Kommen US-Touristen nach Europa, haben sie meist einen Reiseführer von Rick Steves im Gepäck. Amerikas berühmtester Reiseautor spricht über Neuschwanstein, Orlando und Wanderstöcke.
Nach den Coronajahren überrennen Besucher aus den USA diesen Sommer Europa. Der Reiseautor Rick Steves weiß, was sie in Europa gerne sehen wollen.
Mr. Steves, was suchen Amerikaner in Europa, wenn sie reisen?
Eine Mischung aus Bestätigung und Überraschung. Bestätigung, dass es genauso ist, wie man es zu kennen glaubt: die Biergärten, der Rhein, die Berliner Mauer und die Schwarzwälder Kirschtorte. Dann die Überraschung, die weniger über Sehenswürdigkeiten läuft als vielmehr über Erlebnisse: das Straßenmusikfestival in Bern, die Sitten in einem Pub in Irland, der Besuch eines Wellnessbereichs in einem deutschen Hotel. Am besten ist es, wenn man beide Welten vereint: klar, man fährt nach Neuschwanstein, aber warum nicht auch mal in einen unbekannten Ort zehn Kilometer vom Schloss entfernt in ein Wirtshaus gehen, in dem keine Amerikaner oder Japaner sitzen?
Warum sind Amerikaner so zurückhaltend, wenn es um Reisen außerhalb der USA geht?
Viele sind überzeugt, dass wir ohnehin alles bei uns in den USA haben: tropische Strände, arktische Eiswüsten, tolle Millionenstädte, einsame Seen und Wälder. Warum also wegfahren? Aber ich denke, es spielt auch eine ganz große Furcht vor dem Unbekannten mit. Eine andere Sprache? Andere Sitten? Anderes Geld? Das ist anstrengender als ein Urlaub in einem Vergnügungspark in Orlando, gefährlicher. Die Nachrichtensendungen in den USA haben sich in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr zu Unterhaltungsprogrammen entwickelt, die davon leben, Angst zu erzeugen: Angst vor möglichen Terroranschlägen, Kriminalität, Katastrophen aller Art. Ich glaube, dass Angst im Wohnzimmer wächst und ein Resultat der Fernsehcouch ist: Wer rausgeht und sich die Welt ansieht, wird weniger furchtsam sein.
Reisen Amerikaner anders?
Wir in den USA haben die kürzesten Urlaube der reichen Welt. Wenn wir dann „Europa machen“, gibt es diese Bucketlist, die wir hektisch abarbeiten. Wenn heute Dienstag ist, dann muss das Belgien sein und so weiter. Es gibt einen Grund, warum wir kein Wort für das deutsche Wort Gemütlichkeit besitzen. Wir sind nicht gemütlich. Dieses Nichteinlassen führt dazu, dass wir immer irgendwie fremd bleiben.
Welche Veränderungen nehmen Sie in Europa wahr?
Das klingt etwas abstrakt, aber es sind die Skaleneffekte: Große Ketten verdrängen kleine Familienbetriebe. Das ist so bei Handwerksbetrieben, Cafés, in den Innenstädten. Ich fürchte sehr, dass Corona eher das kleine Wirtshaus in den Ruin treibt als eine Fast-Food-Kette. Die Einstellung gerät ins Hintertreffen, dass eine Gemeinschaft viel mehr ist als eine Umgebung für große Firmen, Geld zu machen. Die regionalen Eigenheiten, die lokalen Dialekte, die skurrilen Unterschiede, all das ist leider auf dem Rückzug. Ich bin ein Kapitalist, aber Kapitalismus braucht einen Schiedsrichter, um ihn zu gutem Kapitalismus zu machen.
Sie klingen nicht wie der typische Amerikaner.
Wie klingt ein typischer Amerikaner? Ich liebe Amerika, und der schönste Moment meiner Reisen ist der, wenn ich wieder zu Hause bin. Viele meiner Landsleute glauben, unser Land sei das beste, das bedeutendste, das einzige. Das Interessante daran ist, dass die Menschen in Thailand oder Wales oder der Schweiz ihr Land ebenso sehen. Ich möchte erreichen, dass Amerikaner erfahren, dass man Dinge auch anders machen kann. Ob das der Umgang miteinander ist, der Blick auf Nacktheit, auf die Geschichte, auf Drogen, auf Waffenbesitz oder Religion. Das beste Souvenir ist eine breitere Perspektive.
Was ist Ihre größte Herausforderung, Europa zu vermitteln?
Die Geschichte. Alles hat einen Grund und einen Hintergrund. Sich nicht mit der Geschichte des Landes zu befassen, das man besucht, ist in etwa so, wie wenn man in einen 3-D-Film geht, aber darauf verzichtet, die 3-D-Brille aufzusetzen. Leute, die immer nur dem Guide mit dem Fähnchen hinterherlaufen und keine Ahnung haben, was sie da sehen, verpassen alles. Sie sind die Schafe des Tourismus. Sie sind wie Kindergartenkinder, die in der schönsten Bibliothek der Welt stehen, aber leider nicht lesen können.
Drehen wir den Spieß um: Was fällt Ihnen an deutschen Touristen in den USA auf?
Sie scheinen immer einen Plan im Kopf zu haben, was als Nächstes kommt. Mein Eindruck ist, dass sie sich sehr gut auf die Reise vorbereitet haben und auf der Reise das abarbeiten, was sie sich vorgenommen haben. Sie haben oft etwas sehr Beflissenes, Eifriges an sich, „Genau!“, „Stimmt!“, „Richtig“, hört man da. Und man kann sie an den Wanderstöcken erkennen.
An Wanderstöcken?
Ja, die bringen sie über Tausende Kilometer mit, um durch einen Nationalpark zu gehen. Ich persönlich liebe die Stöcke auch, wegen meiner Knie, aber kaum ein Amerikaner würde so was benutzen.
Welche Erfahrungen in Deutschland haben Sie beeindruckt?
Ich könnte hier Hunderte erwähnen, aber erzähle mal nur von einigen: Da ist die Klavierfabrik Sauter in Spaichingen im Schwarzwald, für mich ein Symbol für das, was ich an Deutschland so liebe, diese Leidenschaft für hervorragendes Handwerk. Ich habe sogar ein Klavier dort gekauft! Dann ein Besuch auf der Burg Eltz am Rhein. Die ist seit ihrem Bau im Besitz derselben Familie. Man spürt dort den Stolz auf die eigene Geschichte und diese tiefen Wurzeln besonders stark. In Passau war ich fasziniert von der unglaublichen Orgel im Dom – aber mehr noch von der Begegnung mit einem Mann danach in einem Wirtshaus. Er war einer der Nachfahren von Johannes Kepler und hat mir gezeigt, wie man richtig Tabak schnupft.
Sie sehen sich eher als Erzieher denn als Beschreiber.
Reisen ist ein politischer Akt. Das Kennenlernen anderer Länder, Kulturen und Menschen ist der wichtigste Schritt zum Verständnis, dass es Milliarden unterschiedliche Ansätze gibt, sein Leben zu leben. Engstirnigkeit ist schlimm. Ich denke, dass sie abnimmt, je mehr man andere einfach wahrnimmt. Europa macht vieles besser als Amerika. Amerika macht viel anderes besser als Europa. Das Wichtigste ist, dass wir offen füreinander bleiben.
Der Europa-Erklärer
Leben
Rick Steves, 67, ist der bekannteste Reiseautor der USA. Seit 1980 veröffentlichte er hunderte Reiseführer mit einer Gesamtauflage von mehreren Millionen, vor allem über europäische Länder. Er produziert Fernsehserien zu Reisezielen und geschichtlichen Themen und ist Moderator einer Reisesendung.
Unternehmen
Sein Unternehmen, „Rick Steves‘ Europe“, beschäftigt etwa 100 Mitarbeiter.