Christine Ritzi, Integrationsbeauftragte der Gemeinde Tuningen, verrät, welche Herausforderungen sie in ihrer Arbeit zu bewältigen hat und welche Momente sie besonders bewegt haben. Foto: Zepf

Geflüchtete ankommen lassen, Perspektiven schaffen, Krisen meistern – die Tuninger Integrationsbeauftragte Christine Ritzi erzählt, wie Integration funktioniert und wo es noch hakt.

Seit einigen Jahren ist Christine Ritzi bereits Integrationsbeauftragte der Gemeinde Tuningen und begleitet geflüchtete Menschen und Familien mit Migrationshintergrund beim Ankommen und Einleben. Im Interview spricht die Sozialarbeiterin über ihre persönliche Motivation, die Herausforderungen der vergangenen Krisenjahre und darüber, was Integration im Begegnungszentrum e5 gelingen lässt.

 

Frau Ritzi, Sie sind seit 2017 Integrationsbeauftragte der Gemeinde Tuningen. Was hat Sie persönlich motiviert, dieses Amt zu übernehmen?

Mein Beruf ist Sozialarbeiterin und ich bin Christin. Meine Hauptmotivation ist mein Glaube an Gott. Und mein Leitvers ist, „was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“, das sagte Jesus in Matthäus 25:40. Das ist, was mich in meinem Leben als Mensch und als Sozialarbeiterin antreibt und warum ich mich damals für die Stelle beworben habe. Und natürlich eine besondere Liebe für die Menschen, die am Rande unserer Gesellschaft stehen, für sie einzutreten und sie zu begleiten ist für mich ein besonderes Privileg.

Welche Hauptziele verfolgen Sie in Ihrer Arbeit als Integrationsbeauftragte?

Also erstmal bin ich als Integrationsbeauftragte die Ansprechperson für geflüchtete Menschen, für Menschen mit Migrationshintergrund, aber auch für die Vereine, für Schulen, Kindergärten und so weiter. Dies ist wichtig, damit die Kommunikation und Interaktion gut funktioniert und wir hier im Ort gut vernetzt Hand in Hand arbeiten. Und mein Hauptziel ist es, dass ich mit Menschen, die hier ankommen, eine Perspektive entwickle und sie auf diesem Weg begleite.

Nach fast zehn Jahren Integrationsarbeit in Tuningen: Welche Ziele haben Sie bereits erreicht?

Rückblickend kann ich sagen, dass wir, gemeinsam mit dem Helferkreis und den Menschen, die geflüchtet sind, schon unglaublich viele Momente hatten, wo wir uns richtig freuen konnten. Da denke ich an bestandene Sprachprüfungen, an unterschriebene Arbeitsverträge oder eine Einbürgerung.

Ist Ihnen aus Ihren Erfahrungen eine Geschichte in Erinnerungen geblieben? Etwas, dass Sie besonders bewegt hat?

Das war die erste große Familie – zwei Frauen mit insgesamt neun Kindern. Das waren die ersten Ukrainer, die hier angekommen sind. Innerhalb von zwei Tagen haben wir – der Helferkreis und andere helfende Menschen – ein komplettes Haus eingerichtet. „Der ganze Ort“ hat geholfen, dass der Familie in dieser schweren Situation das Ankommen wenigstens ein bisschen erleichtert wurde.

Blicken wir auf die aktuelle Situation: Im besonderen Fokus Ihrer Arbeit stehen dann wahrscheinlich gerade die Geflüchteten aus der Ukraine, oder?

Die Menschen, die am kürzesten da sind, brauchen noch am meisten Hilfe von mir. Zuletzt sind Menschen aus der Ukraine, aus der Türkei und aus Afghanistan in Tuningen angekommen. Hilfe brauchen Menschen beispielsweise mit einem Sprachkurs, mit Anträgen oder beim Arbeit suchen, aber natürlich auch die Familien, die Kinder haben. Sie brauchen mehr Unterstützung in ihren Belangen. Aber grundsätzlich bin ich für alle da.

Woran merkt man im Alltag in Tuningen, dass Integration gelingt?

Ich finde, es ist ein gutes Zeichen, wenn sie Erfolge in der Schule erleben, eine Ausbildung machen und in der Berufswelt gut angekommen sind.

Dieses Jahr haben wir wieder das Fest im Dorf, das hatten wir 2023 schon mal. Geflüchtete haben sich in irgendeiner Form dort eingebracht, in der Spülküche, beim Waffelbacken oder im Verkauf und das finde ich ein schönes Zeichen davon, dass EU-Integration gut gelingt.

Die Geflüchteten wollen auch im Gemeinwesen aktiv sein, oft fehlt ihnen allerdings der Weg dorthin – sie brauchen immer Brückenmenschen, die ihnen sagen, hier könnt ihr helfen, hier könnt ihr unterstützen. Das versuche ich und der Helferkreis zu sein.

Christine Ritzi macht das Begegnungszentrum e5 zu einer Anlaufstelle für alle – auch für die Kreativität von Grundschulkindern, die sich dort zum Malen, Basteln und Lernen treffen. Foto: Anna-Sophie Zepf

Und wo gelingt sie noch nicht?

Es gibt immer wieder Einzelfälle, bei denen der Spracherwerb sehr zäh ist, da merke ich, dass sie sich unglaublich schwertun, Deutsch zu lernen. Von außen ist es einfach zu sagen, die sind träge und faul. Aber ich kenne natürlich die Geschichten dahinter: Manche sind einfach nicht sprachbegabt, manche haben wirklich sehr schlimme Traumata erlebt und ja, manche brauchen einfach länger. Ich versuche dann dranzubleiben, auf die Sprachkurse im e5 zu verweisen und ich sehe auch, dass manche ohne gute Deutschkenntnisse gut zurechtkommen.

Was sind darüber hinaus die größten Herausforderungen in der Integrationsarbeit in Tuningen?

Seit dem Ukraine-Krieg haben sich meine Klientenzahlen mehr als verdreifacht und es fällt mir schwer, alle im Blick zu behalten. Aber ich hake immer wieder nach, weil ich natürlich weiß, dass viele mit psychischen Problemen zu kämpfen haben und es auch einige gibt, die sich einsam fühlen. Ich sage zum Beispiel: „Lass uns im e5 doch wieder einmal Kaffee trinken“. Ich glaube, das ist meine größte Herausforderung, die Menschen im Blick zu behalten und zu sehen, welcher nächste Schritt jetzt wichtig ist und in welche Richtung wir gemeinsam gehen müssen.

Ihre bisherige Amtszeit war von vielen Krisen und Kriegen geprägt. Inwiefern haben die Krisen Ihre Arbeit beeinflusst?

Durch Corona und aber auch durch den Krieg in der Ukraine habe ich gemerkt, dass wir hier ein gutes Netzwerk haben und dieses auch brauchen. In Corona-Zeiten hatten wir Kinder, die zu Hause beschult wurden und viele Ehrenamtliche, die das für die Flüchtlingskinder übernommen haben.

Der Ukraine-Krieg hat noch mal bewiesen, dass wir vor Ort wirklich sehr stark sind, dass wir einen guten Helferkreis und ein gutes Gemeinwesen haben, die, wenn es darauf ankommt, zusammenstehen und auch Krisen und Herausforderungen gut bewältigen können.

Was konnten Sie aus dieser Zeit für Ihre Arbeit mitnehmen?

Ich habe in der Zeit sehr viel gearbeitet und ich war auch bereit, weit über das Maß hinaus – was mein Stundenkontingent angeht – tätig zu werden. Aber ich denke, das erfordert es manchmal und das bin ich auch bereit zu geben, weil es für die Menschen, die hier ankommen, unglaublich wichtig ist. Ich stelle mir oft vor, wie wäre das, wenn ich jetzt fliehen müsste, wie wollte ich empfangen werden und das motiviert mich, mein Bestes zu geben. Und wenn ich ehrlich bin, bekomme ich unter dem Strich immer viel mehr zurück als ich gebe.

Wenn man einmal einen Blick in die Politik wirft: Hier will die Bundesregierung einerseits irreguläre Migration eindämmen und anderseits die Zuwanderung von Fachkräften ausbauen. Das erscheint als Widerspruch. Was ist Ihre Meinung dazu?

Also grundsätzlich bin ich für Zuwanderung von Fachkräften. Was ich aber schon tragisch finde, und wirklich nicht verstehen kann, ist, dass es für Menschen, deren Asylantrag abgelehnt wurde, keine langfristige Bleibeperspektive gibt.

Zum Beispiel in unserem Fall von Menschen aus der Türkei – Kurden, deren Asylantrag abgelehnt wurde, obwohl sie ihren Lebensunterhalt selber sichern, die Sprachkenntnisse besitzen und keine Straftat begangen haben.

Für Menschen, die vor dem 31. Dezember 2022 eingereist sind, gab es die Beschäftigungsduldung. Aber das ist eben für Menschen, die danach gekommen sind, nicht mehr möglich. Hier wünsche ich mir, dass die Politik Perspektiven schafft, da unsere Unternehmen diese Arbeitskräfte brauchen.

In welchen Bereichen der Integrationspolitik sehen Sie aktuell noch Verbesserungsbedarf?

Ich finde, den aktuellen politischen Debatten zuzuhören, extrem schwer, weil sehr vieles sehr negativ belegt wird. Im Vordergrund stehen nur Menschen, die es hier nicht richtig machen, die Straftaten begangen haben und bei denen man natürlich auch reagieren muss. Aber es gibt so viele andere.

Wenn ich mir Tuningen und meinen Arbeitsbereich ansehe, sehe ich auch, was es die Menschen kostet, hier anzukommen. Und die meisten geben sich so große Mühe, sie kämpfen, arbeiten und wollen etwas zurückgeben. Und das fehlt oftmals in der Berichterstattung komplett. Auf politischer Ebene würde ich mir zudem wünschen, dass über Asylanträge schneller entschieden wird, das geht einfach viel zu lang – oft zwei, drei Jahre.

Was braucht es Ihrer Meinung nach, damit Integration auf kommunaler Ebene langfristig gelingt?

Wir haben hier Menschen, die sich wirklich für die Geflüchteten verantwortlich fühlen. Aber natürlich brauchen wir auch einen Begegnungsort, was wir hier in Tuningen mit unserem Begegnungszentrum auch haben, wo wir uns treffen können, so dass Menschen sich kennenlernen können. Und natürlich brauchen wir eine Politik, hier auf kommunaler Ebene einen Gemeinderat, eine Verwaltung und einen Bürgermeister, die offen sind für die Menschen. Insgesamt bin ich in der Hinsicht, wie es jetzt bei uns läuft, schon sehr zufrieden.

Geflüchtete in Tuningen

Zahlen
Insgesamt gibt es in Tuningen 132 Geflüchtete und Menschen mit Migrationshintergrund, 70 Erwachsene und 62 Kinder. Diese Menschen kommen aus Sri Lanka, Syrien, Palästina, Irak, Afghanistan, Georgien, Türkei, Nigeria, China, Südkorea und der Ukraine. Allein aus der Ukraine stammen 31 Erwachsene und 26 Kinder.