Pauls neuer Roman „Rauch überm Land“ handelt von den Anfängen der Roth-Händle in Lahr und wird am Freitag im früheren Firmenareal präsentiert.
Paul schreibt gut recherchierte historische Romane, die sich in emotionaler Weise besonders mit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auseinandersetzen. Sein neuer Roman „Rauch überm Land“ ist der erste Teil eines historischen Zweiteilers, inspiriert von der Freundschaft zweier Tabakfabrikanten in der Zeit zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg: Der jüdische Geschäftsmann Ernest Feist, Gründer der Roth-Händle in Lahr, der die Firma im Nationalsozialismus verlassen und aus Deutschland fliehen musste. Und Philipp F. Reemtsma, der berühmte Hamburger Zigarettenmagnat, der mit der Geschichte der Lahrer Tabakindustrie ebenfalls eng verbunden war.
Herr Paul, Sie haben fünf Jahre an Ihrem neuen Roman gearbeitet. Wie fühlt es sich dann an, wenn die letzte Zeile geschrieben ist?
Das ist für einen Schriftsteller immer ein ganz besonderer Moment, voller Freude, weil man es geschafft hat, und voller Wehmut, weil man sich von den Figuren und Charakteren verabschieden muss, die einen so lange begleitet haben. Hier ist es besonders, weil ich ja den zweiten Teil dazu derzeit gerade zu Ende schreibe. Dazu ist es überwiegend biografisch, also erzähle ich das Leben von zwei bedeutenden Menschen sozusagen nach, natürlich dramaturgisch aufgearbeitet, aber ohne zu verfälschen.
Was war so aufwendig an dem Buch?
Es ist ja diesmal ein biografischer Roman über das Leben meines Hauptprotagonisten Ernest Feist, dem damaligen Eigentümer der Roth-Händle, und Philipp Reemtsma, dem Zigarettenkönig seiner Zeit. Noch dazu spielt die Handlung von 1918 bis 1945, also über 26 Jahre in zwei über 600-Seiten dicken Romanen.
Da muss man sehr intensiv recherchieren, denn davor habe ich großen Respekt, ein echtes gelebtes Leben nachzuerzählen, in so einer intensiven Zeit in Deutschland. Deshalb war ich unzählige Tage in vielen Archiven in ganz Deutschland, habe circa 50 Bücher gelesen, über 6500 alte Dokumente Seite für Seite ausgewertet. Das habe ich vorher auch nicht erwartet. In der Zeit hätte ich drei andere Romane schreiben können.
Ihr Buch spielt in Lahr, vor rund 100 Jahren. Beschreiben Sie bitte die damalige Stadtgesellschaft.
Das erste Buch spielt in der Weimarer Republik, der erste ernsthafte, wenn auch am Ende nicht gelungene Versuch einer Demokratie. Das war eine extrem aufregende Zeit, die Bevölkerung war stark politisiert.
Damals hat man sich aber nicht in Facebook beschimpft, da fanden zwischen Kommunisten, Monarchisten, Sozialdemokraten und Rechten Straßenkämpfe statt und es gab regelmäßig Tote. In Städten wie Lahr ging es zwar gesitteter zu, aber das Klima war rau. Noch dazu kämpften viele gegen Arbeitslosigkeit, Armut, die Inflation 1923 und andere Krisen.
Das zweite Buch spielt in der Zeit des Nationalsozialismus, eine andere, aber auch unruhige Zeit, auch mit schlimmen Ereignissen in Lahr wie der Pogromnacht im November 1938. Ernest Feist konnte im letzten Moment aus dem Fenster der Roth-Händle fliehen, als die Gestapo schon unten vor der Tür stand. Da begann seine dramatische Flucht durch Frankreich bis in die USA.
Wie nah kommt Ihre literarische Beschreibung von Feist und Reemtsma den realen Charakteren?
Sehr nah! Alles Biografische stimmt genau und habe ich nichts verändert. Ich musste ein paar Personen weglassen, deren Nachkommen keine Nennung wollten. Das muss man respektieren. Aber es verändert die unglaublichen Geschehnisse überhaupt nicht. Und für das dramaturgische Spiel habe ich mit meinem „Emil“ einen fiktiven Chauffeur mit eigener Geschichte erschaffen.
Hatten Sie Kontakt zu den Angehörigen Ihrer beiden Buchhelden?
Oh ja, das zählt zu den Highlights meiner Recherche. Ich konnte mit Laure, der Tochter von Ernest Feist in den USA, mehrere Stunden Videointerviews führen. Sie ist 93 Jahre alt. Großartig – und sie hat mein Buch als Dank bekommen. Demnächst erhält sie von mir eine englische Übersetzung, damit sie, die Enkelin Andree und die ganze Familie es lesen können.
Und letztes Jahr durfte ich Jan Philipp Reemtsma treffen, ein beeindruckendes Erlebnis, als wir über zwei Stunden in einem Wiener Caféhaus über seinen Vater sprachen. Er hat mein Buch gerade erst zum Lesen bekommen. Mehr dazu erzähle ich bei meinen Lesungen.
Historische Romane sind dann besonders interessant, wenn man durch sie auch etwas über die Gegenwart lernt. Was kann uns Ihr Buch unter diesem Blickwinkel bieten – außer spannender Unterhaltung?
Leider sehr viel, möchte ich fast antworten. 1933 muss uns Mahnung sein. Dass schon wieder so viele Leute jeden rechten Populismus glauben, sich im Osten jeder Dritte wieder einen „starken Mann“, der alleine entscheiden kann, an der Spitze unseres Landes vorstellen kann, ist beschämend.
Im Westen ist die Quote niedriger, aber nicht so viel wie man es sich wünscht. Das ist beschämend und kann einen manchmal verzweifeln lassen, wie diese Leute sich verführen lassen. Meine Romane verändern die Welt nicht, stimmen niemanden um, leider, aber sie erinnern, sie machen bewusst, rütteln vielleicht etwas diejenigen wach, die unsere Freiheit und Demokratie zu schätzen wissen und sich deren Feinden in den Weg stellen.
Im November erscheint die Fortsetzung von „Rauch überm Land“ – „Asche überm Land“. Worin wird es in diesem Buch gehen?
Die ganze Geschichte über 26 Jahre lässt sich nicht in einem Buch erzählen. So ist 1933, das Schicksalsjahr unseres Landes im letzten Jahrhundert, auch genau die Trennung zwischen den beiden Büchern.
Warum müssen es bei Ihnen immer historische Romane sein? Was haben Sie etwa gegen Liebesgeschichten oder Science Fiction?
Mein eigenes Leben ist eine großartige Liebesgeschichte, seit 40 Jahren, das kann man nicht beschreiben. Und Science Fiction? „Raumschiff Enterprise“ war in den 1970ern. Dank KI habe ich heute oft das Gefühl, wir leben bereits mitten drin in der Zukunft.
Aber diese Genre interessieren mich nicht beim Schreiben. Meine Zeit ist die erste Hälfte des letzten Jahrhunderts. Dazu gibt es viel zu erzählen. Und leider sind alle Themen meiner Romane heute aktueller denn je.
Die Buchpräsentation
Zur Premierenlesung des neuen Romans von Michael Paul lädt die VHS Lahr für Freitag, 27. Februar, ab 19 Uhr in die Evangelische Fachschule, Industriehof 4/1 in Lahr, ein. Die Teilnahme kostet sechs Euro, eine Anmeldung ist nicht erforderlich. „Ein epischer Roman über Mut, Verrat und den Preis der Freundschaft, der zeigt, wie selbst in einem dunklen Kapitel Deutschlands Hoffnung und Menschlichkeit überleben können“, so die Ankündigung.