Seit vielen Jahren berichtet Martin Bernklau aus Gerichtssälen – auch für den Schwarzwälder Boten. Foto: Bernd Mutschler

Martin Bernklau berichtet als Journalist seit Jahrzehnten von Verhandlungen, auch im Kreis Calw. Ein Programm von Microsoft macht ihn im Internet darum zum Verbrecher.

Martin Bernklau ist Journalist, seit Jahrzehnten. Doch plötzlich kommt es darauf an, wen er fragt. Mitte Mai war es das Internet.

 

Damals, so erzählt es der Tübinger, stellt er erfreut fest, wie gut manche Artikel seines Kulturblogs www.cul-tu-re.de bei Google gerankt sind. Also will er sich bei anderen Suchmaschinen ebenfalls anschauen, wie weit oben sich die Artikel finden.

Bei Bing, der Suchmaschine von Microsoft, öffnet sich ein Fenster: Copilot. „Das probierst Du mal aus“, denkt sich der Journalist. Copilot ist ein Programm, das mithilfe künstlicher Intelligenz (KI) alles mögliche kreiert – in dem Fall sind es Antworten auf Fragen, die der Nutzer dem Programm in einem Chat stellt. Seine Informationen sucht es sich im Internet zusammen. Der Journalist gibt „Martin Bernklau Tübingen“ ein.

Er kann kaum glauben, was er im Chat über sich liest

Was er dann zu lesen bekommt, das kann er kaum glauben. Eine Antwort lautet, „ein 54-jähriger Mann namens Martin Bernklau aus Tübingen/Kreis Calw wurde in einem Missbrauchs-Fall gegen Kinder und Schutzbefohlene angeklagt. Er hat sich vor Gericht geständig, beschämt und reuig gezeigt.“

Bernklau ist entsetzt, aber fragt weiter nach. Und Copilot liefert Antworten. Mal ist er Kinderschänder, mal einer, der 2019 aus dem Zentrum für Psychiatrie in Calw-Hirsau ausgebrochen ist, mal der Brandstifter, der einen Hof in Bad Herrenalb-Neusatz angezündet hat. „Ich war überall der Täter“, sagt der Journalist.

Dabei sieht die Wahrheit anders aus: Martin Bernklau berichtet seit Jahrzehnten von Gerichtsverfahren. All diese Fälle hat er als Journalist begleitet und Artikel darüber geschrieben, viele davon für den Schwarzwälder Boten. Aus dem Berichterstatter macht die KI kurzerhand den Täter.

Der 65-Jährige ist nicht nur entsetzt angesichts der Unwahrheiten, sondern er wendet sich auch bald an den Landesdatenschutzbeauftragten, wie er im Rückblick erzählt. Acht Wochen lang habe er erst einmal gar nichts gehört. Daraufhin erstattet er schriftlich Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Tübingen. Und muss wieder warten. Sechs Wochen lang, erinnert er sich.

Staatsanwaltschaft lehnt die Anzeige ab

Dann habe die Staatsanwaltschaft die Anzeige abgelehnt. Das Problem: Es gibt keine Person, die für die üble Nachrede verantwortlich gemacht werden könnte. Doch nur menschliches Verhalten ist strafbar. Inzwischen hat auch die Generalstaatsanwaltschaft in Stuttgart die Anzeige in zweiter Instanz abgelehnt.

Wobei die inzwischen monatelang dauernde „üble Nachrede“ für den Journalisten ohnehin ein „etwas blasser juristischer Begriff“ ist. Eher handelt es sich doch um einen formidablen Rufmord, meint Bernklau.

Datenschützer erzielen einen kurzzeitigen Erfolg

Etwa 70 Screenshots mit Antworten von Copilot hat er gespeichert. Mit der Zeit werden sie immer abstruser. Im Internet sammelt die KI ihre Informationen – und schafft dabei Zusammenhänge, die es gar nicht gibt. So sei er auch als Bestatter in Rostock bezeichnet worden, der trauernde Frauen ausgenommen hat. Bernklau kann nur vermuten, wie die KI darauf gekommen ist: In einem seiner Artikel ging es um einen Rastatter, der vor Gericht stand. Aus dem Rastatter wurde ein Bestatter, aus Rastatt Rostock. Und weil die KI den Journalisten eh schon mit vielen Verbrechen in Verbindung gebracht hatte, war er auch in diesem Fall der Straftäter.

Hinweis auf mögliche Fehler ist schwacher Trost

Der kleine Hinweis unter dem Chatfenster „KI-generierte Informationen könnten fehlerhaft sein, ist da nur ein schwacher Trost. Denn: Was Martin Bernklau lesen kann, kann jeder Internetnutzer aufgetischt bekommen. Besonders schlimm: Die KI liefert seine vollständige Adresse, und – als Krönung des Ganzen – kennzeichnet sein Wohnhaus auch noch mit einer Markierung in der Straßenkarte.

Microsoft bezeichnet Copilot als „Ihren alltäglichen KI-Begleiter“. Bernklau wünschte sich, er wäre ihn los. Doch so einfach ist es nicht.

Irgendwann melden sich dann doch die Datenschützer aus Stuttgart bei ihm. Sie haben den Fall an ihre bayerischen Kollegen übergeben. Diese nehmen Kontakt mit Microsoft auf und schaffen es, dass das Unternehmen versichert, die Daten gelöscht zu haben. Diese Löschung, sagt Bernklau, habe drei Tage gewirkt. Danach liefert Copilot wieder Antworten.

Journalist Martin Bernklau Foto: Bernklau

Mitte August geht Martin Bernklau an die Öffentlichkeit, weil er sich nicht anders zu helfen weiß: Der SWR berichtet im Fernsehen über seinen Fall. Sogar die frühere Justizministern Herta Däubler-Gmelin, die der Tübinger bei einem Konzert trifft, bietet ihm ihre Hilfe an. Zudem nimmt er sich eine Anwältin, die eine Forderung einer Unterlassungserklärung an Microsoft, das einen Sitz in Dublin hat, schickt. Noch wartet Martin Bernklau auf eine Antwort.

Seine Anwältin habe gemeint: „Der Fall wird Rechtsgeschichte schreiben.“ Für den Journalisten ist auch das ein schwacher Trost. Doch sie könnte Recht behalten. Denn er hat festgestellt, dass auch ChatGPT – ein KI-Programm von OpenAI – aus ihm einen verurteilten Straftäter macht. Gleichzeitig aber auch den Chefredakteur der Stuttgarter Zeitung. Lachen kann Martin Bernklau darüber nicht mehr.

Selbst der Vorsitzende Richter wird zum Täter

Außerdem hat er bei Copilot versuchsweise einmal den Namen des Vorsitzenden Richters am Landgericht Tübingen eingegeben. Was dann passiert ist? Der wurde in den Antworten der künstlichen Intelligenz ebenfalls zum Straftäter.

Ein US-IT-Magazin, „The Register“, hat den Fall inzwischen ebenfalls aufgegriffen und Microsoft am Hauptsitz in den USA mit der Causa Bernklau sowie mit der Tatsache, dass auch der Richter Opfer der KI wurde, konfrontiert. Ein Unternehmenssprecher sagte daraufhin laut „The Register“, man habe „angemessene und sofortige Maßnahmen getroffen“. Im Fall von Martin Bernklau bedeutet das, dass Copilot – zumindest bei der simplen Eingabe seines Namens und Wohnorts – nun antwortet: „Entschuldigung! Meine Schuld, ich kann darauf keine Antwort geben. Womit kann ich sonst helfen?“

Doch Martin Bernklau und der Richter sind nur zwei Personen, die ihres Berufs wegen Opfer der KI wurden. Für Ersteren zeigt dies: „Das kann alle treffen.“