Das Kloster St. Blasien war eine Benediktinerabtei. Seit 1934 beherbergen die Gebäude das Kolleg. Foto: dpa/Patrick Seeger

Der Leiter ein zum Jesuiten konvertierter Investmentbanker, unter den Schülern der Sohn eines Regimekritikers: Das Kolleg in St. Blasien im Schwarzwald ist eine ungewöhnliche Schule mit Sechs-Tage-Woche.

Als Alexei Nawalny zum Stift greift, befindet er sich schon in dem sibirischen Straflager, in dem er kurz darauf, im Februar 2024, zu Tode kommt. Er entschuldigt sich für seine „armselige Handschrift“ an diesem „untertechnisierten Platz“. Doch der Brief an das Kolleg in St. Blasien ist ihm ein Anliegen. In Ibach , wenige Kilometer entfernt, hatte sich der russische Regimekritiker im Herbst 2020 von den Folgen eines Giftanschlags erholt, bevor er nach Russland zurückkehrte. Sein damals 13-jähriger Sohn war auch dabei – und langweilte sich abgrundtief. Den ganzen Tag habe er Computer gespielt, erinnert sich Nawalny in dem Brief. Doch dann habe er Aufnahme im Kolleg gefunden – und „kostbare Gaben“ mitbekommen, schreibt der Vater.

 

Pater Hans-Martin Rieder hat den Brief, der nur wenige Wochen vor Nawalnys Tod bei ihm eingegangen ist, im aktuellen Jahresbericht seiner Schule abgedruckt. Darin beschreibt der unerschrockene Regimegegner auch, dass seine Frau und er beim ersten Vorstellungsgespräch in der Klosterschule doch ein wenig nervös gewesen seien. „Es ist schließlich eine katholische Schule!“, hätten sie sich gesagt. Das Schreiben habe ihn tief berührt, sagt Rieder, der das Kolleg seit fünf Jahren leitet.

Der Pater kann Controlling

Die katholische Kirche ist in der Krise. Jährlich kehren ihr Zehntausende den Rücken. Doch das Internat der Jesuiten, gegründet vor 90 Jahren in einem zuvor als Fabrik genutzten einstigen Kloster im tiefsten Südschwarzwald, erfreut sich bleibender Beliebtheit.

Pater Hans-Martin Rieder leitet das Kolleg seit fünf Jahren. Foto: Jigal Fichtner/ 

Rieder war einst Investmentbanker bei der Bayerischen Hypovereinsbank. Als sie wegen der Finanzkrise Personal abbaute, ließ er sich abfinden und schloss sich den Jesuiten an. Schon als Kind und Jugendlicher in Niederbayern hatte er sich für den Glauben interessiert, „aber ich fand es unglaublich schwierig, diese Entscheidung zu treffen. Ich wollte nicht alleine in einem Pfarrhaus herumhocken.“ Nun aber fügte es sich. 

Seine Kenntnisse beim Controlling kommen ihm jetzt zugute. Gerade baut das Kolleg für 15 Millionen Euro einen neuen naturwissenschaftlichen Gebäudetrakt. Gut die Hälfte finanziert das Erzbistum. Während die evangelische Landeskirche ihr Internat in Gaienhofen am Bodensee schon vor Jahren geschlossen hat, hat die katholische Kirche begriffen, dass sie hier noch Menschen prägen kann.

Schule mit Sechs-Tage-Woche

Knapp 250 Schüler wohnen und lernen in St. Blasien, weitere 600 kommen täglich aus der näheren Umgebung hinzu und nehmen teils lange Busfahrten in Kauf. Selbst samstags fahren hier die Schulbusse. Am Kolleg gilt eine Sechs-Tage-Woche. „Dadurch ist nachmittags Zeit für die Arbeitsgemeinschaften“, sagt Rieder. Insgesamt gibt es 50 verschiedene Angebote von der Kunstwerkstatt über die Aquariumgruppe bis zur Theater-AG. In der Mehrzweckhalle sind die Proben für das Pfingstmusical „Oliver Twist“ angelaufen, dem Höhepunkt im Kollegsjahr.

Das Jesuitenkolleg umgibt den Dom. Foto: dpa/Patrick Seeger

St. Blasien ist ein besonderer Ort, der ganz anders ist als das, was Jugendliche sonst anzieht. Eigentlich gibt es hier nichts außer dem riesigen Dom, der wie ein Ufo zwischen den Schwarzwaldgipfeln steht. Mit einem Durchmesser von 30 Metern verfügt er über die größte Kirchenkuppel nördlich der Alpen. Drumherum erstreckt sich das Kloster in schier endlosen Gängen: der Abtsflügel mit seinen Marmorböden, der Mönchsflügel mit dem Holzparkett. Einst stand in St. Blasien eines der reichsten Klöster Mitteleuropas. 1806 wurde es vom badischen Staat konfisziert – mitsamt der Rothaus-Brauerei.

„Wir sind eine katholische Schule“, sagt Pater Rieder. Natürlich werden auch evangelische Schüler aufgenommen. Und seit vielen Jahren ist das Kolleg bei chinesischen Eltern beliebt. Zum Sonntagsgottesdienst kommen alle Internatsschüler. „Die Teilnahme ist nicht verpflichtend, aber obligatorisch“, sagt Rieder und lächelt. Wo der Unterschied liegt, ist sein Geheimnis.


Nichts für kleine Geldbeutel

Alle könnten aus den Gottesdiensten etwas mitnehmen, ist der Kollegsdirektor sicher. „Wir erwarten keinen Glauben, aber Respekt und Offenheit gegenüber der Frage nach Gott.“ Dass die Schüler dies akzeptieren, zeigt sich sogar an ihrer Kleidung. Die Jungen kommen in Anzügen oder im Sakko in den Dom, die Mädchen tragen Kleider. Seit 1989 gibt es auch für sie ein Internat am Kolleg. „Wir haben inzwischen sogar eine kleine Warteliste.“ Dabei ist das Internat nicht gerade billig. Rund 31 000 Euro kostet ein Platz für Vollzahler im Jahr. Etwa ein Drittel entfällt auf Stipendien, die allerdings nur Teile der Kosten abdecken. Die Hälfte der Internatsschüler rekrutiere sich aus dem Nachwuchs der Altschülerschaft, die sich noch Jahrzehnte später dem Haus verbunden fühle. Doch aufgenommen würden nur Mädchen und Jungen, die das auch selbst wollten. „Es muss uns hier allen gut gehen“, sagt Rieder, der drei eherne Gesetze aufgestellt hat: „Keine Drogen, kein Sex, kein Feuer.“

Auch Nawalnys Sohn entschied sich selbst für den Besuch des Kollegs. Von Computerspielen hatte er genug. Als er kam, konnte er kein Wort Deutsch, als er zwei Jahre später wieder ging, war er zu einem „jungen deutschen Mann aus St. Blasiens katholischer Schule“ gereift. Das sei für ihn das „wertvollste Geschenk“ gewesen, schrieb Nawalny.