Den Tränen nah und sichtlich geschockt reagiert Peter Palme im Interview auf seine deutliche Abwahl und formuliert die Wünsche für „sein“ Zell.
Herr Palme, Sie haben bei der Bürgermeisterwahl mit 30,49 Prozent eine deutliche Niederlage gegen ihre Gegenkandidatin Marion Isele einstecken müssen. Wie geht es Ihnen damit heute?
Mir geht es nicht gut, das ist ganz klar. Das habe ich nicht erwartet in dieser Deutlichkeit. Ich bin sehr viel angesprochen worden von geschockten Bürgern, die gedacht haben, dass ich gewinne. Da kommt bei den meisten der Nachsatz: „Wenn wir das gewusst hätten, wären wir zur Wahl gegangen.“
Ja, die Zeller hatten eine Wahl – sehr viele sind aber nicht hingegangen. Wie bewerten Sie die geringe Wahlbeteiligung von nur 49,49 Prozent?
Das ist eine Katastrophe und sehr erniedrigend. Der Bürger nimmt seine Wahlchance nicht mehr wahr. Das zeugt davon, dass eine Gleichgültigkeit gegenüber der Politik da ist.
Ist der erste Schock bei Ihnen nun überwunden?
(Palme, den Tränen nah): Ja, das schon, aber das, was es in mir verursacht hat, wird noch lange nicht überwunden sein. Ich habe acht Jahre extrem viel für Zell geopfert, pro Jahr etwa 100 Veranstaltungen besucht.
Wenn Sie auf Ihre Amtszeit zurückblicken, was waren dabei die Höhepunkte?
Ich bin stolz auf das, was wir in den vergangenen acht Jahren für Zell erreichen konnten – das „Wir“ ist dabei ganz wichtig. Beispiele sind die Komplett-Sanierung der Realschule, die Restaurierung von drei Kindergärten, die Fertigstellung der Krippe, die Umwandlung des Kindergartens in Adelsberg in einen Naturparkkindergarten. Wir haben also die Infrastruktur für die Kinder auf den besten Stand gebracht. Dazu wird auch der Kindergarten in der Bahnhofsstraße bald neu eröffnet. Mein Steckenpferd war auch die Feuerwehr, ich war oft bei Einsätzen dabei, das hat mich sehr geprägt und ich hoffe, dass dieser gute und freundschaftliche Kontakt weiterhin bestehen bleibt.
Wie erklären Sie sich diese Abwahl mit Blick auf das, was Sie für Zell erreicht haben?
Die Enttäuschung darüber ist nach wie vor sehr groß. Ich erkläre es mir zum einen an der Politikverdrossenheit in der Bevölkerung. Es ist inzwischen ein Sport, Politiker abzuwählen. Das habe ich bei Kollegen im Landkreis gesehen. Aber auch der Wahlkampf lief nicht ganz mit fairen Mitteln. Es wurden Unwahrheiten über mich erzählt, es gab Verleumdungen und eine gezielte Kampagne gegen mich. Auch Vereine wurden instrumentalisiert, um gegen mich Stimmung zu machen – all das auch in den Sozialen Medien. Das war unter der Gürtellinie. Das kam nicht von meiner Gegenkandidatin, das möchte ich hier betonen.
Was hätten Sie sich in der Zusammenarbeit mit dem Gemeinderat anders gewünscht?
Mehr Miteinander, weniger Gegeneinander, eine klare Linie und weniger Aufsichtsrat. Einige haben es vor das Wohl der Stadt gestellt, ihre Machtpositionen zu stärken. Das war die letzten Jahre nicht mehr schön, sie sind einfach gegen alles. Das waren die Gleichen, die im Wahlkampf auch gegen mich gewettert haben.
Aber Sie haben doch auch generell immer wieder Widerstand vom gesamten Gremium erfahren?
Partiell war schon Widerstand da, weil Dinge erwartet wurden, die man nicht erfüllen konnte. Ich bin auch an den Haushalt gebunden, konnte an den leeren Kassen aber nichts ändern. Ich hätte auch gerne mehr investiert, aber wo soll das Geld herkommen? Immer wieder kam auch das Thema Zuschüsse auf. Aber auch dabei ist der Eigenanteil hoch und wenn man diesen nicht stemmen kann, geht es eben nicht. Ich muss aber betonen: 85 Prozent des Gremiums leisten eine sehr gute und konstruktive Arbeit, dafür bin ich sehr dankbar.
Wie beurteilen Sie denn selbst Ihr Wirken?
Ich bin immer ehrenhaft geblieben, habe keine krummen Sachen gedreht, habe immer getreu meinem Amtseid gehandelt – das war auch bei den Fällen mit dem Grundstück für die Zeller Fasnachtsgesellschaft oder der Diskussion um das Hasenheim mit der Vogtei Innegmei der Fall. Ich kann und darf niemanden begünstigen.
Einige Ihrer angefangenen Projekte bleiben unvollendet, Stichwort Wildgehege. Das Thema sorgte ja ebenfalls im Wahlkampf für Furore. Gibt es dazu Neues?
Die Ankündigung von Herrn Mikat, es nur weiterzuführen, wenn ich gewählt werde, war nicht unbedingt in meinem Sinne. Er ist bereit, zu helfen, es laufen Gespräche. Ich kann aber nicht versprechen, ob ich es in vier Wochen geklärt bekomme. Die Idee besteht, das Gehege ohne Wildschweine weiter zu betreiben, um das Gefahrenpotenzial zu verringern. Ich gehe von einer Lösung mit gewissen Änderungen aus.
Was wünschen Sie dem Gemeinderat?
Ich frage mich, ob hier das strenge Parteisystem noch Sinn macht. Ich schlage eine unabhängige Liste mit fähigen Personen vor, damit das strikte Parteidenken aufhört. Dann könnte man sich besser auf Inhalte konzentrieren statt auf Machtspiele.
Und was wünschen Sie der Stadt?
Dass das, was ich angestoßen habe, weitergeführt wird, dass wir das Freibad und Wildgehege erhalten können. Wichtig ist auch, dass wir wieder Ärzte nach Zell bekommen und dass die Bevölkerung wächst – nur dann sind wir überlebensfähig. Auch der dauerhafte Erhalt der Industrie ist wichtig und dass die Vereine so aktiv bleiben.
Wie sehen die letzten Wochen Ihrer Amtszeit aus?
Ich werde meine Aufgabe mit Freude, Stolz und Ehren zu Ende bringen und einen geordnetes Zell an Frau Isele übergeben, so wie das mein Vorgänger Rudolf Rümmele auch getan hat. Ich werde in Zell wohnen bleiben – entgegen mancher Gerüchte – und werde weiterhin Veranstaltungen besuchen.
Und wie sieht Ihre berufliche Zukunft aus?
Ich war für 20 Jahre bei einer Firma in Stuttgart als Technischer Diplomkaufmann tätig und viel im Ausland unterwegs. Dorthin kann ich nicht zurückkehren. Ich werde mich umorientieren müssen. Ich habe mit meiner Abwahl nicht gerechnet und somit aktuell nichts in der Tasche.
Zur Person
Peter Palme
ist 62 Jahre alt, hat Bauingenieurwesen studiert und arbeitete als technisch orientierte Diplomkaufmann. Er wurde erstmals am 22. Oktober 2017 mit 95,4 Prozent der Stimmen zum Bürgermeister von Zell gewählt – damals ohne Gegenkandidaten. Die Wahlbeteiligung lag damals bei 40 Prozent. Peter Palme ist in Zell aufgewachsen und lebt mit seiner Frau in Gresgen.