Ihr jüngster mäzenatischer Coup ist mit der Thomas-Mann-Villa in Kalifornien verbunden, die sie geholfen haben, für Deutschland zu sichern. Bei Thomas Mann liegen Kunstsinn und Kaufmannsgeist immer im Konflikt: Je entwickelter der eine, desto mehr geht es mit dem anderen bergab.
Die „Buddenbrooks“ habe ich viermal gelesen. Thomas Mann war ein sehr pessimistischer Mensch. Sein Leben lang kämpfte er in allen Facetten um seine bürgerliche Existenz. Er sah sich immer gefährdet, sein Künstlertum erlebte er als stete Bedrohung für den bürgerlichen Menschen, der er so gerne gewesen wäre. Aber die Buddenbrooks scheitern nicht an der Theaterneigung der Handelnden, sondern an ihrer Unzuverlässigkeit und Unfähigkeit zur Kontinuität, zur Disziplin.
Sind Ihre literarischen Interessen nicht auch bisweilen in Widerspruch geraten zu ihren unternehmerischen?
Im Laufe meines Lebens nicht, nach dem Abitur schon: Ich hatte eine starke Neigung zu Philosophie, Literatur oder auch Theologie. Aber nach den Ereignissen des Krieges wollte ich etwas Konkretes tun. So kam ich zum Maschinenbau. Da hören Sie auf zu denken, es geht es darum, dass Sie es schaffen. Irgendwann überwältigte mich die Faszination, etwas Neues machen zu können, etwas, was es bisher noch nicht gegeben hat. Dieser kreative Teil des Maschinenbaus hat es mir immer wieder angetan. Ich war ein leidenschaftlicher Entwickler, immer Neues, Anderes.
Das klingt sehr fortschrittsoptimistisch.
Junge Ingenieure genießen in Deutschland heute eine hochkarätige Ausbildung, aber sie werden nicht dazu angeleitet, über ihr Tun zu reflektieren, auch über die technischen Möglichkeiten hinaus. Nirgends hören sie etwas darüber, welche Bedeutung Technik in der Gesellschaft hat. Das ist mein Lebensthema. Das Klischee, immer wieder als schwäbisch-pietistischer Unternehmer-Archetyp apostrophiert zu werden, stört mich weniger als die Bemerkung: ah, Sie sind Ingenieur, aber ein ungewöhnlicher Ingenieur. Darauf antworte ich: Nein, ich bin ein ganz typischer Ingenieur. Ich habe nie einen Gegensatz gesehen zwischen dem schöpferischen Tun im musikalischen, literarischen Bereich und der Entwicklung auf technischem Gebiet.
Aber es gibt doch viel Trennendes. Stellt Kunst nicht auch die Welt infrage, in der ein erfolgreicher Unternehmer agiert?
Kritik hat immer auch eine moralische Qualität. Wenn sie berechtigt und gut ist, kann sie ein Anstoß sein, über die Dinge nachzudenken, die man tut. Manchmal ärgert man sich, aber man sollte es doch auf jeden Fall zur Kenntnis nehmen.
Hat Mäzenatentum auch mit Abbitte zu tun?
Weniger mit Abbitte. Aber mit Dankbarkeit. Vielleicht auch mit der Grundüberzeugung, dass Erfolg auch eine Verpflichtung gegenüber dem Gemeinwohl einschließt. Die Luther‘sche Formulierung, ohn‘ mein Verdienst und Würdigkeit – das ist schon immer dabei. Dieses Gefühl, dir ist etwas zugefallen und gelungen, wofür du dankbar sein musst und wofür du eine Verpflichtung übernommen hast. Das ist mir ein großes Anliegen.
Spricht da der „schwäbisch-pietistische Unternehmer-Archetyp“?
Ich bin in Korntal, einer pietistischen Gemeinde, aufgewachsen. Ich habe mich kräftig gegen den Pietismus gewehrt und war alles andere als einverstanden. Aber manche der Maximen, vor allem die Sekundärtugenden, Fleiß, Bescheidenheit, Selbstverantwortlichkeit, sinken in einen ein, danach handelt man, auch wenn man sich erst gewehrt hat. Ich habe meinen Frieden damit gemacht, es hat viel Positives bewirkt. Mich ärgert es, wenn der Pietismus immer wieder auf Frömmelei und Kehrwoche reduziert wird.
Sie sagen, die Welt sei voller Reiz: wie verträgt sich das mit der unglaublichen Weltverneinung mancher pietistisch geprägten Kantatentexte Bachs?
Es heißt aber auch „Jauchzet Gott in allen Landen“. Aber es stimmt schon: die Erde als Jammertal zu sehen, war zweifellos eine protestantisch-pietistische Eigenart. Ein Irrtum, wie ich finde. Die Barockzeit hat sehr drastische Bilder. Aber der Musik tut das ja keinen Abbruch. Da gibt es eine ganz innerliche Hinwendung zu Dingen, die jenseits unserer Möglichkeiten liegen.
Motiviert Sie als Mäzen nicht auch ein heimlicher Unsterblichkeitswunsch?
Ich möchte, dass mit dem, was in dieser Generation erarbeitet wird, sinnvolle Dinge geschehen. Mir liegt sehr am Herzen, dass aus dieser Stiftung etwas wird, dass etwas bleibt, das von dem zeugt, was mir im Leben wichtig ist.
Wie sehr darf man sich einmischen?
Ich setze Prioritäten und fördere das, wovon ich überzeugt bin. Unsere Stiftung engagiert sich für Wissenschaft, Kultur, Kirche und wir sind im sozialen Bereich aktiv, so steht es in der Satzung. Nicht vertreten sind wir im Bereich des Sports - diese Religion unseres Jahrhunderts braucht keine zusätzlichen Opfer. Als Mäzen darf man zwar Akzente setzen, die inhaltliche Ausgestaltung muss aber anderen überlassen bleiben, da halte ich mich raus.