Das interne Jobforum soll sich um Mitarbeiter kümmern, deren Stelle wegfällt. Ein Teil von ihnen sieht darin ein Druckmittel, damit sie gehen.
Stuttgart - Gunter Rabe hat sein ganzes Berufsleben bei Daimler verbracht. Während seines Studiums absolvierte er Praktika, später fing er als Ingenieur an und arbeitete sich hoch bis zum Abteilungsleiter. Mit seiner Bezeichnung als E3er kann Rabe, der eigentlich anders heißt, jedem beweisen, dass er es im Leben zu etwas gebracht hat. Die Kämpfe um Budgets und die Gunst des Chefs, eines leibhaftigen E2ers, trübten seine Lebensfreude zwar etwas, doch mit zunehmendem Alter wuchs seine Gelassenheit. Was sollte ihm schon groß passieren.
Verbrenner-Leute als Relikte
Doch seit zwei Jahren bekommt er es mit der Angst zu tun. Schon unter Vorstandschef Dieter Zetsche hatte der Konzern immer wieder angekündigt, auf die Elektromobilität zu setzen, doch wirklich Umwälzendes war danach nicht geschehen. Unter seinem Nachfolger Ola Källenius gibt es nun keine Kompromisse mehr. „Electric first“, das ist eine Ansage, die keinen Spielraum mehr lässt für Verhandlungen, Interpretationen und Verzögerungstaktiken, mit denen sie bei Daimler jahrelang ihre Komfortzone verteidigten. Die Ansage gilt nicht nur für die Techniker, die neue Modelle nun als Elektroautos entwickeln und sie dann – wenn überhaupt – für Verbrennungsmotoren ummodeln. Sie gilt auch für die Personalpolitik.
Die Verbrenner-Leute, die mehr als 100 Jahre das alleinige Sagen hatten, sehen sich nun als Relikte einer untergehenden Epoche. Angesagt sind bei Daimler nun diejenigen, die die E-Mobilität voranbringen und lange belächelt wurden. „Mit unserer Strategie Ambition 2039 bekennen wir uns ganz klar zu einer CO2-neutralen Zukunft, was die Mobilität betrifft“, sagt Källenius.
Druck auf Beschäftigte
Auf weit mehr als 15 000 Mitarbeiter will Daimler verzichten, wegen der E-Mobilität und allgemeiner Sparmaßnahmen. Wehe denjenigen, die die angebotene Abfindung verschmähen. In einem vertraulichen Gesprächsleitfaden, den unsere Zeitung im vergangenen Jahr publik machte, wurde Führungskräften nahegelegt, Mitarbeiter unter Druck zu setzen, um deren Unterschrift unter einen Aufhebungsvertrag zu erreichen. Man solle unwilligen Mitarbeitern sagen, dass sich „alles für dich verändert“, hieß es. Die Führungskraft solle erwähnen, dass eine Weigerung Auswirkungen auf Gespräche zur Leistungsbeurteilung habe, und auf keinen Fall Verhandlungsbereitschaft signalisieren. Nach Bekanntwerden zog Daimler das Papier zurück – doch das Problem blieb.
Damit nicht so viele Beschäftigte gehen müssen, will Daimler freie Stellen bevorzugt mit Mitarbeitern besetzen, deren Jobs wegfallen. Zu diesem Zweck hat man eine interne Plattform eingerichtet, die bis zu Ebene E4 hin Jobforum genannt und ähnlich auch für höhere Führungskräfte betrieben wird.
Makabre interne Bezeichnung
Nicht alle Beschäftigten sehen die Vermittlungsversuche als Ausdruck von Wertschätzung. Sie sind in dem Verfahren zunächst Schachfiguren, die vom Chef auf eine Liste der Mitarbeiter gesetzt werden, die er nicht mehr braucht. Auch wenn intern betont wird, es handle sich keineswegs um eine Ansammlung von Problemfällen – die Beschäftigten sitzen in einer Art virtuellem Wartezimmer und schauen, ob der „Runde Tisch“ aus Personalabteilung und Betriebsrat etwas Passendes für sie findet. Allerdings übersteigt die Zahl der abzubauenden Stellen die der frei werdenden Jobs um ein Vielfaches. Intern kursiert für das Forum bereits die makabre Bezeichnung „Sterbezimmer“.
Kommt es doch zum „Auswahlgespräch“ mit einem potenziellen neuen Chef, ist das Machtgefälle riesig. Durch die Wartezeit und die unsicheren Perspektiven zermürbt, müssten die Beschäftigten beteuern, alten Denkweisen abgeschworen zu haben, sagt Rabe. Über ihnen schwebe das Damoklesschwert, nach einem solchen Gespräch als „veränderungsresistent“ abgestempelt zu werden. Der Zwang zur Konformität erinnere an die Zeit unter Ex-Chef Jürgen Schrempp. Dessen „Hochzeit im Himmel“ mit Chrysler sei einst ähnlich wie heute der Marsch in die Elektromobilität als alternativlos richtiger Weg in die Zukunft angepriesen worden. Diesen habe man bedingungslos gutzuheißen.
Anwalt: Manche sollen weichgekocht werden
Seit vielen Jahren berät der Stuttgarter Anwalt Stefan Nägele Daimler-Führungskräfte in arbeitsrechtlichen Auseinandersetzungen. Zu den Streitpunkten gehört nun auch die Arbeit des Jobforums, gegen das er bereits mehrere Klagen beim Arbeitsgericht Stuttgart eingereicht hat. Weitere sind in Arbeit. Das Ziel des Stellenabbaus sei zwar nachvollziehbar, dennoch hätten die Mitarbeiter Anspruch auf eine „vertragsgerechte Beschäftigung“. In manchen Fällen suche der Konzern sehr konstruktiv nach passenden Tätigkeiten, manchmal aber nutze er die Vermittlung eindeutig als Mittel, um die Führungskräfte weichzukochen.
Nägele berichtet von einem Abteilungsleiter, der bislang 50 Mitarbeiter und die Verantwortung für ein Budget von mehreren Millionen Euro hat. Man wolle ihn auf eine Stelle setzen, bei der er weder Mitarbeiter noch ein Budget oder gar Entscheidungskompetenzen habe. „Manchmal erhalten Abteilungsleiter dann den Auftrag, Powerpoint-Präsentation zu erstellen, die zuvor durch Beschäftigte aus wesentlich niedrigeren Stufen angefertigt worden waren.“
Wegfall der Phantomaktien schmerzt doppelt
Angesichts der verbreiteten Arbeit im Homeoffice falle eine unterwertige Tätigkeit derzeit gar nicht so auf, doch das werde sich ändern, wenn wieder verstärkt in Präsenz gearbeitet wird, sagt Nägele. „Dann zeigt sich, dass die einen alle Hände voll zu tun haben und in der Kantine über ihre Erfolge berichten können, während die anderen still danebensitzen und nichts mehr zu berichten haben.“
Bei höheren Führungskräften könne auch der weitgehende Wegfall der sogenannten Phantomaktien schmerzhafte Folgen haben, nicht nur in finanzieller Hinsicht, sagt der Anwalt. Sie werden zusätzlich zum Gehalt gewährt, das einschließlich Bonus bei E3ern um die 120 000 bis 140 000 Euro ausmacht, und erhöhen die Vergütung um rund 20 000 Euro pro Jahr. Mit ihnen sollen diese Führungskräfte an der längerfristigen Entwicklung des Aktienkurses beteiligt werden. Fallen sie weg oder werden stark gekürzt, signalisiere das Unternehmen den Betroffenen zugleich, dass man sie nicht mehr als Leistungsträger für den künftigen Erfolg des Unternehmens ansehe.
Versetzungen sind ein starkes Druckmittel
Geschickt spielt Daimler gegenüber Beschäftigten, die man versetzen will, die Möglichkeiten des Arbeitsrechts aus. „Versetzungen sind ein starkes Druckmittel in der Hand des Arbeitgebers“, sagt der Stuttgarter Arbeitsrechtler Frank Hahn, der ebenfalls Daimler-Beschäftigte vor Gericht vertritt. Denn selbst wenn die Beschäftigten die Versetzung für unzulässig hielten, könnten sie sich dieser nicht verweigern, weil der Arbeitgeber ansonsten seinerseits die Gehaltszahlung einstellen könne.
Es dauere rund 15 Monate, bis rechtskräftig entschieden sei, ob die Versetzung unwirksam war und das Gehalt nachgezahlt werden muss. „Diese lange Ungewissheit hält niemand aus“, sagt Hahn. Faktisch seien Beschäftigte gezwungen, eine Versetzung unter Vorbehalt anzunehmen, egal, ob sie sich am Ende als zulässig erweist oder nicht. So könne Daimler Fakten schaffen und die Beschäftigten schon vor einer gerichtlichen Entscheidung weit entfernt von ihrer bisherigen Tätigkeit einsetzen, selbst wenn sich das später als nicht zulässig erweise.
Eine Klage, sagt Nägele, mache zudem meist alle Chancen zunichte, doch noch einen angemessenen Job angeboten zu bekommen. Er rate daher „allen, die bleiben wollen, von einer Klage ab. Sie ist nur etwas für diejenigen, die mit Daimler abgeschlossen haben und eine höhere Abfindung heraushandeln wollen.“ Daher sei nicht zu erwarten, dass sich die Klagen zu einem Massenphänomen entwickeln. „Die allermeisten werden auf den Gang zum Gericht verzichten und sich fügen.“
Daimler erklärt, das Jobforum sei eine gemeinsam mit dem Gesamtbetriebsrat initiierte interne Plattform. Sie unterstütze bei den erforderlichen Personalveränderungen und helfe Beschäftigten und Unternehmen, tragfähige Lösungen zu finden. Nach ergebnisloser Vermittlung kehrten die Beschäftigten in ihre alten Teams zurück.