Julian Nagelsmann (links) klatscht mit Leon Goretzka ab. Der Mittelfeldspieler des FC Bayern München hat trotz Reservistenrolle im Verein wohl gute Chancen auf die Startelf im DFB-Team. Felix Nmecha von Borussia Dortmund betritt für ihn das Feld. Foto: Federico Gambarini/dpa

Wir haben Passagen des Kicker-Interviews genauer unter die Lupe genommen, machen den Faktencheck und ordnen die teils überraschenden Aussagen von Nagelsmann ein.

Bemerkenswert offen hat sich Julian Nagelsmann gegenüber dem „Kicker“ geäußert. Wohl kein Bundestrainer in der Geschichte hat im Vorfeld eines großen Turnieres so ausführlich über seine Überlegungen gesprochen. Und klar ist: Die Diskussion en zum Thema werden so schnell nicht enden, denn der 38-Jährige verriet unter anderem: „Dabei wird es Entscheidungen geben, das kann ich jetzt schon verraten, die vermutlich nicht auf supergroßes Verständnis stoßen. Nicht beim Spieler, aber auch nicht in der breiten Öffentlichkeit. Weil vielleicht ein Spieler bei uns nicht in der ersten Elf eingeplant ist, der bei seinem Verein aber Stammspieler und Leistungsträger ist.“

 

Konkrete Namen nennt er logischerweise nicht, Spielraum für Spekulationen ist vorhanden. Und es gab weitere bemerkenswerte Aussagen von Nagelsmann – auch weil er in manchen Punkten faktisch nur bedingt richtig liegt. Wir haben das Interview unter die Lupe genommen und gehen auf einige Zitate ein.

Streitbare Aussagen

„Leon Goretzka und Joshua Kimmich waren vor ihm, zusätzlich hatte ich Aleksandar Pavlovic hochgezogen. Ryans Aufgabe war, in den letzten 20 Minuten Gas zu geben, aber sein Spielerprofil passt nicht dazu.“

Nagelsmann äußert sich zum Niederländer Ryan Gravenberch, der bei den Bayern nicht glücklich wurde und schließlich beim FC Liverpool leistungstechnisch explodierte. Markant ist aber die Aussage zu Pavlovic. Nagelsmann begründet schließlich den „schweren Stand“ von Gravenberch mit der Beförderung Pavlovics. Tatsächlich durfte dieser unter dem heutigen Bundestrainer erstmals mit den Profis trainieren und war im Mai 2023 auch zwei Mal im Kader. De facto hat Pavlovic aber niemals unter Nagelsmann für den FC Bayern gespielt und sein Bundesligadebüt im Oktober desselben Jahres unter Thomas Tuchel gefeiert.

„Er (Anm. d. Red: Nick Woltemade) hat in der Summe sechs Monate Bundesliga-Fußball und ist dann der Stürmer, der uns zur WM schießen muss, weil alle anderen verletzt sind.“

Hier bezieht sich der Bundestrainer auf Nick Woltemade – den Shootingstar der vergangenen Saison. Auch diese Aussage des Bundestrainers lässt sich leicht widerlegen. In der Tat hatte Woltemade zu Beginn seines VfB-Jahres noch zu kämpfen, war nicht für die Champions League nominiert und zunächst nur Ersatzspieler. Von November bis Mai kam er aber regelmäßig zum Einsatz und erzielte in diesem Zeitraum zwölf Tore. Und: Der baumlange Offensivspieler wurde in der Spielzeit 2023/24 bereits in 30 von 34 möglichen Bundesligapartien bei Werder Bremen eingesetzt.

Chabot scheint keine Option zu sein

„Auch in der Innenverteidigung gibt es ein Thema mit Nico Schlotterbeck, der aktuell unser einziger Linksfuß ist und wir schon Riesenprobleme in der Spieleröffnung hatten, wenn er nicht gespielt hat.“

In der Tat ist Schlotterbeck der einzige Linksfuß, welcher zuletzt in der Innenverteidigung nominiert wurde. Dies war auch bei der Heim-EM 2024 der Fall. Nagelsmanns Aussage dürfte eine Nominierung von Stuttgarts Jeff Chabot – der medial zuletzt immer wieder mit dem Team in Verbindung gebracht wurde – ausschließen. 66 Prozent gewonnene Zweikämpfe am Boden und deren 67,2 in der Luft in dieser Saison (Quelle: Fotmob) des Stuttgarters können sich jedenfalls sehen lassen. Zum Vergleich: Schlotterbeck kommt auf 61,8 (Boden) und 61,5 (Luft), Jonathan Tah auf 56,9 (Boden) und 67,3 (Luft).

Verzerrte Goretzka-Werte

„Ich erinnere nur an das Spiel gegen Nordirland: Wenn er (Leon Goretzka) da nicht gespielt hätte, hätten wir garantiert nicht gewonnen, weil er 60 Bälle weggeköpft hat.“

Sehr spannend waren auch die Aussagen zu Bayern-Mittelfeldspieler Leon Goretzka. Nagelsmanns überschwängliches Lob für die Leistung gegen Nordirland wirkt bei einem Blick auf die Zahlen fast befremdlich. Die „60 Bälle“ kann man als bewusste Übertreibung abtun, in der Realität führte Goretzka an diesem Abend neun Kopfballduelle, von denen er fünf gewann. Eine gute, aber sicherlich nicht außergewöhnliche Quote. In der bisherigen Bundesligasaison kommt der 31-Jährige gar nur auf eine Quote von 38,1 Prozent.

Er (Anton Stach) macht es dort gut, ist aber auch nicht enorm kopfballstark und auch nicht der Top-Zweikämpfer, sondern ebenfalls einer, der gerne das Spiel vor sich hat.

Der „Kicker“ brachte anhand des skizzierten Profils von Nagelsmann Anton Stach in die Verlosung. Auch die Aussagen zum früheren Profi der TSG Hoffenheim, welcher mittlerweile bei Leeds United aktiv ist, gehen an den Fakten vorbei. So kommt Stach – wohlgemerkt in der sehr physischen Premier League – auf eine gewonnene Zweikampfquote von 53,4 (Boden) und 64,4 (Luft). Gerade der zweite Wert ist nahe an der Weltklasse. Auch bei den Balleroberungen im letzten Drittel (20) weist Stach einen ganz starken Wert auf.

„In der WM-Quali waren aus Stuttgart zum Beispiel deutlich weniger Spieler dabei, weil sie auch nicht gut gespielt haben zu der Zeit. Jetzt haben sie wieder einen guten Run. Und meinen Spielern vom FC Bayern wünsche ich, dass sie ins Champions-League-Finale kommen.“

„Gut spielen“ ist natürlich eine sehr subjektive Bewertung. Fakt ist aber: Die WM-Qualit erstreckte sich vom 4. September (Hinspiel Slowakei) bis zum 17. November (Rückspiel Slowakei). Während diesem Zeitraum absolvierte der VfB 13 Pflichtspiele. Neun davon wurden gewonnen, außerdem gab es vier Niederlagen. Der Punkteschnitt pro Partie lag immerhin bei 2,08. Zum Vergleich: In den 14 Partien im Jahr 2026 sammelten die Stuttgarter 2,07 Punkte.

Sehr mutig

Fazit: Das Interview ist auf jeden Fall mutig und bringt spannende Erkenntnisse mit sich. Es verwundert jedoch, wieso Nagelsmann gewisse Aussagen tätigt, die sich mit wenigen Klicks revidieren lassen. Sollte die WM nicht gut verlaufen, wird die Kritik ohnehin groß sein, gewisse Punkte könnten ihm aber zusätzlich auf die Füße fallen.