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Interview "Man gestaltet die geistige Welt mit"

Von
Im Gespräch mit Bestseller-Autor Andreas Eschbach. Foto: Fritsch

Straubenhardt - Für seine jüngste Lesung reiste Bestseller-Autor Andreas Eschbach mit der Bahn aus der Wahlheimat Frankreich an. In Straubenhardt, einer kleinen Gemeinde im Enzkreis, las der 59-Jährige aus seinem aktuellen Buch "NSA", das vom Missbrauch scheinbar harmloser Daten handelt. Im Gespräch erzählt der Autor, was er mit dem Buch bezweckt, wie er sich zum Schreiben motiviert und wie er seinen 60. Geburtstag verbringt.

Herr Eschbach, Ihre Bücher dienen nie nur der reinen Unterhaltung, sondern regen den Leser zum Nachdenken an. Wie verstehen Sie Ihre Arbeit als Autor?

Ich finde, auch als Leser selbst, die Bücher am unterhaltendsten, die nicht nur unterhalten wollen, sondern aus deren Lektüre ich klüger hervorgehe oder die Welt anders sehe. Denn das ist ja die Funktion von Kunst überhaupt: einen die Welt anders sehen zu lassen. Ich war mal in einem Museum, in dem eines der Kunstwerke eine Parkuhr war. Die stand da einfach so und dann hat man sich zum ersten Mal im Leben eine Parkuhr genau angeschaut. Ich weiß noch, als ich später rauskam, standen da auch Parkuhren. Das waren zwar andere Modelle, aber man hat sie sich genauso angeschaut. Und plötzlich hat man überall Parkuhren gesehen. Auch wenn das jetzt ein banales Kunstwerk war, so ist doch die Wirkung dieselbe: Man sieht die Welt anders. Und das versuche ich mit dem, was ich schreibe, auch zu erreichen. Dass man etwas zurückbehält und nicht bloß ein paar Stunden angenehm verbracht wurden.

In "NSA" schildern Sie eine Geschichte, in der durch Überwachung ein möglichst transparenter Bürger geschaffen wird. Wie nah sind wir dieser Szenerie, die Sie aufgemalt haben, bereits?

Also die Technik, die ich in dem Buch verwende, ist größtenteils trivial. Die ist schon lange da. Was fehlt, sind Menschen, die gewillt sind, das zu bösen Zwecken zu verwenden. Die Waffe liegt sozusagen schussbereit auf dem Tisch - es greift nur niemand danach.

Macht Ihnen das nicht auch Angst, wenn Sie so in die Zukunft blicken?

Doch, klar. Angst ist oft ein Motor, ein Buch zu schreiben. Irgendwie hat man als Autor ja das Gefühl, man könne mit einem Buch etwas bewirken, Menschen aufrütteln und etwas verändern. Ich meine, das stimmt zwar nicht, aber es treibt einen zumindest an. (lacht)

Wie schützen Sie sich vor dieser vollkommenen Überwachung?

Ich habe beispielsweise kein Smartphone. Ich falle dadurch auf, dass ich mich durch die Stadt bewege, ohne dass man weiß, wo ich bin. Ich habe natürlich die Kamera an meinem Computerbildschirm abgeklebt, wie es jeder vernünftige Mensch tut. Ich zahle gerne mit Bargeld und bin nie bei Facebook gewesen. Aber wenn man es sich genau überlegt, gibt es keine individuelle Lösung, um sich zu schützen. Wenn jeder in die Wälder geht, um autark zu leben, würde das die Zivilisation genauso zerstören.  Wir müssen Verbrechen, die mit Hilfe von digitalen Medien begangen werden, auf eine clevere Weise ausfindig machen und bestrafen – so wie man es mit anderen Straftaten auch tut. Da gibt es kein Entkommen – es sei denn, man findet einen Planeten, auf den man auswandern kann. (lacht)

Welcher Planet könnte das sein?

Das werde ich Ihnen nicht verraten. Selbst, wenn ich einen hätte, würde ich es Ihnen nicht verraten.

Weil Sie sich alleine aus dem Staub machen wollen?

Ganz genau. (lacht)

Ihre Romane jedenfalls spielen häufig auf der Erde und dort in den unterschiedlichsten Ländern und Städten. Sind Sie an all Ihren Handlungsorten selbst gewesen oder wie schaffen Sie es, die Städte lebendig werden zu lassen?

Was man als Autor braucht, um eine Handlung irgendwo ansiedeln zu können, ist ein Gefühl dafür, wie der Ort ist. Wenn man das nicht hat, muss man tatsächlich hinreisen, das habe ich einmal gemacht, als ich den "Nobelpreis" geschrieben habe, weil ich gemerkt habe, dass ich nicht weiß, wie es sich anfühlt, in Schweden zu sein. Aber das ist eine gefährliche Methode.

Warum?

Es gibt viele Romane, bei denen man stutzt und denkt: "Warum schreibt der Autor so viel über Florenz, und warum beschreibt er die Straßen und die Schauplätze so genau?" Wenn man der Sache nachgeht, ist es deswegen, weil der Autor dorthin gereist ist, ganz viel recherchiert hat und sich nachher sagt: "Das hat alles Geld gekostet, das muss auch ins Buch." Es fällt dann schwer, auf solches Material zu verzichten, wenn man es hat. Und das ist oft zum Schaden des Buches, weil man auch Sachen weglassen muss, sage ich ­ und da bin ich natürlich der Richtige, der das sagt. (lacht)

Wie machen Sie es dann?

Das Buch "Der Letzte seiner Art" spielt beispielsweise in Irland, weil meine Frau und ich dort im Urlaub waren und ich plötzlich die Idee hatte, dass dieser eine Roman mit dem Cyborg, den ich nicht in Amerika spielen lassen wollte, genau hier spielen könnte. Aber da war es andersrum – ich war erst an dem Ort und habe ihn dann verwendet. Manchmal nutze ich auch Google Street View oder lese Reiseberichte. Das mache ich gern, wenn Leute berichten, wie es ist, wenn sie irgendwo durch die Straßen gehen. Nicht, um das abzuschreiben, sondern um es nachvollziehen zu können. Denn um zu beschreiben, wie es ist, in einer Wüste zu sein, müssen Sie nicht in einer Wüste gewesen sein. Sie müssen nur wissen, wie es ist, wenn es heiß ist und man schwitzt. Das dreht man dann in der Vorstellung ein bisschen höher, womit man zumindest schon einmal nah dran ist. Und weil es meistens nicht um die Wüste geht, reicht es dann auch für einen Roman.

"NSA" ist bald schon über ein halbes Jahr alt. Worum wird es in Ihrem nächsten Buch gehen?

Das wüssten viele gern.

Ihre Leser zum Beispiel ...

Nein, das weiß noch nicht einmal mein Verlag und deswegen verrate ich es auch nicht.

Sie sind mehrfach ausgezeichneter Bestsellerautor, das "Jesus Video" wurde sogar verfilmt. Welche Motivation haben Sie noch, morgens Ihren Schreibtisch aufzusuchen?

(lacht) Sie meinen, wenn man alles erreicht hat, muss man sich künstlich motivieren?

Sozusagen. Oder anders gefragt: Welcher Preis fehlt Ihnen noch?

Keiner – die Motivation steckt in den Ideen an sich. Ich habe so ein Notizbuch, wo ich all die Ideen reinschreibe, die ich in den nächsten 200 Jahren zu schreiben gedenke. Und darin zu blättern und mir vorzustellen, wie es wäre, aus diesem oder jenem Gedanken ein Buch zu machen, reicht als Motivation aus. Ich schreibe die Bücher, weil ich will, dass es sie gibt. Ich muss mich eher motivieren, wieder vom Schreibtisch aufzustehen.

Und dennoch gibt es sicherlich Texte, die Sie zwar geschrieben, aber nie veröffentlicht haben. Wie viele nicht abgegebene Skripte liegen in Ihrem Nachttisch, weil sie Ihnen nicht gut genug waren?

Das sind schon einige Sachen. Zum Beispiel ruhen meine ganzen Frühwerke, die ich so mit 16 geschrieben habe, wohlverwahrt in einer Kiste. Die Leute werden hoffentlich vernünftig genug sein, das unveröffentlicht zu lassen. Dazu noch ein paar Sachen, die mir nicht ergiebig erscheinen. Manchmal schreibt man Sachen zum Spaß, aber denkt sich nachher, das lohnt nicht, dass dafür Bäume sterben müssen.

Auf Ihrer Homepage schreiben Sie: Wenn jemand ein aufregendes Leben führen und reich und berühmt werden möchte, solle er bloß die Finger vom Schreiben lassen und stattdessen lieber Unternehmer werden. Sie waren bereits Unternehmer und sind den umgekehrten Weg gegangen – Warum wollten Sie all das um jeden Preis verhindern?

Die meisten Autoren sind ja nebenberuflich Schriftsteller und haben noch einen ordentlichen Beruf. Die sind dann zum Beispiel Ärzte oder Rechtsanwälte, was sich meistens verträgt. Aber es gibt so ein paar Berufe, wo das gar nicht konformgeht mit dem Schreiben und dem Beruf. Als Bundeskanzler darf man beispielsweise nichts nebenher verdienen, da muss man mit den mageren 250.000 Euro, die man im Jahr verdient, zufrieden sein. (lacht) Und als GmbH-Geschäftsführer geht es eben auch nicht. Das habe ich schon gemerkt, als wir mit dem Unternehmen angefangen haben. Ich hatte meine ersten zwei Romane eigentlich schon fertig und habe nur noch einen Verlag gesucht. Schließlich kamen die beiden Romane nacheinander heraus, obwohl ich in der Zeit nicht geschrieben habe. Aber es sah so aus als ob, und unsere Angestellten haben gedacht: "Wir rödeln hier von morgens bis abends und einer unserer Chefs hat Zeit Romane zu schreiben?" - das hat böses Blut gegeben. So stand ich eben vor der Alternative: entweder ich höre mit dem Schreiben auf, oder ich höre mit diesem Unternehmer-Dings-Bums auf. Das war für mich keine schwere Entscheidung.

Warum, welche Privilegien genießen Sie als Schriftsteller?

Man gestaltet sozusagen die geistige Welt mit. Und man kann wohnen, wo man will, Hauptsache, es gibt eine Telefonleitung. Außerdem hat man keinen weiten Weg zum Arbeitsplatz ­ bei mir ist es nur die Treppe hoch.

Auf Ihrer Webseite beschreiben Sie diesen Arbeitsplatz als "großes Arbeitszimmer" mit Blick durch ein "weit geöffnetes Fenster hinaus auf den Atlantik", wo Sie Segelboote vorbeiziehen sehen und das Geschrei von Möven hören. Bei aller Romantik, die man bei dieser Beschreibung verspürt – wie hart ist Ihr Job als Schriftsteller?

Er hat so seine Momente. Wenn man zum Beispiel im November auf Lesereise geht und die Bahn nach so einem "Schneeeinbruch" von 10 Millimetern völlig stillsteht. Dann ist man irgendwo in der Pampa an einem Bahnhof und weiß nicht weiter – da ist es dann schon hart.

Das ist jetzt wahrscheinlich nicht die Besorgnis, die man zu hören erwartet hätte. Andere Schriftsteller würden wohl eher die Angst davor nennen, nichts zu verkaufen.

Das natürlich auch. Aber dann ist es noch kein Beruf, wenn man nicht genügend verkauft. Dann ist es noch ein Hobby. Man darf das auch nicht unterschätzen: Viele wollen ihren Beruf gar nicht aufgeben, sondern nebenher schreiben. Nur zu schreiben, das ist etwas, in das man hineinwachsen muss. Das habe ich am Anfang unterschätzt.

Ist es dann mehr eine Berufung als ein Beruf?

Es ist definitiv eine Berufung. Und wie man so sagt: Viele fühlen sich berufen, aber nur wenige sind auserwählt. Ich persönlich rate ja davon ab. Wenn man etwas anderes machen kann, soll man etwas anderes machen. Aber wer den Impuls verspürt, der soll es richtig machen. Denn es gibt nichts Schlimmeres als so einen Traum ganz lange halbherzig zu verfolgen, um dann zu merken, man hätte eigentlich etwas ganz anderes machen sollen. Ich war zum Beispiel mal mit einer Malerin zusammen und habe dann auch angefangen zu malen, weil es so toll aussah bei ihr. Also habe ich ein Bild gemacht und war ganz zufrieden mit mir. Als sie dann etwas auszusetzen hatte, habe ich mir nicht vorgenommen, noch ein besseres Bild zu malen, sondern hatte stattdessen keine Lust mehr. Und so habe ich eine Zeit lang ein Bild pro Jahr gemalt. Aber wenn man es so angeht, wird natürlich nie ein Maler aus einem. Picasso hat glaube ich 50000 Bilder in seinem Leben gemalt ...

Und inzwischen schreiben Sie nur noch, weil Sie wahnsinnige Freude an Ihrem Beruf haben? Oder sind Sie tatsächlich noch auf Veröffentlichungen angewiesen?

Naja also (überlegt lange), da müsste ich jetzt meinen Kontostand überprüfen, ob ich es noch nötig habe. Das hängt ein bisschen von dem ab, was man noch so machen will.

Und was wollen sie machen? Den anderen Planeten besiedeln?

Ja so ein Raumschiff, das kostet Geld. (lacht) Aber in der Dimension denke ich nicht. Ich sehe keinen Grund darin, aufzuhören. Ich werde schreiben, bis mir der Sensenmann die Tastatur aus der Hand schlägt. Man könnte mich auch nicht dafür bezahlen, dass ich aufhöre zu schreiben, weil ich für das bezahlt werde, was ich sowieso am Liebsten tue.

Kann es sich ein Verlag überhaupt noch leisten, ein Manuskript von einem mehrfachen Bestseller-Autor abzulehnen, selbst wenn es Mist wäre?

Ich erlebe die Verlage nicht so, dass sie alles kritiklos hinnehmen, nur weil sie denken, das verkaufe sich. Ich meine, sie würden natürlich einen neuen Roman vom Autor X, der fantastilliardenweise verkauft, trotzdem drucken, intern aber rummosern und sagen: "Wird Zeit, dass der wieder ein gutes Buch schreibt." Das will man auch nicht, dass so über einen geredet wird. In meinem Fall ist es tatsächlich so, dass der Lektor nicht alles abnickt, sondern sich Gedanken macht und Rückmeldung gibt. Deshalb muss ich mich häufig erklären, warum ich das so geschrieben habe und nicht anders. Ich setze mich zwar meistens durch, aber es hilft, weil ich das sozusagen im Entwurfsstadium mitdenke, während ich etwas schreibe.

Ich habe Sie in mehreren Interviews und in der Art, wie Sie Ihre Webseite betreiben als einen zutiefst bodenständigen Menschen wahrgenommen. Warum lesen Sie lieber in Straubenhardt vor 60 Menschen, als eine Berliner Großbuchhandlung zu füllen?

Ich gehe auch nach Berlin in eine Großbuchhandlung, wenn mich der Verlag dorthin schickt. Aber die Zahl der Lesungsteilnehmer ist gar nicht so wichtig. Es ist wichtig, was für eine Atmosphäre entsteht und da hat man auf dem Dorf viel größere Chancen, dass es etwas Besonderes ist. In Berlin sind jeden Abend zehn Lesungen, da können sie auch hinkommen und es kommen bloß fünf Leute. Es gibt Orte mit einer Lesungskultur und es gibt Orte, wo es etwas ganz Neues ist, sodass keine Diskussion in Gang kommt – das weiß man immer nicht, deswegen bin ich vorher immer etwas nervös.

Ich habe gedacht, die Nervosität wird mit zunehmender Erfahrung weniger – in diesem Jahr feiern Sie schließlich Ihren 60. Geburtstag. Wie wird das Fest aussehen?

Ohh, erinnern Sie mich nicht daran. Meine Frau und ich werden flüchten und gar nicht feiern, weil es da nichts zu feiern gibt. Wir werden also weit fortfliegen und niemandem verraten wohin.

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