung auf die Wettkämpfe und die Meisterschaften selbst. Wir reisen dann schon ein bisschen in Europa herum.

Das heißt, es ist kein Vollzeitjob, der jetzt auf Sie zukommt?

Nein, ich bin Honorartrainer und werde sicherlich weiterhin hauptsächlich in Altensteig sein.

Wann haben die ersten Gespräche stattgefunden?

Den ersten Anruf vom Vorstand Sport des Deutschen Olympiade Komitees für Reiterei (DOKR) habe ich Anfang November bekommen. Ich war überrascht und gleichzeitig erfreut. Schließlich ist es schon eine gewisse Ehre von ganz oben als Bundestrainer vorgeschlagen zu werden. Anschließend war ich zu Verhandlungen in Warendorf.

Dann hat sich die Sache ja recht schnell entwickelt. Was hat Ihre Familie dazu gesagt?

Natürlich haben wir uns innerhalb der Familie abgestimmt. Ich habe eine tolle Frau und zwei Kinder, die genau wissen, was ich gerne tue und stehen Gott sei Dank voll dahinter. Aber alle waren der Meinung, dass ich die Aufgabe angehen soll. Ich habe mir zwei Tage Bedenkzeit erbeten und dann zugesagt.

Was reizt Sie besonders an dieser Aufgabe?

Ich habe schon früh gemerkt, dass die Unterrichtserteilung und generell die Ausbildung von Jugendlichen von der Longe bis zum Championat mir viel Spaß machen. Deswegen habe ich meine eigene reiterliche Karriere schon recht früh hinten angestellt. Ich denke schon, dass ich als Bundestrainer Pony dem Nachwuchs noch einiges beibringen kann und die Mädchen und Jungen auch von meiner Erfahrung profitieren können. Ich bin einfach so ein Typ, der gerne Trainer ist.

Sie sind nicht zum ersten Mal Bundestrainer – ist das richitg?

Das stimmt. Ich war von 2014 bis 2016 Schweizer Nationalcoach der Vielseitigkeitsreiter für alle Altersklassen. Es war eine interessante Aufgabe, die ich sehr gerne gemacht habe. Ich habe heute noch viele Kontakte in die Schweiz.

Wie sind sie zum Pferdesport gekommen?

Aufgewachsen bin ich in Wildberg. Mein Vater war als Architekt tätig. Als dort der Reitverein gegründet wurde, war unsere Familie von Anfang an mit dabei. Mein Großvater war als Pensionär der erste Reitlehrer. Ehrenamtlich war mein Vater Reit- und Sportwart und Turnierleiter. So hatte ich als Kind und Jugendlicher schon recht früh immer mit Pferden zu tun.

Stimmt es, dass Sie eigentlich auch Architekt werden wollten – so wie Ihr Vater?

Ich war auf einem guten Weg dazu. Nach dem Abitur am Technischen Gymnasium Nagold habe ich in Stuttgart Architektur studiert, habe das Studium aber kurz vor dem Vordiplom abgebrochen. Ich habe damals schon gespürt, dass ich mit dem Pferdevirus infiziert war. Ich wollte unbedingt etwas mit Pferden machen. Der Reitverein Effringen war 1985 dann das Sprungbrett in die berufliche Laufbahn als Ausbilder. Später habe ich dann die Prüfungen zum Pferdewirt und zum Pferdewirtschaftsmeister abgelegt. Das Thema Architektur hatte sich dann recht schnell erledigt.

Wie sehr sind Sie heute noch mit dem RFV Effringen verbunden?

Sehr. Es ist ein sehr sympathischer Verein. Ich habe dort viele Freunde und Bekannte und werde dem Verein immer verbunden bleiben. Ich gebe in Effringen auch heute noch einmal in der Woche Unterricht und das jetzt schon seit 35 Jahren.

Das heißt also: Sie werden Bundestrainer und bleiben trotzdem der Basis treu?

Na klar, so kann man es sagen. Ich bin ein Mann, der auch von der Basis kommt. Und wenn man dann als Trainer die Entwicklung von Talenten begleiten und beobachten darf, ist das etwas Wunderbares. Ich freue mich sehr auf die neue Aufgabe, aber meine Schüler aus Altensteig und Umgebung, aus ganz Deutschland, der Schweiz und auch aus anderen Ländern können weiterhin voll auf mich zählen. Wie sagte mein Vater schon einst: "Der Tag hat 24 Stunden und die Nacht dazu", also packen wir es an.

Vielen Dank Herr Rau für das interessante Gespräch – oder besser: vielen Dank Herr Bundestrainer!

  Die Fragen stellte Michael Stark.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: