Die Frecciarossa-Züge sind ein beliebte Fotomotive. Foto: AFP

Erstmals soll es schnelle Direktverbindungen mit dem italienischen Superzug Frecciarossa ab München bis nach Rom geben.

Es soll ein weiterer Meilenstein im wachsenden internationalen Fernverkehr auf der Schiene werden. Für kommenden Mittwoch hat die Deutsche Bahn AG zu einer Pressekonferenz in München eingeladen. DB-Vorstand Michael Peterson wird mit Gianpiero Strisciuglio, Chef von Trenitalia, sowie ÖBB-Vorständin Sabine Stock eine erfreuliche Kooperation für Reisende ankündigen, die gerne Richtung Süden und Mittelmeer nachhaltig unterwegs sind.

 

Die drei Staatsbahnen starten eine neue Allianz zum Ausbau der Bahnverbindungen nach Italien – und erstmals soll dabei auch der italienische Superzug Frecciarossa ab Ende 2026 direkt bis nach Deutschland fahren. Es ist ein bedeutender Schritt beim angestrebten Zusammenrücken Europas auf der Schiene. Deshalb werden beim Pressetermin auch EU-Verkehrskommissar Apostolos Tzitzikostas per Videobotschaft und Bayerns Verkehrsminister Christian Bernreiter dabei sein.

Die Fahrt zwischen Paris und Berlin ist stark nachgefragt

„Um dem internationalen Fernverkehr weiteren Schub zu geben, gehen wir gezielt neue Kooperationen ein“, kündigte Marco Kampp, Leiter internationaler Fernverkehr bei der DB, bereits in früheren Gesprächen mit unserer Redaktion an. Ein Vorbild dabei ist der erfolgreiche Ausbau der Zugverbindungen nach Frankreich mit der dortigen Staatsbahn SNCF. Die langjährige Allianz wurde zuletzt durch eine neue Direktverbindung Berlin–Paris ergänzt. Die achtstündige Fahrt zwischen den beiden Hauptstädten sei stark gefragt, heißt es bei der DB.

Kampp hofft auf ähnlichen Erfolg beim Fernverkehr nach Italien, der ebenfalls kräftig wächst. „Auf den Zugverbindungen über Österreich ist die Nachfrage seit 2019 um rund 20 Prozent angestiegen“, berichtet der Manager, der als früherer Geschäftsführer der DB Bahn Italia und Leiter für Südeuropa das Geschäft bestens kennt.

Wer früh Glück hat, ergattert Tickets zum „Super Sparpreis Europa“

Bisher fahren täglich sechs Zugpaare zwischen Deutschland und Italien hin und her, fünf davon in Kooperation mit den Österreichischen Bundesbahnen zwischen München sowie Verona (Fahrtzeit 5,5 Stunden), Bologna (knapp 7 Stunden) und Venedig (7 Stunden). Ein weiteres Zugpaar verkehrt in knapp acht Stunden zwischen Frankfurt und Mailand über Basel, dabei arbeitet die DB mit den Schweizerischen Bundesbahnen und Trenitalia zusammen. Im Sommerhalbjahr werden bis Oktober einige Linien bis Rimini und Ancona verlängert.

Seit Anfang April sind Reisende ab München bereits bequemer gen Süden unterwegs. Denn auf der Hauptstrecke über Innsbruck, Bozen und Verona bis Bologna kommen nun die ersten acht der insgesamt 27 neuen Railjet-Züge zum Einsatz, die von der ÖBB für den Ausbau des internationalen Verkehrs bestellt wurden. „Die Bahnfahrt über den Brenner wird damit noch attraktiver“, verspricht ÖBB-Chef Andreas Matthä. Die 230 Stundenkilometer schnellen und 238 Meter langen Reisezüge bestehen aus neun Wagen, die meisten davon mit bequemem Niederflureinstieg, haben 532 Sitzplätze und ein Bordrestaurant. Wer früh bucht und Glück hat, kann Tickets zum „Super Sparpreis Europa“ bereits ab 19,90 Euro erhalten.

Italiener sind begeisterte Verfechter des internationalen Verkehrs

Bisher sind auf der Brenner-Strecke täglich noch recht betagte, weniger komfortable und oft sehr volle Eurocity-Züge unterwegs, die nach und nach ausgetauscht werden sollen. DB und ÖBB fahren die Züge zwischen Deutschland und Italien bereits seit 2010 in Kooperation, damals drohte den Direktverbindungen das Aus, weil Trenitalia das Interesse daran verloren hatte. In Italien kam dann als Ersatz ein Dienstleister für den Zugbetrieb mit an Bord, an dem Unternehmen Trenord ist die Staatsbahn inzwischen beteiligt.

Die Italiener sind mittlerweile begeisterte Verfechter des internationalen Verkehrs. Europas Bahnanbieter müssten viel mehr kooperieren und gemeinsame Projekte entwickeln für schnellere und häufigere Bahnverbindungen zwischen den größten Städten auf dem Kontinent, forderte Stefano Antonio Donnarumma, seit knapp einem Jahr Vorstandschef der staatlichen Bahnholding Ferrovie dello Stato Italiane, jüngst in der Financial Times. Dafür sollten Wettbewerber ihr Personal und ihre Werke auch mal gemeinsam nutzen.

Internationaler Bahnverkehr bleibt weiterhin herausfordernd.

Solche Allianzen für attraktivere Bahnangebote wünscht sich auch die EU-Kommission, die zehn Pilotprojekte für wichtigen grenzüberschreitenden Zugverkehr in Europa definiert hat und unterstützen will. Das soll zum sehr hochgesteckten Ziel beitragen, die Fahrgastzahlen in der Union bis 2030 zu verdoppeln und bis 2050 zu verdreifachen. Zu den zehn Projekten für neue und bessere Tag- und Nachtzugverbindungen gehört auch die Strecke zwischen München, Mailand und Rom.

Internationaler Bahnverkehr bleibt wegen der unterschiedlichen nationalen Systeme weiterhin sehr anspruchsvoll und herausfordernd. Zumal die Anbieter seit der Liberalisierung der EU-Märkte in teils hartem Wettbewerb stehen und die Staatsbahnen als frühere Monopolisten und Platzhirsche erst mal daran interessiert sind, ihre angestammten Reviere zu verteidigen. Im Fernverkehr ist echte Konkurrenz noch sehr überschaubar, zumal über Grenzen hinweg. Denn um mit den nationalen Spezifika klarzukommen, braucht es teure Züge, viele Genehmigungen und versiertes mehrsprachiges Personal. Das geht in Kooperation besser, schneller und kostengünstiger als solo und in Konkurrenz. Im Hochgeschwindigkeitsverkehr zwischen Deutschland und Frankreich setzen DB und SNCF seit Jahren gemischte multinationale Teams ein. Die Lokführer an Bord von ICE und TGV dürfen in beiden Ländern im Cockpit sitzen, ein Wechsel an der Grenze ist nicht mehr nötig. So fahren deutsche Zugkapitäne bis nach Paris und französische bis nach Stuttgart.

Einsatz des ICE im Kooperationsverkehr gen Italien ist nicht geplant

Ähnlich soll auch die neue Kooperation auf der Brenner-Achse laufen. „Geplant ist, dass deutsche und österreichische Lokführer den Frecciarossa fahren und dafür geschult werden“, sagte ein DB-Sprecher unserer Redaktion.

Ein Einsatz des ICE im Kooperationsverkehr gen Italien ist dagegen nicht geplant, wie zu hören ist. Für die Fahrt nach Rom bräuchte der DB-Zug auch erst einmal die nötige Zulassung. Die Italiener haben inzwischen viel Erfahrung mit Konkurrenz auch über Grenzen hinweg. Bereits seit 2012 steht Trenitalia daheim in Wettbewerb mit Italo (früher NTV), ein von reichen Industriellen gegründetes Unternehmen, das eine neue Flotte für die Highspeed-Pisten Italiens beschaffte und damit den Markt kräftig aufmischte.

Auf der vielbefahrenen Hauptlinie Paris–Lyon–Mailand rangelt die Tochterfirma Trenitalia France um Kunden mit Frankreichs Staatsbahn SNCF. Auf Spaniens Schnellstrecken wiederum ist Trenitalia mit einem Konsortium und seinen Frecciarossa gegen die AVE-Züge der Staatsbahn Renfe sowie die Angebote des SNCF-Ablegers Ouigo angetreten. Der Wettbewerb führt regelmäßig zu mehr und besserer Auswahl für die Fahrgäste – und zu deutlich günstigeren Tickets auf den Highspeed-Strecken.

Preisvorteile für die Bahnreisenden

So halbierten sich zwischen Madrid und Barcelona fast die Fahrpreise in nur drei Jahren. In Italien zahlten Fahrgäste nach dem Start von Italo fast ein Drittel weniger als zuvor. Als Folge stiegen viele Flugreisende in die schnellen, umweltschonenderen Züge um. Auf der Rennstrecke Mailand-Rom, für die Frecchiarossa und Italo kaum noch drei Stunden brauchen, halbierte sich der Marktanteil des Flugverkehrs in wenigen Jahren - zum Nutzen des Klimaschutzes.

Solche Preisvorteile für die Kunden sind im Bahnverkehr zwischen Deutschland und Italien allerdings vorerst nicht zu erwarten. Die verstärkte Allianz der Staatsbahnen wird im Gegenteil den Preiskampf verhindern. Der 55 km lange Brennerbasistunnel zwischen Innsbruck und Franzensfeste, der 2032 fertig sein soll, wird jedoch mehr Kapazität und Tempo auf der zentralen Eisenbahnachse zwischen Berlin und Palermo ermöglichen. Das könnte neue Anbieter locken – und dann würden die Karten neu gemischt.