Herr Rockstroh, die Entdeckung des HI-Virus ist mehr als 30 Jahre her. Warum ist kein Heilmittel dagegen gefunden worden?
Man könnte es auch positiver formulieren. Trotz Ansteckung mit HIV kann man den Ausbruch von Aids verhindern. Das Virus lässt sich in Schach halten, nur eine Heilung ist momentan nicht möglich.
Was macht die Suche nach einem Heilmittel ­so schwierig?
Das Virus verändert sich ständig und ist in den verschiedensten Bereichen der menschlichen Körperzellen zu finden. Das macht die Suche nach einem Impfstoff sehr kompliziert. Bis jetzt sind bei jeder Behandlung mit unterschiedlichen Wirkstoffen Viren-Reservoirs im Organismus verblieben. Die Frage ist, wie man diese Reservoirs erreicht. Es gibt da auch erste Erfolge. Es wächst auch das Verständnis, wie es dem Virus gelingt, sich festzusetzen. Aber das sind kleine, wenn auch wichtige Schritte, die sich nicht für die große Schlagzeile eignen. Deshalb entsteht der mediale Eindruck, dass wir – was das Ziel einer Heilung angeht – eine Durststrecke durchmachen.
Wird Aids aus Ihrer Sicht ausreichend ­wahrgenommen?
Da eine HIV-Infizierung mittlerweile gut behandelbar ist, hat die Krankheit ihre abschreckende Wirkung eingebüßt. In einer Umfrage unter jungen Menschen gaben nur 50 Prozent an, dass sie verstärkt auf geschützten Sex achten. Dabei leben in Deutschland rund 14 000 Menschen mit dem Virus, ohne es zu wissen. Als noch niemand genau wusste, um was es bei HIV geht, war eine größere sexuelle Zurückhaltung da, die Krankheit war gegenwärtiger.
Spiegelt sich die von Ihnen befürchtete neue Laxheit im Umgang mit Aids auch in der Zahl der Neuinfektionen wider?
Die Neuinfektionen liegen in den letzten fünf Jahren stabil etwas höher als in früheren Jahren. Das deutet schon darauf hin, dass mit der besseren Behandelbarkeit dieser Krankheit auch ein Stück Abschreckung verloren gegangen ist. Es ist uns jedenfalls zuletzt nicht geglückt, die Zahl der Neuinfektionen signifikant zu senken. Dabei ist es besser, wenn eine Infizierung erst gar nicht passiert. Denn einmal angesteckt, bleibt den Betroffenen nur eine lebenslange Therapie. Hinzu kommt, dass die Patienten ein höheres Risiko für Infarkte, Schlaganfälle und andere Infektionskrankheiten haben.
Wie läuft eine Therapie ab?
Das Virus soll im Körper keinen Schaden anrichten. Also versuchen wir, die Virusvermehrung mit Hilfe von Medikamenten komplett zu stoppen. In unserer Ambulanz hier in Bonn behandeln wir jährlich rund 1000 Patienten. Durch die guten Behandlungsmöglichkeiten steigt auch die Lebenserwartung der Betroffenen. Unser ältester Patient ist beispielsweise 84 Jahre alt.
Ist die Krankheit eigentlich für Männer und Frauen gleichermaßen gefährlich, oder lassen sich unterschiedliche Krankheitsverläufe erkennen?
Nein. Frauen stecken sich leichter an als Männer. Der klinische Verlauf der Krankheit selbst ist im Wesentlichen identisch.
Dämpfen die Erfolge in der Behandlung die Bereitschaft, weiterhin öffentliche ­Forschungsmittel zur ­Verfügung zu stellen?
Ja, diesen Effekt gibt es leider. Die Botschaft, dass Aids behandelbar geworden ist, hat den Förderumfang schrumpfen lassen. Die Fördergelder sind nun deutlich stärker auf Forschungen konzen­triert, die sich mit der Entwicklung von Impfstoffen oder von Heilungsstrategien beschäftigen. Alles andere wird zurückgefahren. Zum Beispiel gibt es weniger EU-Mittel für die sogenannte Kohorten-Forschung, also für die Verfolgung der Krankheitsverläufe bei einer großen Gruppe von Patienten über lange Zeiträume hinweg. Ähnliches passiert auch in den USA. Das hat viele US-Forscher bewogen, ihre akademische Karriere aufzugeben und in die Pharmaindustrie zu wechseln.
Wo steht Deutschland in der Forschung?
Deutschland hat eine besondere Versorgungssituation: Über die Hälfte der Patienten werden hierzulande von niedergelassenen Ärzten betreut. Die haben natürlich einen etwas anderen Fokus als Kliniker. Deshalb würde ich sagen, dass Deutschland in der klinischen Forschung einen guten Mittelfeldplatz einnimmt. Dagegen sind wir in der Grundlagenforschung sehr stark.