IG-Metall-Landeschef Roman Zitzelsberger will, dass auch die neue Arbeitswelt von den Tarifverträgen erfasst wird. Foto: dpa

In Untertürkheim will Daimler jetzt auch Arbeiten fürs E-Auto ansiedeln. Dennoch sieht die IG Metall einen Trend, dass die neue Arbeitswelt eher außerhalb der Tarifverträge entsteht – und will dieser Entwicklung massiv entgegentreten.

Stuttgart -

Herr Zitzelsberger, Daimler-Chef Dieter ­Zetsche hat vor Finanzanalysten angekündigt, er werde bei der Elektromobilität das Gegenteil dessen tun, was die Arbeitnehmervertreter wollen: Nämlich weniger als bisher in den eigenen Werken fertigen, anstatt die eigene Fertigung auszubauen. Hat Sie das überrascht?
Über die Frage, was die Hersteller selbst produzieren und was sie als Auftrag vergeben, diskutieren wir mit den Unternehmen ständig. Nicht gut ist es, wenn diese Diskussion in der Öffentlichkeit geführt wird. Auch die Ansage, die Zahl der Arbeitsplätze beim Verbrennungsmotor so früh wie möglich zu verringern, sehen wir anders. Denn durch den Wandel hin zur Elektromobilität gäbe es bei der Fertigung des Antriebsstrangs selbst dann weniger Arbeitsplätze, wenn Daimler die künftigen Antriebe komplett selbst produzieren würde. Und selbstverständlich machen sich auch die Beschäftigten bei den Zulieferern Hoffnungen darauf, dass ein Teil der Zukunftsproduktion bei ihnen landet. Deshalb überprüfen wir gerade, welche Zukunftsaussichten die Betriebe in Baden-Württemberg haben, die überwiegend mit dem Verbrenner beschäftigt sind, und wollen uns darüber intensiv mit den Unternehmen und Beschäftigten austauschen.
Bisher werden Autos in großen Fabriken mit einer starken IG Metall gebaut. Sehen die ­Hersteller nun den Technologiewandel als Gelegenheit, um die neue Arbeitswelt ­außerhalb des Einflusses der IG Metall und der Tarifverträge aufzubauen?
Wir beobachten mit Sorge, dass es bei den Konzernen eine regelrechte Welle von Ausgründungen gibt. Das ist zwar teilweise nachvollziehbar, dazu braucht es aber keine eigenen Gesellschaften. Was wir auf keinen Fall zulassen werden, ist die Ansiedlung solcher neuen Einheiten außerhalb des Tarifvertrags. Sollte sich dieser Trend fortsetzen, werden wir massiv dagegen vorgehen.
Wenn Firmen weniger Arbeiten durch ihre eigenen Mitarbeiter erledigen lassen, haben die Belegschaftsvertreter kein Mitspracherecht. Können Sie solchen Entscheidungen trotzdem entgegentreten?
Die Automobilindustrie steht vor mehreren gewaltigen Umbrüchen. Wer glaubt, diese Umbrüche meistern zu können, ohne die Beschäftigten mitzunehmen, wird kläglich scheitern – bei der Elektromobilität ebenso wie bei der Digitalisierung. Denn für all das braucht man die Menschen, und das nicht erst in ferner Zukunft: In weiten Teilen der Branche werden bereits heute im großen Stil Überstunden und Sonderschichten geleistet. Es wäre daher sehr unklug von den Firmenleitungen, sich über die Belange der Beschäftigten hinwegsetzen zu wollen.
Die Hersteller scheinen aber bei wichtigen Komponenten der E-Mobilität eine Produktion in Deutschland gar nicht erst in Betracht zu ziehen. So kommen die Zellen der Batterie fürs E-Auto bisher aus Asien, und die ­Hersteller machen keine Anstalten, daran etwas zu ändern.
Dass es in Deutschland beziehungsweise in Baden-Württemberg keine eigene Fertigung für Batteriezellen gibt, ist in der Tat hoch problematisch. Es geht dabei nicht so sehr um die Arbeitsplätze – deren Anzahl ist bei dieser hoch automatisierten Fertigung leider sehr überschaubar. Es geht aber sehr wohl um die Technologieführerschaft und auch um die Unabhängigkeit, die durch eine eigene Fertigung gesichert werden kann. Die weltweite Tendenz, Handelsmauern hochzuziehen, zeigt ja, wie riskant allzu große Abhängigkeiten sein können. Zudem werden bei der E-Batterie wertvolle Rohstoffe wie die Seltenen Erden verwendet. Wenn es uns gelingt, einen Kreislauf von der Produktion bis zur Wiederverwertung in Gang zu bringen, kann uns das eine sehr starke Position verschaffen.
Die Arbeitgeber der Metallindustrie beklagen regelmäßig, dass die Lohnabschlüsse für die Branche der Produktivität weit vorauseilen und somit nicht durch eine effizientere ­Produktion finanziert werden könnten. Hat sich der Tarifvertrag zu weit von der ­Realität entfernt?
Lassen Sie mich ganz klar sagen: Die Tarifpolitik der IG Metall hat die überwiegende Zahl der Unternehmen in den vergangenen Jahren offensichtlich in keiner Weise daran gehindert, gute Gewinne zu machen. Deshalb sind diese Klagen für mich nicht nachvollziehbar. Hinzu kommt: Die statistisch gemessene Produktivität, also die produzierte Menge pro Arbeitsstunde, ist in den vergangenen Jahren zwar in der Tat kaum noch gestiegen. Trotzdem hat sich die Arbeit vieler Mitarbeiter stark verdichtet – etwa durch die intensive Entwicklung neuer Technologien oder durch den Aufbau weltweiter Produktions- und Vertriebsnetze. In den Statistiken zur Produktivität kommt das gar nicht zum Ausdruck. Es ist daher wie beim Wetter: Es gibt die gemessene und die gefühlte Temperatur. Wir tun gut daran, beides im Blick zu haben.
Weltweit gibt es die Tendenz, dass Staaten sich abschotten; der neue US-Präsident Donald Trump hat dabei nicht zuletzt die hohen ­deutschen Exportüberschüsse im Visier. Wie gefährlich sind mögliche Handelsbeschränkungen für die Arbeitsplätze in der Branche?
Langfristig ist eine ausgeglichene Handelsbilanz ein großer Vorteil – zumal man sich dann nicht mehr angreifbar macht, wenn sich die politischen Rahmenbedingungen ändern. Doch die deutschen Überschüsse beruhen nicht ursächlich – wie behauptet – auf günstigen Wechselkursen, sondern vor allem darauf, dass die Produkte, die unsere Ingenieure entwickeln, auf dem Weltmarkt so gefragt sind. Das gilt für Autos ebenso wie für Maschinen und etliche andere Produkte.
Wie sollte Deutschland auf Trumps ­Drohungen reagieren, Exporte in die USA massiv zu erschweren?
Wir dürfen nicht davon ausgehen, dass es immer so weitergehen wird – auch die Party der deutschen Rekordüberschüsse geht irgendwann zu Ende, zumindest für eine gewisse Zeit. Es ist daher wichtig, für eine höhere Nachfrage in Deutschland zu sorgen. Dazu tragen insbesondere Tarifabschlüsse bei, die die Kaufkraft erhöhen. Zudem müssen wir alles tun, um unsere führende Rolle bei Schlüsseltechnologien aufrechtzuerhalten.
Amerikanische Technologiekonzerne wie Apple und Google wollen ja ihre digitalen Geschäftsmodelle ins Auto bringen und damit klassischen Autoherstellern ihre Einnahmequellen streitig machen. Wäre es sinnvoll, diesen US-Firmen den Zugang zum deutschen Markt zu erschweren, falls Amerika seine Märkte tatsächlich dichtmacht?
Wenn man sieht, dass BMW sein größtes Werk in den USA hat und auch Daimler dort im großen Stil Autos produziert, gibt es offensichtlich gute Argumente, die man gegen eine Abschottungspolitik der USA anführen kann. Es ist doch offensichtlich, dass der Handel nicht nur uns nützt, sondern auch in den USA viele Arbeitsplätze schafft. Darüber das Gespräch zu suchen, halte ich für wesentlich sinnvoller, als Abschottung mit Abschottung zu vergelten.