Der Schlagzeuger Bertram Engel hat ein Buch über seine Jahrzehnte auf Tour und im Studio mit Udo Lindenberg und Peter Maffay geschrieben. Am Mittwoch gastiert er mit Rockgeschichten und eigenen Liedern am Klavier im Theaterhaus.
In seinem Buch „Mit alten Männern spiel’ ich nicht“ nimmt Bertram Engel, der Drummer der Rockstars, kein Blatt vor dem Mund. Vor seinem Konzert in Stuttgart hat er uns erzählt, wie sich Udo Lindenberg und Peter Maffay unterscheiden und worin das Problem seiner Begegnung mit Ringo Starr auf den Bahamas bestand. Mit seinen beiden Chefs hat er neue Pläne.
Herr Engel, entwickelt man eine gespaltene Persönlichkeit, wenn man Jahrzehnte lang parallel für so unterschiedliche Charaktere wie Udo Lindenberg und Peter Maffay trommelt?
Nein, denn es liegen ja immer ein paar Monate zwischen Musik mit dem einen und dem anderen. Durch das musikalische Know-how, das ich mir in den letzten 48 Jahren angeeignet habe, kann ich mich Chamäleon-mäßig verändern: Bei Maffay muss alles ganz schnell sein, und bei Udo ist alles entschleunigt hinten. Ich habe gelernt, mich darauf und auf die unterschiedlichen Charaktere einzustellen.
Ihrem Buch „Mit alten Männern spiel‘ ich nicht“ zufolge müssen Udo Lindenbergs Tourneen in den Siebzigerjahren dem Klischee von Sex, Drugs, und Rock ‘n‘ Roll weitgehend entsprochen haben. Andererseits schreiben Sie über Maffay: „Mit Peter zu arbeiten, war für mich anfangs wie beim Militär.“ Wie schafft man es, diese Wirklichkeiten zu vereinen, selbst wenn ein paar Monate dazwischen liegen?
Bei Udo war alles viel lockerer. Aber wenn du mit 19 oder 20 Jahren einen Chef wie Peter Maffay hast, macht das seelischen Druck auf einen kleinen Jungen aus Burgsteinfurt. Ich bin damals weinend im Hotelzimmer gesessen und habe beim Hören eines Konzertmitschnitts festgestellt, dass nicht ich falsch gespielt habe. Peter Maffay hat mit seinem Popstartum andere Leute fertig gemacht, das konnte er sehr gut. Das hat Udo nie gemacht. Mittlerweile funktioniert der Wechsel zwischen den beiden wie die Umschaltung bei einem Automatik-Auto, weil ich beide einfach kenne: Bei Peter fangen wir morgens um 10 Uhr zu proben an, bei Udo nicht vor 15 Uhr, wozu er sich zwingt, denn normalerweise ist er vor 17 Uhr nicht ansprechbar. Peter will die totale Kontrolle und ist bei 90 Prozent unserer Proben dabei. Udo hingegen lässt die Proben auch mal von den Musikern leiten und kommt dann abends mal mit seiner Entourage vorbei und singt dann ein Lied mit. Er nennt das „Stichlingsproben“.
Über die Gründung Ihrer ersten Schülerband schreiben Sie: „Hinten zu sein und die Band zusammenzuhalten fand ich irgendwie interessanter, als in der ersten Reihe rumzuspringen“. Ist das Ihre Einschätzung geblieben?
Nö – weil ich befinde mich ja gerade auf meiner Solotour, wo ich jeden Abend vor tausend Leuten im Fokus stehe. Das gefällt mir nach 67 Jahren sehr gut! Ich war aber auch immer gerne Dienstleister und kann dann mein Ego zurückstellen. Wobei – als ich vor 40 Jahren zu Maffay gesagt habe: „Mit alten Männern spiel‘ ich nicht“, habe ich meine Kompetenz meinem Chef gegenüber ein bisschen überschritten. Aber man weiß ja, dass Chefs engagierte Mitarbeiter manchmal lieber haben als Jasager.
Gute Chefs.
Ja, gute Chefs lassen konstruktive Kritik zu, die die Firma weiterbringt. Weil ich der Einzige in der Band war, der das getan hat, bin ich als einziger von der Originalband noch mit Peter dabei.
Wenn Sie jetzt auf Solo-Tournee sind, leisten Sie sich nicht mehr solche im Buch genüsslich geschilderte Eskapaden wie Sachen aus Hotelfenstern werfen oder nachts nackt mit Bandkollegen Straßenbahnen anhalten, oder?
Nein, nein, nein! Das mit den Straßenbahnen ist mir nur einmal passiert. Wenn man jetzt darüber nachdenkt, weiß ich gar nicht mehr: Wie nackt war das mit der Straßenbahn in Karlsruhe damals? Vielleicht war auch nur ein Kollege von mir nackt und ich gar nicht. Manchmal wissen wir nicht, was der Wahrheit entspricht, und was eher romantisiert ist. Es war eine wilde Zeit.
Über Ihre Begegnung mit dem Rolling-Stones-Gitarristen Keith Richards auf Mallorca schreiben Sie, Sie hätten sich gefühlt, als würden Sie „Rock-’n‘-Roll-mäßig geimpft“. Glauben Sie, dass Sie selbst andere Leute Rock-’n‘-Roll-mäßig geimpft haben?
Das zu behaupten, wäre arrogant. Aber gestern kam eine Person zur Autogrammstunde nach der Show und sagte: „Ich fühle mich jetzt so, wie du dich bei Ringo Starr gefühlt hast.“ Das war ein schönes Kompliment. Ich habe mit Ringo mal Billard auf den Bahamas gespielt und wollte ihm am liebsten Fragen zu den Beatles stellen. Aber wenn man mit Ringo Starr in einem Raum steht, versucht man, total cool zu sein. Aber das hat ja keinen Sinn, weil er genau weiß, dass ich weiß, dass er Ringo ist. Da fühlte ich mich auch wie geimpft.
Über das Trommeln bei Stadionkonzerten schreiben Sie: „Es geht darum, das Simple clever zu machen. Hier trennt sich die Spreu vom Weizen.“ Haben Sie einen Tipp, wie man das Simple Clever macht?
Das geht ans Eingemachte. Wenn den Trick jeder wüsste, dann würde es jeder so machen. Wie Phil Rudd, der Drummer von AC/DC, die Zwei und die Vier spielt, ist ein gutes Beispiel für diese Cleverness. Alle, die keine Ahnung haben, behaupten, das könne jeder spielen. Dabei bedarf es höchster Kunst und höchster Konzentration, diesen Beat immer wieder so simpel zu nageln, ohne dass es langweilig wird, weil der Swing immer da ist, der die Leute bis in die hinterste Reihe bewegt. Das ist mein Job, und ich kann das, und es gibt keine wirkliche Erklärung dafür, sondern ein Feeling.
Wie äußert sich das?
In der Corona-Zeit hatte ich mal zwei Ersatztrommler dabei, die zum Glück nicht zum Einsatz kamen, weil ich nicht krank wurde. Die spielten bei den Proben plakativ richtig „dig, dig, dig, dig, dig, dig, dig, dig – paff!“ Aber ich spiel‘ „dig dig dig dig, bumm, ka, ka, ka – paff“. Den Unterschied hört man nicht gleich, aber ich leg‘ da mit meiner Einstellung einen Swing rein, den der Typ nicht kopieren kann. Das Showbusiness ist böse: Du musst im Kopf immer so jung bleiben, dass du jeden jungen Typen, der deinen Job will, sofort weghauen kannst!
Sie thematisieren in Ihrem Buch auch die Ungleichheit in diesem Geschäft, die sich in der Corona-Zeit unter anderem darin äußerte, dass in ein- und derselben Band Multimillionäre behauptet haben, mit prekär beschäftigen Musikern in einem Boot zu sitzen. Wie gehen Sie damit um?
Das ist manchmal schwer. Diese Ungerechtigkeit ist meine verwundbare Stelle. Peter und Udo helfen auch mal, das ist dann wie eine kleine Spritze: Zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel, sodass man die Jungs auch immer an der Kandare hat, damit sie weiter für einen arbeiten. Die sind aber nicht böse. Ich liebe Peter, und ich liebe Udo. Sie denken, sie tun, was sie können, und sie haben auch viel geholfen – auch mir.
Wie haben Ihre beiden Chefs eigentlich auf Ihr Buch reagiert, in dem Sie einerseits der erwähnten Liebe wertschätzend Ausdruck verleihen aber andererseits auch wenig schmeichelhafte Umstände wie Sucht oder Geiz grell beleuchten?
Die haben gar nicht reagiert. Ich glaube, sie haben es gar nicht gelesen.
Wir haben Udo Lindenberg um ein Statement zu Bertram Engel gebeten. Er hat per WhatsApp unter der Überschrift „Vom Zauberlehrling zum Weltmeister“ folgendes geantwortet: „Er kam uns gewissermaßen als Frischling aus dem westfälischen Gebüsch zugelaufen, mit 16 Jahren, fing an zu trommeln, ich krieg spitze Ohren, leicht erhöhten Puls und wusste, er trifft meinen Beat.“ Korrekt?
Absolut! Wie er das geschrieben hat, ist ein Riesenkompliment. Das schmeichelt mir sehr, da krieg‘ ich Gänsehaut, das ist so lieb von ihm. Ich kann den erhöhten Puls und die spitzen Ohren nur bestätigen.
Nun hat man von Udo Lindenberg live schon länger nichts mehr gehört, und Peter Maffay hat sich vergangenen Sommer in eine Art Rock-Rente verabschiedet. Was bedeutet das für den Drummer der beiden Herren?
Mal sehen. Wir werden mit Peter Maffay im Sommer ein paar Open-Airs spielen, und vielleicht gibt es auch eine Platte. Er möchte gerne mit uns ins Studio gehen. Er hat ja nie behauptet, keine Musik mehr zu machen. Er will nur nicht mehr auf große Tourneen gehen. Und ich denke, dass wir mit Udo Lindenberg 2026 noch mal rausgehen. Es gibt aber dafür noch keine Bestätigung. Wir hoffen, dass er nicht wie Marlene Dietrich endet, sondern seinen Hintern hochkriegt und auf die Bühnen dieser Welt zurückkommt. Das ist das, was wir von ihm brauchen. Und es ist auch das, was er für sich selber braucht, um zu überleben. Passenderweise arbeite ich gerade an einem zweiten Buch, das „Mit alten Männern spiel‘ ich doch“ heißen wird.
Drummer der Rockstars
Schlagzeuger
Bertram Engel wurde 1957 als Bertram Lutz Wilhelm Passmann in Burgsteinfurt im Münsterland geboren. Mit 12 gründet er seine erste Schülerband, mit 16 überzeugt er Udo Lindenberg von seinen Qualitäten als Drummer. Parallel trommelt er seit 1978 für Peter Maffay. Engel spielte unter anderem auch für Marius Müller-Westernhagen und Stephan Remmler und einmal für Bruce Springsteen.
Buch
Über sein Leben mit den Rockstars hat Bertram Engel das Buch „Mit alten Männern spiel’ ich nicht“ (Riva Verlag, 304 Seiten, 22 Euro) geschrieben.
Konzert
Bertram Engel tritt mit eigenen Liedern am Klavier und Anektoten aus seinem Leben am Mittwoch, 15. Januar, im Theaterhaus Stuttgart auf. Beginn ist um 20 Uhr.