Mit seinem Comeback in Los Angeles sorgte HBW-Legende und Europameister Martin Strobel für Aufsehen. Im Gespräch erklärt er die Hintergründe seines USA-Engagements.
Mit dem HBW Balingen-Weilstetten spielte Martin Strobel lange Zeit in der Bundesliga, 2016 wurde er mit der deutschen Nationalmannschaft Europameister. 2020 beendete er seine aktive Profikarriere und machte sich als Coach und Führungsexperte selbstständig. Vor wenigen Wochen stellte ihn dann der Los Angeles Team Handball Club als Co-Trainer und „situativer Spieler“ vor. Wir haben mit ihm über die Hintergründe seines USA-Engagements, sein Comeback auf dem Handballfeld und die Zukunft des Projekts in L.A. gesprochen.
Herr Strobel, auch nach Ihrem Karriereende sind Sie in der Handballszene bekannt. Warum hat Sie die öffentliche Resonanz auf Ihr Engagement in den USA trotzdem überrascht?
Vielleicht liegt das an meiner bodenständigen Art. Mir ist schon bewusst, dass ich regional eine gewisse Bekanntheit habe, aber ich habe nicht damit gerechnet, dass dieses Projekt Menschen außerhalb der Handball-Bubble so erreicht. Innerhalb der Szene wusste man natürlich, dass Frank Carstens in die USA gegangen ist. Das erste Turnier sorgte für Aufmerksamkeit, danach flachte es etwas ab – auch weil Frank zurück in die Bundesliga nach Leipzig gegangen ist. Als ich die ersten Reaktionen gelesen habe, war ich ehrlich gesagt überrascht – und dankbar. Viele dachten und denken ich werde hier nun immer vor Ort sein. Das ist nicht der Fall. Dass es dann überregional solche Wellen schlägt, hätte ich nicht gedacht. Ich glaube, das hat auch mit dem Land zu tun: Die USA stehen für Weite und unbegrenzte Möglichkeiten – das löst bei vielen Menschen etwas aus.
Wie kam es denn dazu, dass Sie beim Los Angeles Handball-Club eine Art spielender Co-Trainer sind?
Frank Carstens hatte mich bereits vor dem ersten Turnier angerufen und um Unterstützung gebeten – im Coaching aber auch ganz praktisch: Taktik lenken, Ruhe reinbringen, Orientierung geben. Für das erste Turnier hatte ich keine Zeit, ich war beruflich stark eingebunden. Beim zweiten hat es gepasst – und beim dritten im Februar auch. Ich habe das mit meiner Familie abgestimmt und dann zugesagt, weil ich gemerkt habe: Das ist nicht nur ein Trip, das ist ein Projekt mit Sinn.
Ihre Verbindung zu Frank Carstens besteht also schon länger?
Ja, wir hatten immer wieder Kontakt. Im März und April, als er noch Trainer in Wetzlar war, habe ich einen Workshop bei der HBL moderiert und da haben wir uns ausgetauscht. Er sagte dann sinngemäß: „Du bist noch fit und vor allem hast du was zu geben.“ Vorher gab es schon einen engen Draht, auch aus der Zeit, als er Co-Trainer der deutschen Nationalmannschaft war. Ich schätze an Frank, dass er Verantwortung übernimmt – und Dinge einfach macht.
Fit ist ein gutes Stichwort. In Denver standen Sie mal wieder in einem Wettkampf auf dem Feld. Wie hat es sich angefühlt?
Es hat wirklich Spaß gemacht und es hat mich auch kurz zurückgeholt in dieses Gefühl von Wettkampf. Ich habe pro Spiel etwa 15 Minuten gespielt, oft mit Abwehr-Angriff-Wechseln. Man muss es fair einordnen: Das ist keine Profiliga. Die Spieler trainieren ein- bis zweimal pro Woche und treffen sich an Turnierwochenenden. Für mich stand nicht das „Ich will’s nochmal wissen“ im Vordergrund, sondern das Weitergeben von Erfahrung. Ich sehe mich da in einer Botschafterrolle. Wir haben sechs, sieben Amerikaner im Team – und wenn Du einem 22-Jährigen in zwei Minuten eine Sperre oder ein Timing erklären kannst und du siehst: „Jetzt klickt’s!“ Das ist richtig cool.
Wie schätzen Sie das sportliche Niveau der Spiele in den USA ein?
Insgesamt liegt es etwa zwischen der deutschen Bezirks- und Landesliga. Eine Mannschaft mit vielen jungen dänischen Spielern hatte allerdings ein deutlich höheres Niveau, eher Regionalliga bis dritte Liga. Unser Team in L.A. lebt mehr von Erfahrung als von Athletik (lacht). Aber ehrlich gesagt: das sportliche Niveau war für mich nicht der entscheidende Punkt. Spannender war zu sehen, wie viel Hunger, Offenheit und Lernbereitschaft da ist. In den USA geht es weniger um Perfektion – es geht um Entwicklung. Und genau das macht es für mich so reizvoll.
Tobias Reichmann, mit dem Sie 2016 Europameister wurden und in L.A. zusammenspielen, hat nicht ausgeschlossen, 2028 bei Olympia zu spielen. Gemeinsam mit Ihnen für die USA?
Ja, das habe ich gelesen. Für mich ist das kein Thema. Ich habe meine Profikarriere bewusst beendet. Olympia wäre ein Zurück in einen Lebensabschnitt, den ich abgeschlossen habe. Meine Rolle heute ist eine andere: aufbauen und begleiten – nicht beweisen.
Man sieht Sie jetzt also nicht regelmäßig in den Hallen der Region spielen?
Nein. Ich halte meinen Körper fit, weil mir das guttut – körperlich und mental. Aber das regelmäßige Spielen ist nicht mehr mein Fokus. Wenn ich in eine Halle gehe, dann mit einem anderen Blick: beobachten, einordnen und unterstützen.
Wie bewerten Sie die Entwicklung des Handballs in den USA insgesamt?
Das Potenzial ist riesig. Die Amerikaner sind sportbegeistert und Handball passt mit Schnelligkeit, Physis und Dynamik sehr gut ins System. Was es braucht, sind Menschen, die Verantwortung übernehmen – nicht nur als Trainer, sondern als Gestalter. In L.A. gibt es mit dem Clubpräsidenten Lewis Howes eine solche Persönlichkeit. Er hat in anderen Bereichen schon sehr viel aufgebaut. Von so einer Person kann man nur lernen. Strukturen entstehen nicht von selbst. Sie entstehen, wenn jemand bereit ist voranzugehen.
Wird Handball dauerhaft Teil Ihres Lebens bleiben – vielleicht auch in einer Funktionärsrolle in Deutschland?
Ganz ohne geht es nicht. Ich verfolge den Sport weiterhin intensiv, bin regelmäßig bei Spielen in Balingen und bin hier HBW-Markenbotschafter. Der Handball hat seinen Platz verändert. Heute ist es Teil meines Lebens – nicht mehr dessen Mittelpunkt.