Joachim Link in den modernen Büroräumen seiner Firma Interstuhl. Der Mittelstands-Boss blickt im Interview sehr kritisch auf die aktuelle Wirtschaftslage in Deutschland. Foto: Sebastian Buck

Joachim Link ist kürzlich zum neuen IHK-Vorsitzenden auf der Zollernalb gewählt worden.

Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft ist, gelinde gesagt, verhalten. Überall warnen Experten vor tiefgreifenden Folgen des Abschwungs, der nun schon eine ganze Weile anhält. Einen, den die Wirtschaftslage direkt betrifft, ist Joachim Link als Geschäftsführer der Firma Interstuhl. Wir haben uns mit ihm über die aktuelle Wirtschaftslage unterhalten.​

 

Die Geschäftslage bei Interstuhl erlaubt auf jeden Fall noch Kaffee und Butterbrezeln am Morgen, es geht der Firma also nach wie vor gut. Aber mit aller Ernsthaftigkeit: Wie ist die wirtschaftliche Lage in Ihrem Haus?

Joachim Link: Unserem Unternehmen geht es relativ gut. Wir haben eine Entwicklung, die deutlich besser ist als die unserer Branche. Das liegt an einigen Maßnahmen, die wir in der Vergangenheit zusammen mit unseren Mitarbeitern umgesetzt haben. Aber die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind nicht die besten. Wir befinden uns in Deutschland im dritten Jahr eines leicht negativen oder Nullwachstums.

Sehen Sie die Chance für eine Trendwende?

Diese lange Rezessionsphase gibt es nur in Deutschland, muss man dazu sagen – denn im Ausland sind wir nach wie vor gewachsen. Aber ich hoffe, dass sich dieses Jahr eine Trendwende einstellt. Die Prognosen liegen zwischen +0,7 und +1,5 Prozent. Das würde helfen. Das gleiche gilt für die riesigen Investitionen, die in die mittelständische Industrie fließen sollen.

„Sollen“ ist das entscheidende Wort. Was dann am Ende hier in Tieringen ankommt, das weiß ja keiner.

Das nicht, aber es wird etwas ankommen in der mittelständischen Wirtschaft – und wenn es nur Garantien sind für Kredite, um ein gewisses Risiko abzufedern. So können auch Wachstumsimpulse entstehen. Das macht mir im Übrigen Sorgen, dass viele Mittelständler nicht mehr hier investieren, sondern eher im Ausland. Diese Deindustrialisierung, die in Deutschland in den letzten Jahren zu beobachten war, sollten wir mit aller Kraft verhindern.

Was kann man konkret tun?

Politisch gesehen: Wenn wir einen Anreiz schaffen wollen, dann müssen wir mehr Leistung auch mehr honorieren. Das kann einen Ruck auslösen. Ansätze wurden ja gemacht mit der Aktivrente. Das geht in die richtige Richtung, würde ich aber ausdehnen auf alle Mitarbeiter. Zudem sind die Sozialabgaben mit 42 Prozent einfach zu hoch.

Können Sie das an Zahlen festmachen?

Durchaus: Ein Standardmitarbeiter bei uns bekommt um die 30 Euro pro Stunde. Da kommen noch Lohnnebenkosten obendrauf. Für das Unternehmen macht das zirka 40 Euro. Wenn ich das vergleiche mit unseren eigenen Niederlassungen in der Slowakei (7,54 Euro), Mexiko (3,37 Euro), China (4,96 Euro) oder Vietnam (1,75 Euro), dann ist das ein Unterschied.

Stichwort China: In Shenzhen gibt es eine Arbeitskultur von 9-9-6, also von 9 bis 21 Uhr an sechs Tagen die Woche. Ist die reine Arbeitszeit auch ein Faktor?

Das macht tatsächlich einen Unterschied. Um die 1400 Stunden ist die Jahresarbeitszeit pro Kopf in Deutschland. In der Schweiz sind es 200 Stunden mehr, in den USA 400 und in Griechenland 600 Stunden. Mexiko und China sind uns sogar 800 Stunden voraus. Und so konkurrieren wir eben letztendlich mit diesen Ländern, das kommt zu den günstigeren Löhnen dazu. Generell, das ist meine Grundaussage: Wir müssen uns warm anziehen und uns verändern. Für mich ist ganz klar: Wir brauchen in Deutschland internationale, funktionierende Wirtschaftsbeziehungen.

Es sind viele Themen: von Energiepreisen bis Fachkräftemangel. Wo sollte man Ihrer Meinung nach anfangen?

Mehr Leistung muss sich wieder mehr lohnen, das kann man auch steuerlich unterstützen. Die Steuern und Abgaben müssen nicht rauf, sondern runter. Zum Bürokratieabbau: Die Politik sollte die großen Visionen verfolgen und nicht jedes Detail regeln. Wir beschäftigen uns zu sehr mit uns selbst. Da könnte ich viele Beispiele nennen, die uns als Unternehmen von unserem Kerngeschäft ablenken. Viele Regelungen und Gesetze bringen nicht die gewünschten Effekte und gehören zumindest stark modifiziert.

Sie haben von der Ölkrise bis Corona viel erlebt. Ist diese Krise gefährdender als andere, oder sitzt man das gelassen aus?

Diese Krise ist die längste der letzten Jahre und ist zudem strukturbedingt. Wir müssen an unseren Rahmenbedingungen einiges ändern, damit sich das wieder dreht.

Es ist also keine klassische Wirtschaftskrise, sondern tiefergehend?

Definitiv. Das erfordert Reformen. Da fordere ich die Bundes- und zukünftige Landesregierung auf, mutig voranzugehen, bevor es zu spät ist. Ich glaube, die Bevölkerung ist bereit zu solchen Reformen, wenngleich man das Bewusstsein schaffen muss, dass ein Strukturwandel dringend notwendig ist. Wirtschaftspolitik ist auch immer Gesellschaftspolitik. Wir müssen verstehen, dass es auch dem Land und den Leuten gut geht, wenn es der Wirtschaft gut läuft.

Dafür braucht es Handelspartner. Bringt das Mercosur-Abkommen der EU etwas?

Leider hat sich Europa in Sachen Mercosur blamiert. Es ist jetzt dringend notwendig, doch noch einen Abschluss herbeizuführen. Deutschland sollte darauf drängen, weitere wirtschaftliche Beziehungen zu anderen Ländern aufzubauen. Südamerika ist ein sehr interessanter Markt. Auch das Abkommen mit Kanada wäre wichtig, zudem die Beziehung zu Indien.

Bei aller Trübsal, was gibt Ihnen Zuversicht?

Das kam vielleicht etwas zu negativ rüber, aber man muss die Themen eben ansprechen. Grundsätzlich bin ich ein positiver Mensch und denke positiv in die Zukunft. Generell haben wir die richtigen Ansätze, aber das muss alles noch schneller gehen und mehr sein. Ich denke schon, dass wir wieder bessere Rahmenbedingungen hinbekommen. Außerdem ist nichts so motivierend wie der gemeinsame Erfolg. Wir sind noch zufrieden, aber man muss sehr viel dafür tun.