Rektor Gerhard Jäger verlässt die DHBW Lörrach und  geht in den Ruhestand. Foto: Willi Adam

Wechsel an der Spitze der DHBW Lörrach: Rektor Prof. Dr. Gerhard Jäger geht in den Ruhestand und zieht im Gespräch mit Willi Adam Bilanz.

Zum Abschied nach einem Jahrzehnt an der Spitze der DHBW Lörrach blickt Rektor Prof. Dr. Jäger auf eine Zeit tiefgreifender Veränderungen zurück. Der akademische Bildungsmarkt hat sich in den vergangenen 25 Jahren stark gewandelt.

 

Herr Jäger, was haben Sie in Ihrer Zeit als Rektor der DHBW Lörrach dazugelernt?

Ich habe gelernt, wie dynamisch sich dieser akademische Bildungsmarkt zu einem wettbewerbsgetriebenen Markt entwickelt hat. Das war vor 25 Jahren, als ich zur DHBW gekommen war, noch nicht der Fall. Dieser Wettbewerb hat für die jungen Menschen im Studium viele Wahl- und Entwicklungsmöglichkeiten geschaffen.

Was haben Sie als Rektor persönlich erreicht?

Dass wir als DHBW Lörrach in diesem Wettbewerb wirklich sehr innovativ vorangehen und dass die Hochschulleitung gemeinsam mit unseren engagierten Kolleginnen und Kollegen in den vergangenen zehn Jahren daraus immer wieder innovative Studienangebote entwickelt haben - für die Studierenden und die Unternehmen in der Region. Digital Business Management, Interprofessionelle Gesundheitsversorgung, Architektur oder die Studienangebote aus dem Bereich Data Science und KI sind Beispiele dafür.

Und was bleibt nach zehn Jahren offen?

Offen bleibt zum Teil das Thema Infrastruktur für den Standort Lörrach. Dabei müssen wir auch unter Wettbewerbsgesichtspunkten noch deutlicher vorankommen. Was ebenfalls noch ein Stück weit offen bleibt, ist, wie wir die rasanten Entwicklungen bei Digitalisierung und künstlicher Intelligenz in allen Studienangebote erfolgreich umsetzen.

Bildung nimmt klassisch eine universelle, grundlegende Perspektive ein. Wenn Sie nun Bildung mit Markt und Wettbewerb in Verbindung bringen, birgt das dann nicht die Gefahr, zu sehr auf einen konkreten Nutzen ausgerichtet zu sein?

Gesamtgesellschaftlich wäre das ein Risiko. Aber für die DHBW sehe ich diese Gefahr weniger, denn es ist ein Wesensmerkmal der Dualität, ganz nah an den Bedürfnissen der Unternehmen zu sein. Die DHBW steht für anwendungsbezogene Studiengänge. Wir sind dafür da, den Unternehmen in der Region nach den Erfordernissen des Markts Fach- und Führungskräfte zur Verfügung zu stellen.

Als ich vor 25 Jahren als Professor angefangen habe, war die Duale Hochschule noch eine Berufsakademie, auf die man in der akademischen Welt mit etwas Skepsis geschaut hat. Anfang der 2000er-Jahre gab es in Baden-Württemberg an den Berufsakademien 15.000 duale Studienplätze. Heute bietet die Dualen Hochschule Baden-Württemberg an ihren zwölf Standorten etwa 34.000. Ich schaue jedenfalls mit Dankbarkeit und Respekt auf diese Entwicklung.

In den vergangenen Jahren hat die DHBW Lörrach vor allem mit Drittmitteln von der Eberle-Stiftung Fortschritte in der anwendungsbezogenen Forschung erzielt. Welche weiteren Potenziale sehen Sie in diesem Bereich?

Für die DHBW stand zunächst das Bachelor-Studium im Mittelpunkt. Später kam das Master-Studium hinzu und nun sind wir in einer Phase, in der Forschung und Transfer immer wichtiger werden. Dieses Thema hat die traditionell auf die Lehre ausgerichtete Duale Hochschule noch nicht so sehr bearbeitet, als dass man sagen könnte, da macht man einen Haken dran.

Gerade im Bereich Wissenstransfer lassen sich meiner Meinung nach gemeinsam mit unseren Partnerunternehmen noch Potenziale heben. In der Rückschau würde ich sagen, wir hätten bei unserer Entwicklung nicht viel anders machen können, aber wir hätten hinsichtlich von Forschung und Transfer mehr machen sollen.

Bei den neuen Angeboten sticht Architektur heraus, weil sich dieser Studiengang vom klassischen technischen und betriebswirtschaftlichen Kanon der DHBW Lörrach unterscheidet. Ist dieser neue Studiengang bereits ein organischer Teil der Hochschule geworden oder führt er im Elfenbeinturm auf dem Vitra-Campus in Weil am Rhein ein Eigenleben?

Mit diesem Studiengang – übrigens die erste duale Architekturausbildung an einer öffentlichen Hochschule in Deutschland – haben wir echte Pionierarbeit geleistet. Die Nachfrage ist groß, der Lehrkörper wächst. Wir überlegen bereits, welche weiteren Angebote rund um diesen Studiengang in den nächsten Jahren hinzukommen können.

Denkbar sind etwa Öffentliches Bauen, Stadtentwicklung, möglicherweise auch Interior Design. Außerdem überlegen wir, ob sich auf dem Vitra-Campus in der Zusammenarbeit mit anderen technischen Studiengängen nicht weitere Synergien erzielen lassen. All das zeigt, dass wir es hier mit einem gut integrierten Projekt zu tun haben.

Digitalisierung ist ein Querschnittsthema für alle Ihre Studiengänge. Gleichzeitig haben Sie Studiengänge eingerichtet, die sich dezidiert mit Digitalisierung, Daten und Künstlicher Intelligenz befassen. Kann man sagen, dass Digitalisierung die große Überschrift der vergangenen Jahre war.

Digitalisierung ist zweifellos das beherrschende Thema. Unser Ansatz ist es, mit neuen Studiengängen einen Kern zu schaffen, der dann auf andere Studiengänge ausstrahlt Das haben wir mit dem Studiengang Digital Business Management so gemacht, ebenso mit Data Science/KI. Mit dem Know-how, das in diesen Studiengängen entsteht, verfügen wir über Kompetenzen, mit denen wir auch die anderen Studiengänge auf ein höheres Level heben können.

Welche Auswirkungen hat KI auf den Lehrbetrieb?

Der Wettbewerb fordert von uns, schnell zu sein mit der Adaption von KI, mit der Anpassung von Lerninhalten und von Didaktik. Die Zeit, in der ein Professor vorne steht und verbal Wissen vermittel, ist vorbei. KI bietet den Studierenden viele neue Wege, sich Wissen zu erschließen. Aufgabe der Lehrkräfte wird zunehmend sein, die Studierenden dabei anzuleiten, kritisch mit diesen neuen Möglichkeiten umzugehen, gute von weniger guten Quellen zu unterscheiden und die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen.

Sind Sie persönlich froh, an diesem Wendepunkt aus dem aktiven Dienst auszusteigen?

Nein, ich hätte mich diesen Veränderungen gestellt. Als Professor wird man künftig in einer Rolle als Lerncoach gefordert sein.

Das bietet die Chance, sich viel individueller auf Studierende einzulassen und herauszufinden, was für jeden einzelnen der beste Lernweg ist. Ich empfinde das eher als ein Upgrade der Lehrtätigkeit.

Ist die DHBW ein Motor für die Digitalisierung in der Region?

Ja, aber wir bräuchten wie alle Hochschulen in diesem Bereich zusätzliche Ressourcen. Die Veränderungsdynamik in der Wirtschaft ist gewaltig. Aber der Bedarf an Lehrkräften, die über das aktuell geforderte Wissen verfügen, ist es eben auch. Wir bräuchten die Möglichkeit, mehr jüngere Professorinnen und Professoren zu berufen. Oder die Möglichkeit, mehr so genannter Tandem-Professuren einzurichten. Dabei sind die Lehrkräfte zu einem Teil an der Hochschule tätig und arbeiten ansonsten in den Betrieben. So ließe sich Know-how aus der Praxis schneller für die Hochschule erschließen, und die Hochschule könnte ihre Impulse schneller in die Unternehmen tragen.

Neben dem Leitmotiv Digitalisierung verfolgt die DHBW landesweit noch die Ziele Internationalität, und Nachhaltigkeit. Aber beim ersten Punkt, der Internationalität, hat in den letzten Jahren eine Art Katzenjammer eingesetzt. Wo bis vor Kurzem die Globalisierung noch als Erfolgsmodell gefeiert wurde, steht nun die Sorge vor Abhängigkeiten. Wie geht die DHBW damit um?

Ich sehe da keinen Widerspruch und ich würde auch nicht von Katzenjammer sprechen. Absatzmärkte werden immer international sein und bei den Beschaffungsmärkten versucht man nun resilienter zu werden, indem man in kleineren Clustern denkt. Insofern hat sich Globalisierung keineswegs erledigt, allenfalls verändert.

Für die DHBW bleibt die Vermittlung von internationaler und vor allem von interkultureller Kompetenz sehr wichtig. Das lässt sich auch an der Zahl der Studierenden ablesen, die einen Auslandsaufenthalt absolvieren oder die als Gäste zu uns kommen. Dabei haben wir längst wieder das Vor-Corona-Niveau erreicht.

Und was verstehen Sie im Zusammenhang mit Hochschulbildung unter dem Begriff Nachhaltigkeit?

Wir müssen lernen, dass akademische Bildung nicht mit einem Hochschulabschluss endet. Vielmehr müssen wir in einen Prozess des lebenslangen Lernens kommen. Wer mit 30 Jahren seinen Master erworben hat, verfügt in einem bestimmten Bereich über ein sehr komplexes Wissen. Aber in immer kürzer werdenden Zyklen besteht dann wieder der Bedarf, sich neues Wissen anzueignen. Deshalb brauchen wir ein System der kontinuierlichen akademischen Weiterbildung. Man wird aber nicht einen zweiten oder gar dritten Master machen. Aufgabe der Hochschulen wird künftig sein, maßgeschneiderte, berufsbegleitende und zertifizierte Weiterbildungsangebote anzubieten.

Wie ordnen Sie Ihre Amtszeit ein – war das die Ära Jäger, auf die nun eine andere Ära mit anderer Handschrift folgt, oder sehen Sie Ihre Arbeit als Rektor mehr im Kontext der allgemeinen Entwicklung an der DHBW?

Ich würde die Entwicklung der DHBW in den zurückliegenden Jahren als eine Innovationskontinuität bezeichnen. Wir pflegen an der DHBW eine Kultur des Miteinanders, der gegenseitigen Wertschätzung und des gemeinsamen Entwickelns. Das wird so bleiben, denn wir haben auch mit den Kolleginnen und Kollegen, die bereits im Ruhestand sind, eine Basis geschaffen, die sich sehr bewährt hat. Das wird auch nach meinem Ausscheiden weiterhin so sein. Da bin ich mir sehr sicher. Gleichzeitig ist allen bewusst, dass die DHBW auch in Zukunft große Veränderungsbereitschaft braucht. Aber da mache ich mir keine Sorgen.

Und wie geht es für Sie persönlich weiter?

Ich werde weiterhin meine Verbundenheit zur DHBW pflegen, was sich auch in einigen Beiträgen für die Lehre ausdrücken wird. Ansonsten wird es für mich eine räumliche Veränderung geben. Ich bin 1989 ins Dreiländereck gekommen mit der Erwartung, dass das drei Jahre werden. Nun waren es 37 Jahre, jetzt geht es zurück in das Rhein-Main-Gebiet.