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Interview "Gesundes positives Denken hilft in Corona-Krise"

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Die Normalität stellt sich – nach den Lockerungen – nicht sofort wieder ein. Foto: Sauer

Freiburg - Seit Wochen stehen die Zeichen im Land auf Lockerung: Erst durften die Läden wieder aufmachen, dann die Gastronomie und nun auch wieder Kinos, Freibäder oder Theater. Die Grenzen im Schengen-Raum sind auch wieder offen.

Die Zeit nach der Corona-Krise scheint begonnen zu haben. Nur: Der große Ansturm der Menschen lässt vielfach noch auf sich warten. Das ist auch ganz normal, sagt im Gespräch mit unserer Zeitung der Ärztliche Direktor der Abteilung für Psychische Erkrankungen an der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Freiburger Uniklinik, Claas Lahmann.

Herr Professor Lahmann, die Corona-Einschränkungen fallen zunehmend weg. Aber noch scheint mancher nicht zu alten Gewohnheiten beim Ausgehen oder Einkaufen zurückzukehren. Kann man das erklären?

Das ist relativ einfach, unsere Psyche funktioniert wie der restliche Körper: Ein Schaden ist schnell gesetzt, beispielsweise wenn man hinfällt oder sich schneidet. Die Erholung danach dauert dann aber ein bisschen. Außerdem haben wir gelernt, auf Gefahren schnell zu reagieren. Das ist evolutionsbedingt sinnvoll. Früher, als noch der Bär vor der Höhle gelauert hat, hat eben derjenige eher überlebt, der vorsichtiger war. Im Grunde ist das heute auch so: Nur weil die Bremse gelockert wird, kommen wir nicht automatisch sofort wieder in Gang.

In den Randbereichen unseres Verhaltens kann man einerseits manchmal eine überzogene Vorsicht, aber auch einen maßlosen Leichtsinn beobachten. Wie passt das ins Bild?

Es ist schwierig für manche von uns, die innere Balance wie bei einer Wippe zu halten. Es erfordert Mühe und ist anstrengend, immer wieder neu auszutarieren, welches Maß an Vorsicht richtig ist. Man muss immer wieder nachjustieren und sich den eigenen Gefühlen und Äng­sten stellen. Da kann es unter Umständen leichter sein, sich in ein Extrem zu begeben: Verleugnung und Verdrängung einerseits, oder eben übertriebene Vorsicht andererseits bis hin zur Stigmatisierung von Betroffenen, wie man es beispielsweise beim Thema HIV schon gekannt hat. Das passiert bei Krankheiten häufig dann, wenn wir sie noch nicht so richtig verstanden haben, was sie auch beängstigend wirken lässt. Und Corona haben wir eben noch nicht ganz verstanden.

Die Verleugnung ist in manchen Ländern wie Brasilien ja quasi Staatsräson. Mit nicht absehbaren Folgen. Trotzdem jubeln die Menschen dort millionenfach ihrem Präsidenten zu. Wieso?

Ja, das erinnert fast an das Phänomen der Massenhysterie. Da wird es unter Umständen dankbar angenommen, wenn ein Politiker sagt: Seht her, es ist ja nicht so schlimm. Es ist wie bei dem Balance-Modell: Wenn man als pseudo-sorgloses Vorbild versucht, einem ganzen System die Angst vor etwas zu nehmen, ist es psychisch zunächst einmal entlastend.

Zu Beginn des Corona-Lockdowns wurden Krisentelefone für Menschen mit psychischen Erkrankungen eingerichtet. Hat Corona da besonders massive Auswirkungen gezeitigt?

Es ist diesbezüglich noch recht früh für eine Bilanz und belastbare Zahlen. Im deutschen Sprachraum wurden diese Hilfsangebote bisher recht zurückhaltend angenommen. Vermutlich ist das so, weil wir mehr Zeit zur Vorbereitung hatten als beispielsweise die Menschen in China. Erste Umfragen zeigen zwar, dass die psychische Belastung in der Bevölkerung angestiegen ist, ob dies aber auch für die Rate der psychischen Erkrankungen gilt, wissen wir noch nicht. Zum Glück sieht man bisher keinen Anstieg von Suizidalität. Das könnte sich aber ändern, wenn mehr Menschen ihre Arbeit verlieren. Frühere Untersuchungen haben da Zusammenhänge nachgewiesen. Das beobachten wir mit großer Wachsamkeit.

Was für eine innere Haltung ist denn hilfreich auf dem Weg aus der Krise? Sicher hilft es nicht, wenn man sagt: Habt euch mal nicht so, früher hatten es die Leute viel, viel schwerer, oder?

Nein, das ist in der Tat nicht hilfreich. Aufgezwungenes "positives Denken" ist in so einer Situation Käse. Die Balance wahrt man besser, wenn man eine Gefahr nicht verleugnet: Das Virus ist da, da kann man nichts machen. Dagegen sollte man nicht ankämpfen, man muss es akzeptieren. Die nötige Widerstandskraft kann man stärken, indem man seinen Alltag den Umständen anpasst und aktiv Dinge in den Alltag integriert, die das Leben in der Krise leichter machen: Bewegung einplanen, soziale Kontakte pflegen, zum Beispiel auch wieder mal Briefe schreiben. Es ist hilfreich, wenn man anerkennt: Das ist eine Situation, wie sie so noch nie da war. Und zugleich aber nicht übersieht, was man alles schon bewältigt hat, wo man jetzt schon Unterstützung erlebt, was man aus der Krise mitnehmen oder entwickeln kann. Das ist ein gesundes "positives Denken", das aus einem selber kommt.

Kann man zum heutigen Zeitpunkt schon abschätzen, wie lange unser Weg zurück dauern wird? Wann geht alles wieder seinen geregelten Gang?

Ich bin kein Zukunftsforscher, aber der geregelte Gang wird zumindest wohl nicht der alte Gang sein. Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch soll einmal gesagt haben, dass eine Krise ein produktiver Zustand ist, wenn man ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nimmt. Ich finde, das umreißt es ganz gut: Wir sind in einer Krise gelandet, aber nicht in einer völligen Katastrophe als Gesamtgesellschaft. Man sieht, wie viele Ressourcen wir haben. Ich bin da ganz guten Mutes, dass wir uns wieder einpendeln. Es dauert nur ein bisschen. Wie bei einem Stehaufmännchen.

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Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.

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